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Neues Opernhaus in Oslo : Großtroll will zwicken, Kleintroll will zwacken

  • -Aktualisiert am

Noch ist das neue Opernhaus in Oslo eine gewaltige Baustelle Bild: F.A.Z. Matthias Hannemann

Am Oslofjord entsteht eine neue, spektakuläre Oper - das größte Kulturprojekt Norwegens seit Jahrhunderten. Im Orchestergraben tummeln sich derzeit Schweißer statt Streicher. Ein Baustellenbesuch von Matthias Hannemann.

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          Ein Jahr später, und sie hätten uns mit einem verständnislosen Blick hinauskatapultiert aus dem Foyer am Fjord: Verschmierte Schuhe, Weste, Plastikhelm - allerhöchstens im Rampenlicht, bei einer, sagen wir: radikalnaturalistischen Inszenierung neunorwegischer Heldengestalten in Öl, ginge die abwaschbare Garderobe durch. Noch aber folgt die Kleiderordnung nicht den Regeln der Schicklichkeit. Vor der Glasfront rollen Lastwagen durch Staubwolken, das Foyer ist ungefegt, und der Weg zum Großen Saal mit Gerüsten, Planken und Kabeln verstellt.

          „Das hier“, sagt Tarald Lundevall, Projektleiter des Architekturbüros Snöhetta, „ist das größte Kulturprojekt, das Norwegen seit Jahrhunderten gewagt hat, und es wird auf lange Zeit auch das letzte dieser Dimension gewesen sein.“ Er setzt seinen Helm auf und lädt uns ein zu einem Besuch im beinahe vollendeten Opern-Neubau zu Oslo. Es ist ein strahlender Tag. Über den Fjord schiebt sich eine Passagierfähre. In der Stadt glitzert die Glasarchitektur, die das Terrain rund um den Hauptbahnhof klinisch bereinigt hat. Über die E 18 kriecht der Rushhour-Verkehr in Richtung Schweden.

          Schweißer statt Streicher

          Tarald Lundevall gönnt der Schnellstraße keinen Blick. Er verlässt einen Container, überquert einen behelfsmäßigen Betonsteg, zieht Holztüren auf und schleicht dunkle Gänge hinab wie ein Verschwörer. Bis wir in einer riesigen schwarzen Höhle stehen, zwischen Gerippen, die Eichenholzbalkone tragen werden, und dem Orchestergraben, in dem Schweißer statt Streicher kaltblaues Flackern produzieren. Lundevall schweigt, als hätten wir die Halle des Bergkönigs erschlossen.

          Zwar soll die Oper, die Ende der neunziger Jahre Gegenstand einer populistischen Debatte war, erst im kommenden April eröffnet werden. Nach vier Jahren Bauzeit steht aber nun das Gebäude, und so gibt es hier unten die Gelegenheit, sich in seinem noch unmöblierten Herzstück der Opernwelt hinzugeben: mit dem Bühnenbild, der Musik und dem Applaus als Projektion im Kopf. Nach Göteborg und Kopenhagen (und vor Stockholm, wo eine Opern-Debatte so sicher ist wie der Kuschel-Elch im Rucksack aller Schwedenfahrer) kommt auch in Oslo die bildungsbürgerliche Sehnsucht nach einer neuen kulturellen Trutzburg zum Ausdruck. Der Bilbao-Effekt, diesmal nordisch.

          Was rührt das idealistische Ego einer Nation?

          Bei Tarald Lundevall und seinen Kollegen von Snöhetta, dem Architekturbüro, dessen Entwurf sich bei den Ausschreibungen gegen 240 internationale Mitstreiter hatte durchsetzen können, wächst mit der Vorfreude auf die Eröffnung die Ehrfurcht vor dem geschaffenen Ort - und mit ihr die Gewissheit, die richtigen Ideen für einen Monumentalbau entwickelt zu haben, der „Norwegen als Kulturnation“ präsentieren soll und der alles sein möchte: bloß nicht monumental. Einen Hang zum Monumentalen räumt man im Norden allenfalls der Landschaft ein. Niemand käme darauf, ihn der protestantischen norwegischen Seele zuzuschreiben.

          Doch was rührt das idealistische Ego einer Nation, die sich als letzten Hort von Frieden und Gerechtigkeit begreift? Das Opernhaus werde dann symbolisch für Norwegen stehen können, befanden Snöhetta-Architekten, wenn es auf „vertikale und maskuline“ Formen verzichte und sich als ungewöhnlich zugänglich erweise.

          „Auf diesem Dach werden Menschen flanieren“

          So entstand der Entwurf eines 38.500 Quadratmeter großen Areals. Unmerklich wächst es aus dem Wasserspiegel des Hafenbeckens empor. Seine Bühnen, Werkstätten und Büros sind eingebettet in eine riesige, in unzuverlässiger Linienführung zu den Hügeln hinaufweisenden Fläche aus weißem italienischen Marmor. „Nicht mehr lange“, sagt Lundevall, „und auf diesem Dach werden Menschen flanieren.“ Nicht mehr lange, soll das heißen, und nicht die Bretter im Saal, sondern das Operndach am Fjord könnte zur eigentlichen Bühne der Hauptstadt werden.

          Dabei ist es wie immer: Mit allen Mitteln strebt Snöhetta-Architektur eine Symbiose mit der Landschaft an. Der Neubau der Bibliothek von Alexandria - wie eine futuristische Frisbee-Scheibe eingerammt in die Erde. Das Institut für Neurobiologie in Marseille - als habe man es aus der Umgebung herausgesprengt. Die norwegische Botschaft in Berlin - eingefügt in einen größeren Gebäudekomplex und doch um einen Felsen gebaut, der eigens aus Norwegen angeschleppt werden musste. Das vier Milliarden Kronen teure Projekt am Fjord will man als Ausdruck „horizontaler Monumentalität“ verstanden wissen.

          Schmuddliger Osten

          Jenseits des Wassers, auf einem Kai. Von hier aus wird schon jetzt die Tragweite der Entscheidung erahnbar, den neuen Blickfang der Stadt nicht im Westen von Rathaus und Festung anzusiedeln, im gediegenen bürgerlichen Oslo, sondern in einer dem Bahnhof vorgelagerten Bucht, die einst von Industrieanlagen stark verschmutzt und noch schlimmer städtebaulich vernachlässigt worden war.

          Früher war es, wie Hans Magnus Enzensberger in den „Norwegischen Anachronismen“ schrieb, das eigentliche Charakteristikum Oslos, dass die technokratische Stadtplanung „eine Schlappe nach der anderen“ erlebte. Die Marmorrampe aber könnte die Stadt womöglich belehren, endlich dorthin aufzubrechen, wo die Problemzonen liegen: in den schmuddligen Osten, der im Falle Oslos sogar den historischen Kern der Stadt beherbergt.

          Übergang zu einer „neuen Altstadt“

          Die Oper ist das Meisterstück eines neuen Masterplans. Damit sie an die Innenstadt andocken kann, wird eine der wichtigsten Verkehrsadern des Landes in einem Tunnel unter dem Fjord verschwinden. Für sie mussten Zehntausende Tonnen verunreinigten Grundes entsorgt und eine siebzig Meter breite Schiffsbarriere geplant werden. Und hinter ihrer pragmatisch, wie der Slot eines Computers konstruierten Rückseite, von der Lundevall sagt, über sie könne man das Gebäude mit unvorhersehbaren technischen Neuerungen nachrüsten, entstehen Wohnanlagen, die den Übergang zu einer „neuen Altstadt“ markieren werden.

          Insgesamt ist vom Ausbau eines fast eine Million Quadratmeter großen Terrains mit etwa fünftausend Wohnungen die Rede. Und von der Vision der „Fjordstadt“ Oslo, die Ausdruck des sich schleichend etablierenden neureichen norwegischen Gehabes ist. Das Visionäre hat nur dann eine Chance, wenn sich jene besänftigen lassen, die neu erschlossene Flächen lückenlos mit Gebäuden zupflastern, der Oper den Freiraum nehmen und den Blickkontakt von Stadt und Fjord unterbrechen möchten.

          „Einer der anspruchsvollsten Opernbauten der Welt“

          „Hier liegt die Zukunft der Stadt“, sagt Tarald Lundevall, überrascht darüber, wie leicht ihm diese Sätze fallen, „und dort entsteht einer der anspruchsvollsten Opernbauten der Welt.“ Lundevall, verheiratet mit einer Musikerin und neuerdings, seit einem Bayreuth-Besuch, auch Opernliebhaber, schwärmt von der Bühnentechnik, die das deutsche Unternehmen Bosch-Rexroth besorgte. Von der achteinhalb Tonnen schweren Lichtkrone, die man derzeit über dem Großen Saal installiert.

          Von den Textmonitoren, die jeder der 1358 Sitzrücken der Hauptbühne erhält, den „talking signs“ als Orientierungshilfe blinder Besucher. Und von der noch ausstehenden Gestaltung der Wasserflächen, für die man auch die deutsche Künstlerin Gunda Förster, das Trio Mader-Stublic-Wiermann und den in Berlin lebenden Norweger Lars Ramberg um Vorschläge bittet, während der gleichfalls in Berlin lebende Isländer Olafur Eliasson bereits das lichte, schlichte Foyer ausschmückt.

          Öffentliche Debatte um die Kleiderordnung?

          Wir flanieren durch die Gänge des Rohbaus. Überall wird gearbeitet. Lundevall klettert in den Proberaum für das Ballett, zeigt die Werkstatt der Kulissenmaler, den Aufzugschacht der Andienungsstraße. Er beschreibt, wie weiche Holzformen demnächst das Kurvenhafte der Streichinstrumente in die Architektur überführen werden; das Holz wird von einem kleinen Bootsbauer an der Westküste digital ausgefräst. Und immer wieder erklärt er, welche Herausforderung es für ein Architektenteam sei, in ständiger Rücksprache mit den Künstlern, die hier arbeiten sollen, ein Gebäude zu konstruieren, bei dem jeder Raum unterschiedlichen Anforderungen entsprechen muss. Tür auf. Tür zu. Ein Labyrinth. Auch gedanklich. Tarald Lundevall und seine Kollegen von Snöhetta haben einen ganzen Lebensabschnitt aufgezehrt für diesen Bau.

          Ein Jahr noch, dann wird Norwegen, einst Heimat von Kirsten Flagstad, heute etwa des Regisseurs Stefan Herheim, jeglichen Verdacht zurückzuweisen suchen, es verliere ob seiner Ölmilliarden den Kopf. Die Norwegische Oper, bislang in einem Filmtheater aus den dreißiger Jahren untergebracht, will die Anzahl der Aufführungen künftig verdoppeln. Komponisten erarbeiten Auftragsproduktionen mit Blick auch auf ein familiäres Publikum (Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“). Und die Boulevardpresse merkt an, es möge an den Theken des Operncafés doch tunlichst nicht nur Edelspeisen, sondern auch preiswertes Fassbier geben. Gut möglich, dass da auch eine öffentliche Debatte um die Kleiderordnung bloß eine Frage der Zeit ist.

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