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Neuer Beethoven-Text : Mit Kraft

Die Pose eines Dirigenten beherrscht Norbert Lammert auf jeden Fall schon: Der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung soll einen Text für Beethovens op. 80 verfassen. Bild: Frank Röth

Einst trugen die Töne Beethovens Norbert Lammert in seine Position als Bundestagspräsident. Nun soll der Politiker für 2020 eine eigene Textversion verfassen – irgendwo zwischen klassischen Versionen, den einstigen Vorgaben des Komponisten und eigener Sprachgewandtheit.

          Norbert Lammert muss das Herz aufgehen, wenn Ludwig van Beethovens Fantasie für Klavier, Chor und Orchester op. 80 erklingt. Das selten aufgeführte Stück aus dem Jahr 1808 besingt jene Kraft, die den Sozialwissenschaftler und Kulturpolitiker ins Amt des Bundestagspräsidenten gehoben hat und in noch höhere Sphären hätte tragen können, wenn er sich gegenüber den Bitten der Parteifreunde nicht taub gestellt hätte: die Macht der Rede, des mit vollendeter Kunst gesetzten Wortes.

          Beethovens Textdichter Christoph Küffner, der es im österreichischen Staatsdienst vom Hofkriegsrats-Konzeptpraktikanten zum Konzipisten des Geheimen Staats- und Konferenzrates brachte, verarbeitete in der dritten der sechs Strophen eigene Aspirationen: „Wenn der Töne Zauber walten / und des Wortes Weihe spricht, / muss sich Herrliches gestalten, / Nacht und Stürme werden Licht.“

          Harmonie mit der Prosa des demokratischen Alltags

          Herrlicheres verspricht sich die Philharmonie Essen von Lammert, bei dem sie einen neuen Text für das Beethoven-Jahr 2020 bestellt hat. Das Werk handelt von seiner eigenen Wirkung, von der erhebenden Stimmung, die der gemeinschaftliche Kunstgenuss hervorruft. Der Komponist sah Küffners erst knapp vor der Uraufführung geliefertes Konzept nüchtern, als Gebrauchsgegenstand, der sich verbessern oder sogar komplett austauschen lässt. Mit prosaischer Unverblümtheit legte Beethoven seinem Leipziger Verleger Härtel brieflich nahe, „vielleicht einen anderen Text“ zu „unterlegen“.

          Von dieser Lizenz machte Johannes R. Becher Gebrauch, als er 1951 eine neue Fassung für die Weltfestspiele der Jugend in Ost-Berlin dichtete. Küffners Versmaß war ihm vertraut: vierhebige Trochäen mit abwechselnd weiblicher und männlicher Kadenz wie in der österreichischen Kaiserhymne, deren Schema Becher in seiner Hymne für die DDR übernommen hatte. Seine Neufassung der Chorfantasie bewahrt nicht nur Küffners Duktus, sondern auch einzelne Wendungen.

          Becher tilgte Wortwiederholungen, das Blühen in der ersten und fünften, das Licht in der dritten und vierten Strophe, die sein lyrisches Gewissen irritiert haben dürften. Wird Lammert ebenso puristisch vorgehen? In seinem Metier, der politischen Rede, schließen Bündigkeit und Redundanz sich nicht aus. Die merkwürdige Personifikation, dass „des Wortes Weihe spricht“, wird Lammert vielleicht nicht unbeholfen vorkommen. In seiner Erfahrung hat das Amtliche, die durch Status legitimierte Feierlichkeit, eine eigene Eloquenz.

          Bechers Version ist alles andere als revolutionär: eine Nachschöpfung, die klassischen Geist atmet. Statt „Wenn sich Lieb und Kraft vermählen, / lohnt dem Menschen Göttergunst“ sang der Chor der Freien Deutschen Jugend „Wenn sich Geist und Kraft vereinen, / winkt uns ewgen Friedens Gunst“. Die Säkularisierung des kunstreligiösen Tonfalls bleibt noch zu leisten, Lammert dürfte nach einem poetischen Vokabular streben, das mit der Prosa des demokratischen Alltags harmoniert. Als verbindlich wird auch Lammert die Anweisung Beethovens an Härtel akzeptieren, es „müsste bei einer andern Unterlegung das Wort Kraft beibehalten werden, oder ein andres äußerst ähnliches, dafür an die Stelle kommen“. Das Reimlexikon bietet Haft, Saft, Schaft und Taft. Gesellschaft lässt das Versmaß nicht zu, wohl aber Bürgerschaft.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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