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Neuer Erklärungsversuch : Was war Stonehenge?

  • -Aktualisiert am

Mystisch liebten es unsere Vorfahren - oder ist es nur unser modernes Empfinden, das in den Ruinen von Stonehenge etwas Geheimnisvolles sehen will? Die Wissenschaft jedenfalls ist sich noch keineswegs einig, wozu diese Anlage gedient hat Bild: AFP

Der Archäologe Mike Parker Pearson glaubt nach zehnjähriger Arbeit der Lösung des Rätsels um Stonehenge näher gekommen zu sein: Das Monument war ein Grabdenkmal. Er stößt aber auch auf Widerspruch.

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          Im Laufe der Jahrhunderte sind unzählige Spekulationen angestellt worden, um die Ursprünge der prähistorischen Anlage von Stonehenge zu erklären. Der Archäologe Mike Parker Pearson glaubt, wie er jetzt in einer britischen Fernsehdokumentation dargelegt hat, nach zehnjähriger Arbeit der Lösung des Rätsels um das Monument einen großen Schritt näher gekommen zu sein. Seine Theorie, wonach Stonehenge ursprünglich ein Grabdenkmal gewesen sei, beruht sowohl auf Analysen menschlicher Überreste in Stonehenge als auch von Funden in der vor einigen Jahren entdeckten jungsteinzeitlichen Siedlung Durrington Walls, die womöglich die Erbauer des rund drei Kilometer entfernten Steinkreises behaust hat.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts wurden in Stonehenge menschliche Gebeine aus Gruben unter einigen der sechsundfünfzig nach dem Altertumsforscher John Aubrey benannten Löcher gehoben, die einen Ring um die jetzige Struktur bilden. Damals maßen die Archäologen diesen eingeäscherten Knochen keine große Bedeutung zu. Sie haben sie schließlich 1935 wieder vergraben, kunterbunt zusammengeworfen in einem der Aubrey-Löcher, wie sich 2008 bei den von Parker Pearson geleiteten Ausgrabungen herausstellte.

          Parker Pearson datiert die Grabstätte um 3000 vor Christus

          Inzwischen konnten diese Knochenreste ausgewertet werden. Die Zahl der Gehörknöchel lässt darauf schließen, dass es sich bei den schätzungsweise 50.000 Fragmenten um die Überreste von 65 Menschen handelt. Parker Pearson ist der Ansicht, dass sie einer besonderen Elite angehörten, die ihre Toten in einer frühen Phase der Anlage von Stonehenge beigesetzt hat. Während bislang vermutet wurde, dass die Aubrey-Löcher Pfähle aufnahmen, meint Parker Pearson, dass später versetzte Blausteine in ihnen verankert waren, die ursprünglich als Grabsteine gedient hätten.

          Anhand der Radiokarbonuntersuchung der Knochenreste datiert Parker Pearson die Grabstätte um 3000 vor Christus, fünfhundert Jahre früher als die noch stehende Sarsensteinkonstruktion. Die Anlage sei aufgrund des kosmologischen Zufalls zweier parallel verlaufender, durch Schmelzwasser aus der Eiszeit gebildeter Rinnen gewählt worden, die direkt auf die Stelle der Wintersonnenwende zugehen und wie ein Gotteszeichen gewirkt haben müssten. Sie sind bis heute sichtbar als Teil des von Nordosten auf den Steinkreis zulaufenden Weges. In einer späteren Phase seien Menschen in großer Zahl zur Feier der Wintersonnenwende aus allen Teilen des Landes nach Stonehenge gekommen - die weiteste Anreise erfolgte von den Orkney-Inseln.

          Die jüngste These ist nie die letzte

          Diese Erkenntnis stammt von den in der Siedlung von Dartington Walls gefundenen Zähnen und Knochen geschlachteter Tiere, deren Herkunft anhand der Strontiumisotopenanalyse ermittelt werden konnte. Die Zähne verraten außerdem, dass die meisten Tiere im Winter geschlachtet wurden. Bis zu ein Zehntel der damaligen Bevölkerung der Britischen Inseln habe sich hier versammelt, meinen die Archäologen, um die Wintersonnenwende ausgiebig zu feiern und Stonehenge zu bauen. Die Zeit dieser saisonalen gemeinschaftlichen Festivitäten sei aber nach knapp fünfzig Jahren wieder abrupt zu Ende gegangen. Dann sei, wie den Gräbern der sogenannten Glockenbecherkultur zu entnehmen ist, ein tiefer Wandel eingetreten. Während die alte Elite ihre Toten eingeäschert und ohne Grabbeilagen bestattet habe, habe die Glockenbecherkultur die Verstorbenen wie den Bogenschützen von Amesbury zusammen mit ihren namengebenden Gefäßen und anderen mitunter auch aus Metall gefertigten Objekten in Einzelgräbern beigesetzt.

          Diese Veränderung kennzeichne den Übergang von der gemeinschaftlichen zur individualistischen Gesellschaft, von der Stein- zur Bronzezeit, sagt Parker Pearson, der kürzlich von Sheffield an das Archäologische Institut des University College, London, gewechselt ist. Seine Schlüsse stoßen allerdings in der Forschergemeinschaft auf Widerspruch. Tim Davill von der Universität Darvill vertritt die Ansicht, Stonehenge sei eine Art prähistorisches Lourdes gewesen. Die Kranken seien dorthin gepilgert, weil sie den Blausteinen heilende Kraft beigemessen hätten, Stonehenge sei also ein Platz für die Lebenden gewesen. Wie einer der Archäologen konstatiert hat, der in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Stonehenge tätig war, liegt die Faszination der Anlage darin, dass die jüngste These nie die letzte ist.

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