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Lebensmut beim Kräutergärtnern : Kann Landwirtschaft Kranke heilen?

  • -Aktualisiert am

Gärtner Wim Vercoutter ist seit 15 Jahren Leiter der Biokräuterfarm – und kümmert sich nicht nur um den Anbau, sondern auch um die Patienten. Bild: Jessica Jungbauer

In der Kräuterfarm „De Kruiderie“ arbeiten Menschen mit geistigen oder körperlichen Erkrankungen. Spitzenköche aus Toprestaurants reißen sich um die erlesenen und seltenen Produkte von ihren Feldern.

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          Kartoffelsalat mit lila Knoblauchknospen, Lasagne mit Kapuzinerkresseblüten, Brownies mit Zitronenthymian. Ein Mittagessen im Gewächshaus der Farm „De Kruiderie“ in der Nähe von Brügge in Belgien zelebriert Kräuter und Blüten in allen Farben und Formen. Rooibos-Limonade mit essbaren Blumen füllt die Gläser, die Sonne scheint durch die Scheiben. Ein idyllischer Ort, der über sich selbst hinauswächst: Nicht nur, dass die Kräuterfarm eine der wenigen in der Region ist, die Biokräuter heranzieht; sie hilft auch Menschen mit geistigen oder körperlichen Erkrankungen, wieder Sinn und Freude im Leben zu finden.

          „Am Anfang galt das hier ein bisschen als Hippie- Projekt“, sagt Wim Vercoutter, Betriebsleiter und gelernter Gärtner. Der Mann im Karohemd und mit Vollbart zeigt auf die bunten Wiesen hinter ihm. Und erzählt, wie die Farm vor mehr als 40 Jahren von drei Menschen gegründet wurde, die schnell bekannt wurden. Damals galt Biogemüse noch als etwas Besonderes. Als die Arbeit immer mehr wurde, bewarben sie sich um Fördermittel bei der Regierung, die wurden genehmigt, zum ökologischen Anspruch kam ein sozialer dazu.

          „Der Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Unterstützung von Menschen, die aus verschiedenen Gründen Schwierigkeiten haben, Arbeit zu bekommen. Das kann Magersucht sein, eine Depression oder Drogenmissbrauch.“ Hier, nur 20 Autominuten außerhalb der Stadt, finden diese Menschen eine sinnvolle Beschäftigung und Struktur im Leben. Etwa 15 Personen, die in Behandlung sind, und fünf weitere im Freiwilligendienst aus aller Welt arbeiten auf der Farm. „Sie bekommen ihr Selbstvertrauen zurück, ihr Selbstwertgefühl wird gestärkt, sie entwickeln sich weiter und können dann hoffentlich weiterziehen“, so Vercoutter. Neben ihm, der Landwirtschaft studiert hat, gibt es drei weitere Teammitglieder mit einem Studium im Sozialwesen. Die Menschen mit einer Erkrankung wohnen in der Gegend und bekommen einmal pro Woche Besuch, um zu reden. „Sie arbeiten hier, bekommen Geld von der Regierung – und wir bekommen Geld, um sie auf das Leben vorzubereiten.“

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          Im Gewächshaus nebenan sortieren die Mitarbeiter die Pflanzentöpfe mit Kräutern, sitzen beisammen und unterhalten sich. Der gesamte Betrieb des Hofes ist auf die Arbeit mit den Erkrankten ausgerichtet: Am Anfang ging es noch darum, 13 Hektar zu bewirtschaften. Die Arbeit wurde immer mehr, aber natürlich wollte man niemanden überfordern. „Da wir aber eine bestimmte Menge an Gemüse liefern mussten, haben wir bis spät in die Nacht gearbeitet, um die zu behandelnden Personen trotzdem um 16 Uhr nach Hause schicken zu können.“ Gleichzeitig waren die Preise für Gemüse niedriger als für die Kräuter. Die Lösung? Das Gemüse aufzugeben und sich auf Kräuter und Blüten zu spezialisieren.

          Frisch vom Feld: Lila Knoblauchblüten am Kartoffelsalat
          Frisch vom Feld: Lila Knoblauchblüten am Kartoffelsalat : Bild: Jessica Jungbauer

          „Wir versuchen, die Arbeit so zu gestalten, dass sie für die Menschen angemessen ist“, erklärt Vercoutter. Die wichtigste Voraussetzung: eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Daher wird die Arbeit langsam gesteigert, zunächst einen Tag pro Woche, dann zwei, drei oder vier Tage. „Wir passen den Arbeitsaufwand an die Zahl der Leute an. Sind nur 10 Leute da, pflanzen oder ernten sie nur eine bestimmte Menge an Kräutern, und in der nächsten Woche, wenn mehr da sind, kann man mehr machen.“ Auch die Art der Arbeit richtet sich nach Bedürfnissen und Fähigkeiten. Wer nicht schreiben oder rechnen kann, arbeitet mehr mit den Händen, im Garten oder auf dem Feld. Wer körperliche Einschränkungen wie etwa Rückenprobleme hat, pflanzt die Samen in die Töpfchen. „Wir variieren die Arbeit, je nachdem, wie sie ihnen am besten helfen kann und womit sie sich wohlfühlen.“

          Im Gewächshaus pflücken Köche im Winter ihre Kräuter ganz nach Bedarf.
          Im Gewächshaus pflücken Köche im Winter ihre Kräuter ganz nach Bedarf. : Bild: Jessica Jungbauer

          Gleichzeitig ist die Spezialisierung der Farm auf Kräuter und Blüten nur dank der Menschen mit einer Erkrankung und der Mitarbeiter aus dem Freiwilligendienst überhaupt möglich: „De Kruiderie“ pflanzt um die 300 verschiedene Sorten an. „Wir bringen immer wieder neue Blüten, neue Farben und Düfte auf den Markt. Ein Bund Kräuter kostet 75 Cent, eine Packung Blüten drei Euro. Es ist schon eher ein Nischenprodukt“, sagt Vercoutter. Es braucht viele Hände – mit regulären Mitarbeitern und einem festen Stundenlohn wäre das kaum möglich. Von nur einem Hektar liefern sie jede Woche 1000 Päckchen Blüten an den Großhandel. Vercoutter: „Es funktioniert in beide Richtungen. Die Menschen bekommen die Erfahrung, aber für uns sind sie natürlich wertvoll, um die Kräuter und Blüten überhaupt erst auf den Markt zu bringen.“

          Gepflanzt wird, was der Markt verlangt – und die Restaurants. „Wir wählen immer die schwer zu findenden Kräuter und Blüten.“ Zum Beispiel Thunbergia alata. „Sie schmeckt wie saurer Apfel. Man kann sie zwar in den großen Geschäften finden, aber sie ist voller Chemikalien und Pestizide, damit sie besser wächst“, so Vercoutter. Im Gegensatz dazu wird sie hier biologisch angebaut, weil die Köchinnen und Köche danach fragen. „Sie wollten sie für ihre Pasteten haben, konnten sie aber nicht in essbarer Form finden.“ „De Kruiderie“ arbeitet mit 25 Restaurants in der Region zusammen, darunter auch mehrere Sternerestaurants.

          Anders als Restaurants, die ihre Kräuter aus dem Ausland beziehen, legen diese Wert auf regionale und saisonale Zutaten. „Sie verwenden die Kräuter, die gerade wachsen. Und zwar nicht nur als Beilage, sondern als Bestandteil des Gerichts, sowohl was das Aussehen der Blüten angeht als auch den Geschmack der Kräuter.“ Außerdem können die Köchinnen und Köche so viel pflücken, wie sie benötigen. So wird nichts verschwendet. Vercoutter sagt: „Für die Menschen hier ist es schön, wenn die Köchinnen und Köche auf die Farm kommen. Sie sind stolz, wenn sie mit ihnen reden können.“

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          So auch Küchenchefin Lien Vandeputte vom Restaurant „Réliva“ in Brügge, einem kleinen Lokal, das sich ganz auf beste Bioprodukte aus der Region spezialisiert hat. „Wir kommen zweimal pro Woche auf die Farm, um Kräuter zu pflücken.“ Nicht nur die Nähe zu den Produzenten ist ihr wichtig, sondern auch der kurze Ausflug in die Natur, um durchzuatmen. Sie hat auch das Mittagessen im Gewächshaus zubereitet. Jetzt pflückt sie mit ihrem Partner noch ein paar Kräuter. „Ich verwende das, was hier wächst, und überlege, was man damit machen kann“, sagt Vandeputte. Ihr Partner fügt hinzu: „Wir ändern unsere Gerichte je nachdem, was es hier gibt.“ Am liebsten mag sie Zitronenthymian, den sie auch in ihren Brownies verwendet hat.

          Auf dem Feld zeigt Vandeputte auf eine orangefarbene Blume, zupft eine Blüte ab, riecht daran, probiert sie. „Das ist die Blüte der Kapuzinerkresse. Die liebe ich, weil sie so schön ist und auch gut schmeckt. Oder den wilden Fenchel da hinten! Der Anis ist besonders intensiv und verleiht einem Gericht eine gewisse Frische.“

          Die Hauptarbeit auf der Kräuterfarm – das Züchten und Pflegen der Pflanzen – ist mit dem Ende des Sommers vorbei. „Aber gerade der Winter ist eine harte Zeit. Es ist dunkler, die Menschen sind anfälliger für Depressionen und gesundheitliche Probleme“, sagt Vercoutter. „Wir mussten uns also fragen, wie wir diesen Menschen Arbeit geben können, und zwar auf eine produktive Art und Weise.“ Vercoutter führt in die Innenräume der Farm, wo ein Dörrautomat in der Ecke steht. Darin werden die Kräuter getrocknet und dann zu verschiedenen Gewürzmischungen weiterverarbeitet. Außerdem braut „De Kruiderie“ ihr eigenes Bier und stellt auch Gin her. Es gibt also immer etwas zu tun. „Das einzige Problem, das wir haben, ist, dass alle hierbleiben wollen“, sagt der Betriebsleiter. „Wir nennen es das ‚Nistplatzproblem‘. Die Erkrankten kommen zu uns und finden hier eine große Familie vor, mit Menschen aus aller Welt. Aber am Ende der Straße wartet die wirkliche Welt auf sie.“

          Das einzige „Problem“: Alle wollen immer hierbleiben, weil es so angenehm ist.
          Das einzige „Problem“: Alle wollen immer hierbleiben, weil es so angenehm ist. : Bild: Jessica Jungbauer

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