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Neuer Kopierschutz für E-Books : Adobe rudert zurück

Alles könnte so kinderleicht sein, wenn der leidige Kopierschutz nicht wäre. Was die Musikbranche mittlerweile gelöst hat, daran knabbern die E-Book-Anbieter noch. Bild: dpa

Der Softwarehersteller Adobe führt einen neuen Kopierschutz für E-Books ein, verlangt von Händlern und Kunden ein Zwangsupdate - und nimmt ihn nach heftigen Protesten aus der Branche wieder zurück.

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          Gestern noch war die Aufregung bei den E-Reader-Besitzern groß. Denn Adobe ließ verlauten, es wolle seinen bisherigen Kopierschutz mit der Versionsnummer 2.01 nur noch bis Juli unterstützen. Danach würden Hersteller und Online-Buchhändler gezwungen sein, auf die neueste Version 3.0 umzusteigen, die bereits im Januar eingeführt worden war - und mit ihnen auch die Verbraucher. Mit der neuen Version kommt der ebenfalls neue Content Server 5 zum Einsatz, der den Vorläufer ablöst. Heute allerdings rudert Adobe zurück: Man wolle weiterhin die alte Version anbieten, heißt es im Blog der Firma Datalogics, ein Partnerunternehmen, an das Adobe seine Kopierschutzprodukte ausgelagert hat. Niemand soll zum Umstieg gezwungen werden. Was war da los?

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Adobe-Update betrifft potentiell alle, die bei ihren E-Books nicht auf Amazons komfortablen, aber geschlossenen Kindle-Standard setzen wollten, sondern einen offenen Standard wie epub wählten. Bei den epub-Büchern großer Verlage kommt man um eine Registrierung für Adobes Kopierschutzsystem kaum herum. Dieses sogenannte DRM - kurz für „Digital Rights Management“ - ist fast jedem bei einem der üblichen E-Book-Shops gekauften Buch eingeschrieben wie ein digitales Wasserzeichen. Es soll gewährleisten, dass einmal gekaufte Bücher nicht mit anderen Lesern geteilt und nur auf für sie freigeschalteten Lesegeräten dargestellt werden können - man kann epub-Bücher beispielsweise nicht auf einem Kindle darstellen. Die Bücher werden auf Adobes „Content Server“ gespeichert, und damit sie dort liegen dürfen, zahlen die Verlage eine Gebühr. So entsteht ein streng eingehegter Rechtegarten, der es den Lesern nicht unbedingt einfach macht.

          Wer es darauf anlegt, kann den Kopierschutz knacken

          Und nun also die neue Version. Allzu viele Neuerungen wird das Update für den Kunden nicht bringen. Ein paar Layout-Verbesserungen hier und da, eine bessere PDF-Suche, das war’s. Dennoch wollte Adobe seine Kunden und Vertragspartner zum Update zwingen. Und zwar mit folgendem Argument: Der Kopierschutz der Version 3.0 soll deutlich schwerer zu knacken sein als bei der Vorgängerversion. Denn bei dieser konnte das DRM mit dem E-Book-Verwaltungsprogramm Programm „Calibre“ und einem Plug-in zugegebenermaßen ziemlich einfach entfernt werden, wenn man es darauf angelegt hat. Was so ungefähr jeder tat, der auf seinem E-Book englischsprachige Kindle-Bücher lesen wollte, ohne einen Kindle zu besitzen. Denn Rechteschutz wird großgeschrieben in der E-Book-Branche, Kundenfreundlichkeit und Offenheit dagegen nur sehr, sehr klein.

          „Wir wurden aus der Branche gebeten, doch einmal etwas zu tun beim Kopierschutz“, sagt Ingo Eichel, Senior Business Development Manager bei Adobe. „Und wenn die Version fertig ist, möchten wir sie möglichst schnell im Markt anbringen.“ Dabei mache für einen wirksamen Kopierschutz nur das Zusammenspiel der technischen Umgebungen Sinn, sprich: Digital Editions 3.0 plus Content Server 5.

          Viel Werbung hat Adobe für seine Neuerung bisher nicht gemacht. Damit das Update dennoch auch von den Endbenutzern reichlich heruntergeladen wird, hat Adobe es mit einem Sicherheits-Update verknüpft. Die alte Version habe eine Sicherheitslücke, daher solle die neue so bald wie möglich installiert werden, heißt es auf der Adobe-Homepage. Auch das BSI, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, rät zum Update.

          Nur nicht hetzen lassen vom Software-Riesen

          Noch rumpelt es ein wenig, was die Kompatibilität des neuen Kopierschutzes angeht. Adobe musste denn auch bereits wenige Tage nach dem Release ein Patch nachschieben, das die Konvertierung älterer E-Books erleichtert. Doch Nutzer von Online-Bibliotheken, den „Onleihen“, sollten vorerst bei der alten Version bleiben, denn mit dem Update gibt es massive Probleme. Und wie schnell die Hersteller von E-Book-Readern und die E-Book-Shops sich auf das neue System umstellen können, weiß man derzeit auch nicht. Kunden von Ebook.de und beim Tolino-Verbund sollten besser noch nicht updaten.

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