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Tyler, the Creator : Nimm deine Maske ab!

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Eigenwillige Do-it-Yourself-Ästhetik: Tyler, the Creator im Konzert beim amerikanischen Governor’s Ball Music Festival Ende Mai Bild: Reuters

Tyler, the Creator, hat sein erstes Nummer-Eins-Album veröffentlicht. Auf „Igor“, das den Krawall von einst gegen Intimität tauscht, sucht der Rapper im Trennungsschmerz nach Wahrheit.

          3 Min.

          Skateboards, schlechte Witze, zu wenig Mädchen: Als das Rap-Kollektiv Odd Future 2009 an die Öffentlichkeit trat, konnte man den vielleicht prägnantesten Ausdruck männlicher Adoleszenz seit den Beastie Boys beobachten. Eigentlich recht schüchtern wirkende junge Leute aus Los Angeles, die mit Eminem und Jackass aufgewachsen waren, rappten über psychische Krankheiten, Gewalt und alles, was ihre liberale Eltern gegen sie aufbringen konnte. In Deutschland hätte man sie als Rüpel-Rapper bezeichnet, vielleicht ausnahmsweise zu Recht. In Zentrum der Gruppe: Ein Lulatsch mit zu tief geratener Stimme – der Rapper und Produzent Tyler, the Creator verlieh dem pubertären Verhalten der Gruppe eine körperliche Dimension.

          Doch gerade Tyler konnte sich noch so viel Mühe geben: Sein Talent ließ sich nicht verbergen. Bereits die ersten Tracks zeigten unter der provozierenden Oberfläche eine bemerkenswerte Stilsicherheit. Er verfügte über eine enzyklopädische Kenntnis afroamerikanischer Musikgeschichte und interessierte sich ernsthaft für Keyboards. Spätestens auf dem kühlbrisigen Album „Flower Boy“ legte er 2017 seine Punk-Attitüde ab. Er baute große Songs, arbeitete mit Jazzmusikern wie Roy Ayers zusammen und wandelte harmonisch auf den Pfaden von Herbie Hancock und den Headhunters. Und: Er rappte über sein Hingezogensein zu anderen Männern.

          Steckt in ihm doch ein Spießer?

          Auch auf „Igor“ hat Tyler die Musik wieder zum größten Teil selbst produziert. Während das hochgelobte und grammynominierte „Flowerboy“ bisweilen sehr opulent geraten war, ist das neue Album zurückhaltender. Tyler stellt nicht mehr so sehr seine Songwriter-Fähigkeiten zur Schau, sondern lässt wie auch seine alten Odd-Future-Kollegen Frank Ocean und Earl Sweatshirt konventionelle Liedstrukturen hinter sich. Anders als beim eher rhythmisch denkenden Sweatshirt zerfällt das Album aber nicht in kunstvolle Mosaiksteine. Stattdessen lässt Tyler seine auch an den Neptunes geschulten Akkordprogressionen dahinfließen. Sie sind noch immer avanciert und eigenwillig, aber zu sehr Do-it-yourself, als dass passieren könnte, wovor Tyler sich wohl immer noch fürchtet: Applaus von der falschen Seite, etwa vom Typus jazz-affiner Klassenlehrer.

          Von Frankensteins buckligem Helfer, der dem Album zu seinem Namen verholfen hat, ist wenig zu hören: „Igor’s Theme“ beginnt mit dämonischen Synthies und harten Breakbeats, auf dem eingängigen „Earfquake“ löst sich die düstere Atmosphäre aber auf. Manchmal wirkt es, als habe Tyler das Rappen ganz gegen das Singen eingetauscht. Während er seine Stimme früher ab und an herunterpitchte, um sich als grotesker „Goblin“ zu präsentieren, ist jetzt das Gegenteil der Fall. Mit elektronischen Hilfsmitteln wirft er seine Vocals nach ganz oben, von wo sie wie Wandfarbe auf die Beats heruntertropfen. Die intonatorischen Freiheiten, die er sich dabei nimmt, sind natürlich berechnet. Sie sollen signalisieren, dass Tyler Ambitionen mit Antibürgerlichkeit versöhnen will. Sie setzen das Album noch stärker vom Vorgänger ab – auf Dauer nerven sie trotzdem.

          Die emotionale Wirkung zieht das Album aus seiner Privatheit. Niemand wird bestreiten können, dass auch Rap mehr Künstler benötigt, die offensiv-emanzipatorisch mit ihrer Queerness umgehen. Tyler nimmt diese Rolle nicht ein. Im Umgang mit der Thematik ist wenig vom Künstler übrig, der einst mit Zeilen wie „Kill people, burn shit, fuck school“ auf sich aufmerksam machte. Das Album ist unkrawallig und intim. Nur aus Wortfetzen entfaltet sich allmählich eine Erzählung: Sein Freund (oder ist es nur sein Schwarm?) verlässt ihn für eine Frau. Es ist ein Trennungsalbum, ein Album über die Angst verlassen zu werden, über Selbstschutz, präventiven Liebesentzug und die Sehnsucht nach Gegenseitigkeit („I want your company, I need your company, I want you to want for me“). Weil er selbst lange darauf wartete, dass seine Lust auf Männer irgendwann wieder verschwindet, ist Tylers Blick auf den Liebhaber vor allem Modus der Selbsterkenntnis. Dialog und Selbstgespräch, Realität und Paranoia lassen sich nicht ohne weiteres trennen.

          Man hat Tyler vorgeworfen, dass seine neuentdeckte Zurückhaltung unsolidarisch sei. Steckt in ihm doch ein Spießer, der sich wegduckt, wenn es um mehr geht als um seichte Unverschämtheiten? Die Stimmen, die in seinem Outing nur eine weitere ironische Provokation gesehen haben, scheinen derweil stiller geworden zu sein. Wenn Tyler selbst zu seinem Gegenüber sagt „Take your mask off“ oder „You never lived in your truth“, spürt man, wie kompliziert das alles ist. Doch auch Tylers Jungencharme funktioniert: Alberne Zeilen wie „You’re my favorite garçon“ vermitteln ein Gefühl von Sicherheit und Zufriedenheit. Tyler vergleicht seinen „Boy“ mit der geliebten japanischen Modemarke „Comme de Garçons“: Klassisches Rap-Aufreißertum für eine neue Zeit. Die Eifersucht auf die beteiligte Frau wiederum irritiert. Das Verhältnis zu ihr steigert sich von Konkurrenz („I hope you know she can’t compete with me“) über Kampfeslust („I need to get her out the picture“) zu Auslöschungsphantasien („She’s gonna be dead“). Damals als Bürgerschreck hätte Tyler das sicher drastischer formuliert, inmitten von so viel Intimität bedrückt es umso mehr. Es ist ein kompliziertes Album.

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