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Neues Rollenbild : Die Jägerinnen

Artemis hat ein Zielfernrohr, das kommt dem Wild amerikanisch vor. Und was von Aktaion übrig ist, prächtig von der Decke grüßt. Bild: Coleman-Rayner

Bei den Griechen war Artemis Schutzherrin eines Handwerks, bei dem man sofort an Männer denkt. Heute greifen immer mehr junge Frauen zur Waffe. Warum nur?

          5 Min.

          Warum ist eigentlich bei den alten Griechen eine Frau und nicht ein Mann zuständig für die Jagd gewesen? Der Gott des Krieges war selbstverständlich ein Mann: Ares, ein mieser Rohling, blutrünstig, primitiv, brutal, einer, der Gewalt liebt und sie genießen kann. Von Zeus, dem eigenen Vater, wurde er verachtet, von Aphrodite, der Schönsten aller Schönen, ins Bett gelassen. Ein allzu gutes Licht hat das auf die Göttin der Liebe nicht geworfen.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Bei Aphrodites Halbschwester Artemis hätte ein Ares nicht den Hauch einer Chance gehabt. Artemis ist die Göttin des Waldes und Beschützerin der Frauen und Kinder, vor allem aber ist sie die jungfräuliche Göttin der Jagd. Artemis mag keine Männer. Den armen Aktaion, der sie beim Bad beobachtet hatte, verwandelte sie in einen Hirsch und ließ ihn von seinen eigenen Hunden in Stücke reißen. Warum nur ist eine Frau, die keine Männer mag, Schutzherrin eines Handwerks, das nur von Männern ausgeübt wurde?

          Jagdverletzungen in vorchristlichen Frauengräbern

          Bis ins neunzehnte Jahrhundert hielt man den Mythos von jagenden und kriegerischen Frauen für ein Ammen- und Amazonenmärchen. Dann wurden in Osteuropa, vor allem im Gebiet der heutigen Ukraine, immer mehr vorchristliche Grabstätten gefunden, in denen Frauen nicht nur mit ihrem Schmuck, mit Spindeln und Spiegeln, sondern auch mit ihren Waffen bestattet worden waren: Pfeil und Bogen, Jagdmesser, Schwerter, Spieße. Etliche Skelette wiesen Spuren schwerer Verletzungen auf, wie sie im Rahmen hausfraulicher Tätigkeiten auch damals eher selten gewesen sein dürften. Archäologen gehen davon aus, dass es sich um Kriegs- und Jagdverletzungen handelt.

          „Wahrscheinlich“, sagt Christina Schenk, „sind in einem Stamm oder einer Sippe doch wohl diejenigen auf die Jagd gegangen, die am besten dazu geeignet waren. Also die Schnellsten, Jüngsten, Geschicktesten. Und natürlich werden darunter auch junge Frauen gewesen sein.“ Christina Schenk, 34 Jahre alt, Kulturredakteurin eines Rundfunksenders, hat in ihrer Wohnung zwei Waffen: eine Büchse und eine Flinte. Sie hat eine achtmonatige Ausbildung hinter sich, hat zahlreiche Übungsstunden auf dem Schießstand absolviert, Unmengen Theorie gepaukt, vor vier Monaten schließlich die Jagdprüfung bestanden und zählt seitdem zu Deutschlands jungen Jägerinnen. Vor zwanzig Jahren waren unter hundert Jägern höchstens ein oder zwei Frauen zu finden, heute liegt der Frauenanteil bei mehr als zehn Prozent. Und wie war das vor einem halben Jahrhundert?

          „Jägerinnen waren damals absolute Exoten“, sagt Liesel Beer. Ihren Jagdschein hat sie 1964 gemacht, als Sechsundzwanzigjährige. Ludwig Erhard hatte soeben Konrad Adenauer als Bundeskanzler abgelöst, in Paris regierte noch immer Charles de Gaulle, die Beatles belegten die Plätze eins bis fünf der amerikanischen Single-Hitparade, Sartre lehnte den Nobelpreis ab, und im deutschen Fernsehen lief die erste Folge von Peter Frankenfelds Quizshow „Vergißmeinnicht“, ein Titel, der sich auf die zwei Jahre zuvor erfolgte Einführung der vierstelligen Postleitzahlen bezog. Wie kam eine junge Frau in jenen Jahren zur Jagd? „Mich reizte vor allem der Umgang mit Waffen. Ich wollte mit einer Waffe umgehen können und habe deswegen den Jagdschein gemacht. Ich wurde dann auch eine gute Kugelschützin. Die Schrotflinte hat mir allerdings nie so gelegen.“

          Das moralische Recht, ein Tier zu essen

          Und was bringt heute, fünfzig Jahre später, eine junge Frau dazu, in ihrer Freizeit Tiere zu töten? Macht Schießen Spaß? „Ja, Schießen macht definitiv Spaß“, sagt Christina Schenk. Aber für sie waren andere Gründe entscheidend. Als Stadtmensch hatte sie das Gefühl, den Kontakt zur Natur zu verlieren, eine Eiche nicht von einem Ahorn und eine Traktorspur nicht von einer Wildschweinfährte unterscheiden zu können. „Vor allem aber wird heute ja wahnsinnig viel über Fleischkonsum nachgedacht. Ich stand irgendwann vor der Entscheidung: Werde ich nun Vegetarierin oder Jägerin?“

          Erbarmungslos: Die Göttin der Jagd, Artemis
          Erbarmungslos: Die Göttin der Jagd, Artemis : Bild: Archiv

          Christina Schenk hat den „ehrlichen Weg“ gewählt, wie sie sagt. Sie wollte den Akt der Tötung nicht länger delegieren. „Wenn ich Fleisch essen will, dann muss ich auch so konsequent sein, das Tier selbst zu töten, selbst auszunehmen, selbst aus der Decke zu schlagen. Wenn ich das getan habe, dann habe ich auch das moralische Recht, das Tier zu essen.“ Ein reduzierter und bewusster Fleischkonsum, Beschränkung auf Fleisch aus artgerechter Haltung und der Gang zum Bio-Metzger, das würde ihr nicht reichen: „Beim Bio-Metzger wählen wir doch meistens nur die besten Stücke aus, Keule oder Filet. Und was ist mit dem Rest vom Tier? Haben Sie schon einmal Herz in der Auslage liegen sehen?“

          Aber man muss auch das Herz haben, den tödlichen Schuss abzugeben. Fällt das Frauen schwerer als Männern, vielleicht vor allem dann, wenn sie Jungwild vor der Büchse haben, Frischlinge etwa oder junge weibliche Tiere? „Das hat mir nie was ausgemacht. Ich bin Jahrgang 1938 und am Rand einer Kleinstadt aufgewachsen. Bei den Hausschlachtungen wurde damals nach dem Krieg jede Hand gebraucht, da war man als Kind dabei, und wenn man nur den Schwanz vom Schwein festgehalten hat. Hinterher mussten wir Kinder Blut rühren. Das Töten für den eigenen Bedarf, das kannte ich von klein auf.“ Ihr verstorbener Mann, Goldschmied wie sie und neun Jahre älter, sei ein Waffennarr gewesen, sagt Liesel Beer. Jugendjagdschein mit sechzehn, ein Jahr später als Soldat im Krieg.

          Yoga mit Jagdhund uns Gamsbart

          Liesel Beer hat den Jagdschein nicht zuletzt deshalb gemacht, weil sie sich in ihrem gemeinsam mit dem Ehemann betriebenen Goldwarenladen nicht „die Wurst vom Brot nehmen lassen“ wollte. Unterm Ladentisch lag immer eine Waffe. „Was ich mir erarbeitet hatte, das wollte ich mir von niemandem wegnehmen lassen. Ich wollte mich verteidigen können, wenn da mal ein böser Bube käme. Man weiß ja nie, wie man im entscheidenden Moment reagiert, wenn es wirklich einmal so weit kommt. Aber in Gedanken, ja, da habe ich das oft durchgespielt.“

          „Im Zweifelsfall gilt immer: den Finger lieber gerade lassen“, sagt Christina Schenk. Vor kurzem war sie auf einem dreitägigen Jagdausflug, auf dem sie keinen einzigen Schuss abgegeben hat. Die Ricken, die ihr vor die Büchse kamen, hatten Schonzeit, und die Böcke ließen sich nicht blicken. „Das macht aber nichts. Es geht doch beim Jagen bei weitem nicht nur darum, ein Tier zu erlegen. So ein Tag in der Natur ist auch ohne Abschuss beruhigend und kontemplativ. Jagen, das ist wie Yoga im Wald.“

          Yoga mit Jagdhund, Büchse und Gamsbart? Jagen Frauen womöglich ganz anders als Männer? Und wie reagieren Männer auf die Veränderungen im Revier? „Man musste schon sehr gut sein, wenn man anerkannt werden wollte als Frau“, erinnert sich Liesel Beer. Was zeichnet eine gute Jägerin aus? Die beiden Frauen sind sich einig: Nur schießen können reicht nicht, die Jägerin muss das erlegte Tier auch allein aufbrechen, ausnehmen, zerteilen und abtransportieren können. Das Klischeebild von der Amazone spuke höchstens noch in einigen Köpfen älterer Herren umher, glaubt Christina Schenk. Allerdings sei die Jagd ein Hobby, das eine Frau „weder dümmer noch unattraktiver macht. Als Jägerin muss man fit sein. Ich wundere mich manchmal: Während mancher Mann mit Kugelbäuchlein auf dem Hochsitz hockt, waren die jungen Frauen, die ich bislang bei der Jagd kennengelernt habe, alle ziemlich durchtrainiert.“

          Ein neues Jagen

          Ist das die einzige Geschlechterdifferenz im Jagdrevier? Junge Jägerinnen seien eindeutig auf dem Vormarsch, sagt Christina Schenk, aber der Geschlechtsunterschied spielt in ihren Augen eine geringere Rolle als der Altersunterschied. Es sei wohl eher eine Generationenfrage: „Jüngere Jäger sind heute oft eher auf der weiblichen Seite zu finden.“ Was heißt das? „Na ja, das sind keine Männer mehr, die sich Jagdtrophäen an die Wand hängen. Die wollen Zeit in der Natur verbringen und gehen den Komplex Jagd ganz bewusst an. Vielleicht sollte man heute von einem ,neuen Jagen‘ sprechen, das stark von einer weiblichen Komponente geprägt ist.“

          Im Zweifelsfall den Finger gerade lassen: Jägerin im Wald
          Im Zweifelsfall den Finger gerade lassen: Jägerin im Wald : Bild: dpa

          Liesel Beer hat viele Trophäen in ihrer Wohnung. Gezählt hat sie sie nicht. Sie weiß auch nicht, wie viele Tiere sie im Laufe ihres Lebens erlegt hat. Man sollte mit der Jagd aufhören, wenn man so viele Trophäen hat, dass man die Jagdgeschichten, die zu jeder Trophäe gehören, nicht mehr auseinanderhalten kann, sagt sie. Mit siebzig Jahren hat sie ihr Juweliergeschäft geschlossen und auch die Jagdbüchse an den Nagel gehängt. Christina Schenks Ehemann überlegt, ob er nicht auch einen Jagdschein machen sollte. Sind Liesel und Alwin Beer oft gemeinsam zur Jagd gegangen? „Nein, mein Mann war sehr gut mit der Flinte, ich nicht. Einmal bin ich bei einer Drückjagd in seinem Jagdrevier versehentlich unter Beschuss geraten. Von rechts und links prasselten die Schrote, und ich lag ganz schnell in der Rübenfurche. Außerdem hatten wir ja die Kinder. Da haben wir uns immer abgewechselt: Einer brachte die Kinder ins Bett, der andere ging zur Jagd.“

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