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Julia Bähr, Redakteurin im Feuilleton

Neuer Twitter-Hinweis : Erst mal lesen

  • -Aktualisiert am

Twitter-Logo Bild: AFP

Twitter fordert seine Nutzer auf, Artikel selbst zu lesen, ehe sie sie teilen. Dabei gehören die Halbinformiertheit der einen und die Besserwisserei der anderen doch zum Geschäftsmodell.

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          „Die Überschrift erzählt nicht die ganze Geschichte“ – mit dieser simplen Botschaft will Twitter in immer größerem Umfang seine Nutzer davon abhalten, unüberlegt Inhalte weiterzuverbreiten. Erste Versuche dazu gab es seit Juni und erst einmal nur auf Android-Handys; jetzt bekommen auch in Deutschland vermehrt Nutzer auf allen Smartphones den Hinweis angezeigt. Wer also einen Artikel teilen will, ohne ihn vorher auch nur geöffnet zu haben, der wird dabei zunächst unterbrochen und aufgefordert, ihn zu lesen. Das ist durchaus sinnvoll: Die Nutzer müssen selbst die Qualitätskontrolle ihrer Accounts übernehmen, wenn sie nicht zu Linkschleudern verkommen wollen. Dass die vielen Journalisten, die auf Twitter ihre eigenen Texte teilen, künftig automatisch dazu angehalten werden, ihre Artikel doch erst mal selbst zu lesen, ist immerhin ein hübsches subversives Element.

          Aber die Ergebnisse der Testreihe zeigen, wie ernst es Twitter mit der Seriosität sein muss, denn sie geht auf Kosten des Netzwerks: Twitter gab bekannt, dass immerhin vierzig Prozent der Nutzer sich dazu bringen ließen, den Artikel tatsächlich zu öffnen, und einige nach der Lektüre des Textes aufs Teilen ganz verzichtet hätten. Nun kann man als Nutzer der Plattform durchaus den Eindruck gewinnen, dass Debatten über offenkundig höchstens teilweise gelesene Artikel dort ein folkloristisches Element sind. Die Zeit und die Seitenaufrufe, die Menschen für diese Diskussionen aufwenden, könnte durch den neuen Hinweis verringert werden – und damit verdiente auch Twitter weniger Geld daran.

          Theoretisch könnte die Firma ihre Überlegung konsequent weiterführen: Nur wer aufmerksam die politische Talkshow schaut und nicht nur mit halbem Ohr hinhört, darf darüber twittern – zack, ein Fünftel der Beiträge dazu wären weg. Nur wer ein Buch wenigstens aufgeklappt hat, darf eine Wertung dazu abgeben – ebenfalls ein Fünftel perdu. Das wäre allerdings nicht nur technisch schwierig umzusetzen, sondern auch ökonomisch ruinös. Die Halbinformiertheit mancher Nutzer gehört eben zum Geschäftsmodell von Twitter. Genauso wie die enorme Freude anderer daran, sie ausführlich in einer ganzen Reihe von Tweets darüber aufzuklären, wo sie falschlagen.

          Julia Bähr
          Koordinatorin F+Inhalte und redaktionelles SEO.

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