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Neues Wohnen : Man achte auf das Achterhaus

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Nur wer am Wasser wohnt, wohnt angenehm, vor allem, wenn Rampen in den Himmel ragen: Das „8 House” der Gruppe BIG in Ørestad Bild: Klaus Englert

Geniale Großtat: Ein junges dänisches Architektenteam baut in Kopenhagen eine Stadt in der Stadt am Wasser. Das größte skandinavische Wohnungsprojekt ist zum Magneten für Architekturfans geworden.

          Seit einiger Zeit macht in Kopenhagen ein Akronym die Runde, das sich ein selbstbewusstes, junges Architekturbüro zugelegt hat: BIG nennt es sich mit gehöriger Chuzpe. Das ist zwar einerseits lediglich das Kürzel für Bjarke Ingels Group, soll andrerseits aber selbstverständlich wörtlich verstanden werden. Das ständig wachsende Team des sechsunddreißigjährigen Ingels surft derzeit von Erfolgswelle zu Erfolgswelle. Selbst renommierte Stars staunen, denn niemand außer ihm kann gleichzeitig Großprojekte in Manhattan, Kairo, Schanghai, Astana, Vilnius und Grönland vorweisen; nicht zu vergessen Moscheen, die BIG im islamischen Tirana wie im protestantischen Kopenhagen errichtet.

          Die Bauarbeiten für die Kopenhagener Moschee, unweit von Universität und innerstädtischem Kanal, begannen kürzlich, obwohl zuvor Moscheegegner das Projekt hatten verhindern wollen und Ingels zahlreiche Todesdrohungen zugeschickt worden waren. Von den traditionellen islamischen Sakralbauten im christlichen Europa unterscheidet sich BIGs Projekt radikal. Unterstützt von der unabhängigen Muslim Stiftung Dänemarks, die dreizehn verschiedene islamische Verbände mit vierzigtausend Mitgliedern umfasst, sind neun begrünte, gebirgsartige Massive geplant, die sich zu einem eigenen Stadtviertel gruppieren und neben einer Gebetshalle für dreitausend Gläubige ein Auditorium, eine Bibliothek, eine Galerie und Geschäfte umfassen. Die eigentliche Moschee ragt sechsundvierzig Meter in die Höhe und mischt Elemente skandinavischer Moderne mit denen der islamischen Bautradition.

          Die kalte Luft der Realität

          Nicht minder kolossal ist BIGs Wohnungsprojekt für Ørestad, einen Kopenhagener Stadtteil für dreißigtausend Menschen, der seit den neunziger Jahren auf einem einstigen militärischen Übungsgelände entsteht. Nachdem die Stadtverwaltung erkannt hat, dass Einfamilienhäuser mit Vorgartengrün die Suburbanisierung im landschaftlich geprägten Amager verschlimmern, beschloss man eine radikale Kehrtwende: Die fünf Kilometer lange Bandstadt Ørestad zwischen Flughafen und Innenstadt sollte sich durch hohe Verdichtung, eine Metrolinie, eine Reduzierung des Autoverkehrs und ein ökologisches Konzept auszeichnen, das dem Naturschutzgebiet Kalvebod Fælled und der Köge Bucht zugute kommt. Auftakt für Letzteres war die Anlage von Reservoirs für Regenwasser, die mittlerweile zu künstlichen Seen angewachsen sind.

          Als Bjarke Ingels den Auftrag erhielt, am südlichen Rand von Ørestad, wo das üppige Grün von Kalvebod Fælled beginnt, eine Blockrandbebauung längs der Erschließungsstraße und der Metrolinie zu errichten, scheute er bald vor eintöniger Bebauung und riesigen leeren Innenhöfen mit Alibigrün zurück. Er, der in den neunziger Jahren seine Sporen in Rem Koolhaas' Rotterdamer Office for Metropolitain Architecture verdiente und dessen Credo der „Bigness“ wie kaum ein anderer verinnerlicht hatte, atmete nach der Gründung von BIG plötzlich die kalte Luft der Realität. Die alten Ideale nicht lassend, aber den örtlichen Gegebenheiten anpassend, entwarf der junge Däne gemeinsam mit seinem internationalen Team eine Stadt in der Stadt: ein monumentales, elfgeschossiges Gebäude für 475 Wohnungen, das im Grundriss eine Acht nachzeichnet.

          Waghalsige Treppen, gerundete Grashügel

          Attraktionen des „8 House“ sind die begrünten Dächer, die waghalsigen Treppen an der äußeren Fassade und die breiten Rampen, die als öffentlicher Parcours die einzelnen Wohnbereiche erschließen und die Gebäudehälften am Knotenpunkt durchschneiden. Hinzu kommen unterschiedlich gestaltete Innenhöfe, die im Süden mit grünen Terrassen und im Norden mit gerundeten Grashügeln gestaltet sind. Dazu passend durchzieht zusätzlich ein Fußweg den Riesenkomplex und vereinfacht den Zugang zu den Wohnungen.

          Das 8 House, in dem absichtsvoll keinerlei Stellplätze vorgesehen sind, ist zwar das größte skandinavische Wohnungsprojekt, doch setzten seine Architekten ein erstaunliches Maß an differenziertem Wohnraum durch. Sie schufen 125 verschiedene Wohnungstypen, wahlweise mit Maisonette, Vorgarten oder Dachterrasse; hinzu kommen zahlreiche Gemeinschaftseinrichtungen.

          Ausblick auf das Naturschutzgebiet

          Im Team wurde lange diskutiert, wie sich die Vorteile der außergewöhnlichen Gebäudestruktur verbessern lassen. Man entschied, den Gebäudeverlauf im Süden drastisch abzusenken, um die Bedingungen für Tageslicht und den Ausblick auf das Naturschutzgebiet und einen der erwähnten Seen zu verbessern. Lediglich bei den im Sockelgeschoss untergebrachten Büros hielt man dies für entbehrlich und legte sie in den hinteren, verschatteten Teil der Anlage. Als reizvolles Aperçu wurde an der südlichen Gebäudespitze ein Café mit überraschenden Ausblicken über den See und das grüne Amager eingerichtet.

          Ørestad ist mittlerweile zum Magneten für Architekturfans geworden. In den letzten Jahren sorgten beispielsweise Jean Nouvel, Daniel Libeskind und das dänische Büro 3XN mit eigenen Bauten dafür, dass es in diesem Experimentallabor für Urbanismus und Architektur weiterhin brodelt. Doch die Neulinge von BIG übertrafen sie alle. Nach ihren vielbeachteten Wohnprojekten VM House und BIG Mountain in Ørestads Bella Vista dürfte 8 House auch die letzten Skeptiker überzeugt haben.

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