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„Mr. May“ im Kino : Er ist der Engel für die Toten

  • -Aktualisiert am

Gelassen tragikomisch: Eddie Marson in der Rolle des John May Bild: dpa

Uberto Pasolini bringt eine wunderbare Tragikomödie ins Kino. Zudem hat „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ in Eddie Marsan einen grandiosen Hauptdarsteller. Dieser Bestattungsbeamte erschafft Nähe, indem er Abstand zum Tod hält.

          3 Min.

          John May liebt seine Arbeit. Wenn wieder die Akte eines Toten auf seinem Schreibtisch landet, spannt sich sein Gesicht. Er fährt zur Wohnung des Verstorbenen, ordnet den meist geringen Nachlass, telefoniert mit Hinterbliebenen, wenn es sie gibt, wartet in der leeren Trauerhalle die Ansprache des Pfarrers ab und folgt dem Sarg oder der Urne zum Grab. Oder ihm obliegt, die Asche des Verstorbenen auf einem dafür vorgesehenen Feld zu verstreuen.

          John May hat den Posten eines britischen Funeral Officer, eines städtischen Angestellten, der für die Todesfälle zuständig ist, um die sich sonst niemand kümmert. In Deutschland erledigen diese Arbeit die Ordnungsämter, die dafür jährlich etwa sechzig Millionen Euro brauchen. In Heilbronn können es bis zu 3000 Euro pro Todesfall sein, im armen Berlin dagegen höchstens 750 Euro. Aber auch in London will man die Kosten senken. Er arbeite gewissenhaft, aber zu langsam, erklärt der Amtsleiter und teilt May die Entlassung mit. Nur der Fall eines Billy Stoke ist noch geblieben, den er nun mit besonderer Sorgfalt lösen will.

          Starker Hauptdarsteller, unaufgeregte Kameraführung

          An diesem Punkt ist erst die knappe Hälfte von Uberto Pasolinis preisgekrönter bitterer Komödie mit dem Originaltitel „Still Life“ vorbei. Die Farben bis hierhin sind düster. Meist sieht man den großartigen Hauptdarsteller Eddie Marsan, dessen Ausstrahlung sich unter anderen schon Mike Leigh in „Vera Drake“ (2004), „Happy Go Lucky“ (2008), Alejandro González Iñárritu in „21 Grams“ (2003) und Steven Spielberg in „War Horse“ (2008) zunutze machten, einsam in dem mit Akten vollgestopften Dienstzimmer, wo er sich gerade einen Apfel schält, im Urnenlager eines Bestatters, wo die Asche Dutzender Toter auf ihre Stunde wartet, oder in seinem winzigen Apartment, an dessen Tisch er die von ihm aus den Akten entnommenen Fotos aus dem Nachlass der Toten sorgfältig in ein Album klebt - so wie ein Briefmarkensammler ein neu erworbenes Sonderzeichen in seine Kollektion einfügt.

          Eine scharfe vertikale Falte teilt dabei Mr. Mays Stirn in zwei Hälften, und natürlich trägt er stets Anzug und Krawatte, über die er allerdings beim Besuch einer Wohnung, in der noch der Leichengeruch eines einsam Verstorbenen zu hängen scheint, einen Schutzanzug ziehen muss.

          Die Kamera behält in diesen ersten vierzig Minuten eine starre, auf Marsan oder auf sein Gegenüber gerichtete Position bei, auf symmetrische Bildkomposition bedacht. Ebenfalls vom Stativ aus werden die Fassaden des roten Backsteingebäudes vorgezeigt, in dem sich das bescheidene Privatleben des Mannes vollzieht, und des grauen Verwaltungsgebäudes, das May mit seiner Aktenmappe ebenso pünktlich betritt wie verlässt.

          Ein erstaunlicher Film

          Uberto Pasolini, 1957 in Rom geboren und nicht mit seinem berühmten Namensvetter verwandt, aber ein Neffe des großen Luchino Visconti, seit langem als erfolgreicher Produzent (unter anderem für Peter Cattaneos Kassenschlager „The Full Monty - Ganz und gar nicht“ von 1997) und als Regisseur in England ansässig, sucht nicht, wie allzu viele Filmemacher es leider tun, eine Identifikation mit der Hauptperson zu erzwingen. Er erschafft Nähe und Nachdenken aus dem Abstand.

          Mr. May liebt seine Arbeit, führt sie nur leider nicht schnell genug aus.
          Mr. May liebt seine Arbeit, führt sie nur leider nicht schnell genug aus. : Bild: dpa

          Dann kommt der Fall Stoke ins Spiel, eines Trinkers und groben Mannes. Ausgerechnet hier gelingt es, aus früheren Arbeitskollegen und Zechkumpanen eine Trauergesellschaft zusammenzubringen, an der May leider nicht mehr teilnehmen kann, weil sein Leben eine jähe Wendung genommen hat - vorerst die schönste, die es geben kann. Mit Stokes Tochter Kelly tritt so etwas wie ein Engel in dieses stille Leben. Man muss die Wandlung in Marsans Gesicht gesehen haben, die von den Augen ausgehende Verjüngung: Es ist, als wäre ein Mensch aus dem Keller gestiegen, in dem er jahrelang gefangen gehalten wurde.

          Ähnlich ergeht es Kelly, die ihre Gefühle an herrenlose Hunde verschwendete und am Schmerz über ihren Vater nagte. Joanne Froggatt gibt die zu John May passende Frau, in deren Lächeln und deren Augen das fast ungläubige Erwachen mit den Schatten des Gestern kämpft. In dieser Begegnung, die absurder- wie passenderweise zwischen Gräbern endet, darf Stefano Falivene seine Kamera aus ihrer Starre erlösen und die Musik von Rachel Portman, die schon für Mike Leigh, Robert Redford und Roman Polanski arbeitete, die Stimmung aufhellen. Aber die letzte Einstellung muss doch wieder starr sein: Mays Blick auf den Bus, der auf ihn zurollt - die einzige Großaufnahme dieses erstaunlichen Films.

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