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Neuschwanstein dankt ab : Freude am Wahn

  • -Aktualisiert am

Ob die Lage schuld ist? Das Märchenschloss Ludwigs II. Bild: dpa

Neuschwanstein ist nicht mehr das beliebteste Reiseziel Bayerns. Der Touristentraum von heute gleicht einem eingefrorenen Wirbelwind - und liegt in München.

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          Als Herr Maeda aus Kyoto in Florenz ankam, fragten ihn die europäischen Kollegen, die er dort traf, was er von Europa bereits gesehen habe. In Spanien den Prado, sagte Herr Maeda, in London die Tate, das Haus von Keats in Hampstead; Belgien habe er ausgelassen, weil man ihm erzählt habe, es gebe dort nur Autobahnlampen und Pommes (was der französische Kollegen mit einem stummen Nicken bejahte, Belgier waren nicht anwesend), in Paris den Louvre, an der Loire ein paar Schlösser. Aha! In Deutschland? Zuffenhausen, Ingolstadt, München, strahlte Herr Maeda: Porsche, Audi, BMW.

          Der Mann ist kein Einzelfall. Die bayerischen Touristenverbände vermelden im Schulterschluss mit den bayerischen Motorenwerken, dass nicht mehr Neuschwanstein, sondern die Münchner „BMW Welt“, eine gigantische Auto-Auslieferungshalle mit Museum in Form eines eingefrorenen Tornados, seit letztem Jahr das meistbesuchte Touristenziel Bayerns sei.

          Die phantastische Welt der Motorenwerke

          Ein Sieg der neuen Architektur über die alte, jubeln einige Kommentatoren, es stimme also nicht, dass Touristen am liebsten die alten Burgen und mittelalterlichen Städte aufsuchten, weil sie es dort schöner fänden, im Gegenteil. Das kann man so sehen – aber eigentlich sind sich bei genauem Hinsehen beide Bauten sehr ähnlich.

          Nicht nur, dass der wegen seines Märchenschlosses völlig überschuldete Märchenkönig Ludwig II. genau in dem Jahr entmündigt wurde, als das erste Auto über die Straßen rollte, nämlich 1886 – auch die BMW-Welt ist ein modernes Märchenschloss, ein Zauberwald aus zylinderbankübergreifenden Abgaskrümmern, in dem die Pferde Superbenzin trinken, und die Einhörner haben vorne und hinten Räder, der hässliche Zwerg heißt i3 und hat ein Elektrokabel im Hintern, und in den Plastikhöhlen der Cockpits flüstern zarte Feen, dass man sein Ziel nach fünfhundert Metern erreicht habe.

          Wie Neuschwanstein ist die riesige Glasschatulle der BMW-Welt ein Ort, der an die Welt des Kinderzimmers erinnert: hier die Ritterburg, dort die Kiste mit den Matchboxautos – vielleicht suchen Touristen in der Welt ja auch nur das in Groß, was in Klein in ihrem Kinderzimmer stand. Die Kosten Neuschwansteins betrugen bis zum Tod des Königs übrigens 6180047 Mark, veranschlagt waren anfangs 3,2 Millionen Mark.

          Diese für den König unschöne Kostensteigerung ist Teil der Touristenattraktion, was für andere Bauprojekte wie den Berliner Großflughafen bei Schönefeld hoffen lässt; die Kosten dort stiegen von zwei auf bald fünf Milliarden Euro, und wenn man statt Fluggästen jetzt noch Autos hineinstellt, könnte die märchenhafte halbfertige Betonburg zwischen den Rollfeldern noch mal die größte Touristenattraktion aller Zeiten werden.

          Dorthin pilgern sie nun: die BMW-Welt in München Bilderstrecke
          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

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