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Neues Opernhaus in Oslo : Großtroll will zwicken, Kleintroll will zwacken

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Jenseits des Wassers, auf einem Kai. Von hier aus wird schon jetzt die Tragweite der Entscheidung erahnbar, den neuen Blickfang der Stadt nicht im Westen von Rathaus und Festung anzusiedeln, im gediegenen bürgerlichen Oslo, sondern in einer dem Bahnhof vorgelagerten Bucht, die einst von Industrieanlagen stark verschmutzt und noch schlimmer städtebaulich vernachlässigt worden war.

Früher war es, wie Hans Magnus Enzensberger in den „Norwegischen Anachronismen“ schrieb, das eigentliche Charakteristikum Oslos, dass die technokratische Stadtplanung „eine Schlappe nach der anderen“ erlebte. Die Marmorrampe aber könnte die Stadt womöglich belehren, endlich dorthin aufzubrechen, wo die Problemzonen liegen: in den schmuddligen Osten, der im Falle Oslos sogar den historischen Kern der Stadt beherbergt.

Übergang zu einer „neuen Altstadt“

Die Oper ist das Meisterstück eines neuen Masterplans. Damit sie an die Innenstadt andocken kann, wird eine der wichtigsten Verkehrsadern des Landes in einem Tunnel unter dem Fjord verschwinden. Für sie mussten Zehntausende Tonnen verunreinigten Grundes entsorgt und eine siebzig Meter breite Schiffsbarriere geplant werden. Und hinter ihrer pragmatisch, wie der Slot eines Computers konstruierten Rückseite, von der Lundevall sagt, über sie könne man das Gebäude mit unvorhersehbaren technischen Neuerungen nachrüsten, entstehen Wohnanlagen, die den Übergang zu einer „neuen Altstadt“ markieren werden.

Insgesamt ist vom Ausbau eines fast eine Million Quadratmeter großen Terrains mit etwa fünftausend Wohnungen die Rede. Und von der Vision der „Fjordstadt“ Oslo, die Ausdruck des sich schleichend etablierenden neureichen norwegischen Gehabes ist. Das Visionäre hat nur dann eine Chance, wenn sich jene besänftigen lassen, die neu erschlossene Flächen lückenlos mit Gebäuden zupflastern, der Oper den Freiraum nehmen und den Blickkontakt von Stadt und Fjord unterbrechen möchten.

„Einer der anspruchsvollsten Opernbauten der Welt“

„Hier liegt die Zukunft der Stadt“, sagt Tarald Lundevall, überrascht darüber, wie leicht ihm diese Sätze fallen, „und dort entsteht einer der anspruchsvollsten Opernbauten der Welt.“ Lundevall, verheiratet mit einer Musikerin und neuerdings, seit einem Bayreuth-Besuch, auch Opernliebhaber, schwärmt von der Bühnentechnik, die das deutsche Unternehmen Bosch-Rexroth besorgte. Von der achteinhalb Tonnen schweren Lichtkrone, die man derzeit über dem Großen Saal installiert.

Von den Textmonitoren, die jeder der 1358 Sitzrücken der Hauptbühne erhält, den „talking signs“ als Orientierungshilfe blinder Besucher. Und von der noch ausstehenden Gestaltung der Wasserflächen, für die man auch die deutsche Künstlerin Gunda Förster, das Trio Mader-Stublic-Wiermann und den in Berlin lebenden Norweger Lars Ramberg um Vorschläge bittet, während der gleichfalls in Berlin lebende Isländer Olafur Eliasson bereits das lichte, schlichte Foyer ausschmückt.

Öffentliche Debatte um die Kleiderordnung?

Wir flanieren durch die Gänge des Rohbaus. Überall wird gearbeitet. Lundevall klettert in den Proberaum für das Ballett, zeigt die Werkstatt der Kulissenmaler, den Aufzugschacht der Andienungsstraße. Er beschreibt, wie weiche Holzformen demnächst das Kurvenhafte der Streichinstrumente in die Architektur überführen werden; das Holz wird von einem kleinen Bootsbauer an der Westküste digital ausgefräst. Und immer wieder erklärt er, welche Herausforderung es für ein Architektenteam sei, in ständiger Rücksprache mit den Künstlern, die hier arbeiten sollen, ein Gebäude zu konstruieren, bei dem jeder Raum unterschiedlichen Anforderungen entsprechen muss. Tür auf. Tür zu. Ein Labyrinth. Auch gedanklich. Tarald Lundevall und seine Kollegen von Snöhetta haben einen ganzen Lebensabschnitt aufgezehrt für diesen Bau.

Ein Jahr noch, dann wird Norwegen, einst Heimat von Kirsten Flagstad, heute etwa des Regisseurs Stefan Herheim, jeglichen Verdacht zurückzuweisen suchen, es verliere ob seiner Ölmilliarden den Kopf. Die Norwegische Oper, bislang in einem Filmtheater aus den dreißiger Jahren untergebracht, will die Anzahl der Aufführungen künftig verdoppeln. Komponisten erarbeiten Auftragsproduktionen mit Blick auch auf ein familiäres Publikum (Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“). Und die Boulevardpresse merkt an, es möge an den Theken des Operncafés doch tunlichst nicht nur Edelspeisen, sondern auch preiswertes Fassbier geben. Gut möglich, dass da auch eine öffentliche Debatte um die Kleiderordnung bloß eine Frage der Zeit ist.

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