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Neue Stücke von Sibylle Berg : Ein Rudel Rehe mit Reißzähnen

Vier Freundinnen, durch „rassenübergreifendes Sperma“ geschwängert: „Und dann kam Mirna“, eine Fortsetzung des Mütter-Hass-Stücks von 2014 Bild: Bresadola/drama-berlin.de

Frauen fressen fair, Männer gehen unter. Und Sibylle Berg schreibt munter weiter. Zwei neue Stücke wurden gerade in Berlin und Zürich uraufgeführt.

          Kleiner Bericht zur Lage: Es sieht gar nicht gut aus. Die Schweiz? Gibt es nicht mehr - ein verwüstetes Bürgerkriegsterritorium ohne Internetanschluss. Männer? Haben sich weitgehend abgeschafft und liegen röchelnd in den letzten Zügen. Frauen? Verblödet durch Mutterschaft oder zusammengebrochen unter spätinfantilen Allmachtsphantasien. Die Gesellschaft? Ein zuckender Zombiehaufen, von seinen multiplen Ängsten so krampfartig geschüttelt, dass man denken könnte, er lebe noch. Sibylle Berg? Macht munter weiter. Schon wieder sind zwei neue Stücke von ihr uraufgeführt worden.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Ist vielleicht doch noch was zu retten? Die Männer vielleicht? Oder doch lieber die Frauen? Gut, zuerst die Frauen.

          „Und dann kam Mirna“, vor zwei Wochen von Sebastian Nübling am Berliner Gorki Theater uraufgeführt, erzählt von den Schockschüben, denen junge Frauen ausgesetzt sind, wenn sie feststellen, dass sie nicht ewig zwanzig bleiben und auch eine „sexuelle Handlung, die einer mit Stiefmütterchen bepflanzten Verkehrsinsel glich“, durchaus Folgen haben kann. Die Folge heißt Mirna, wird schneller groß, als Mama den Satz „Reproduktion ist die perfekte Frauenentsorgungsmaßnahme“ begreifen kann, und trägt mit Vorliebe pinkfarbene Glitzerröcke: „Das Outfit des Widerstands gegen unsere unglaublich genderneutralen, unisexuellen Eltern, von denen immer ein Teil Torben heißt, der aber vom anderen Elternteil nicht gebraucht wird, weil die sogenannte Anziehung nicht mehr stattfindet.“ Torben hinterlässt im gemeinsamen Mutter-Tochter-Gedächtnis keine nennenswerten Spuren, weil er nur die falschen Fragen gestellt hat: „Wie findest du den Namen Chantal, wenn man ihn ironisch verwendet?“ Ein hipper Vollpfosten, der bald nach der Geburt entsorgt wird oder sich mit einer „komplett verstrahlten“ Studentin der Molekularbiologie freiwillig davonmacht. Mirna lernt Papas neue Partnerinnen kennen, und zwar alle: „Sie waren - jung. Ich mochte sie. Sie waren nicht Mutter.“

          Die Revolution der Mütter

          „Und dann kam Mirna“ ist Sibylle Bergs Junge-aber-nicht-mehr-so-jung-wie-sie-glauben-Mütter-Hass-Stück, die Fortsetzung von „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“, das 2014 ebenfalls von Sebastian Nübling am Gorki Theater uraufgeführt wurde. Etwa zehn Jahre sind vergangen, die vier Freundinnen allesamt Mütter geworden, auf die eine oder andere Weise, etwa durch „rassenübergreifendes Sperma“ oder um aus „heteronormativen Beziehungsvorgaben auszubrechen“. Sie sind alleinerziehend, ohne vernünftigen Job, Plan oder Perspektive - lebensuntüchtige Heldinnen des Alltags, die darunter leiden, dass „keiner irgendeine sachbezogene, beruflich kompetente, politisch informierte Information von einer Mutter“ will - „nicht einmal meine Freundinnen“. Das Stück lebt von seinen boshaften Beobachtungen und satirischen Zuspitzungen, es dreht ein Milieu durch den Wolf, das sich, wie das Publikum der Uraufführung im Gorki Theater vermuten ließ, auch als Hackfleisch noch lachend wiedererkennen kann.

          Die Pointenfrequenz gibt das Tempo vor. Es ist der Kolumne entliehen, einem Kurzstreckengenre, das Sebastian Nübling geschickt für die Bühne adaptiert. Kleinere Durststrecken werden mit Musik und Tanz überbrückt. Die vier Schauspielerinnen - Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas und Cigdem Teke - sind grandios, sie tanzen in ihren geblümten Wühltischleggings auf der leeren Bühne gegen die Verhältnisse an, kraftvoll, rhythmisch, rasend komisch und herzzerreißend hilflos. Ihnen zur Seite stehen vier kleine Mirnas, die schon im zarten Alter von zehn, höchstens zwölf Jahren über den gesunden Sibylle-Berg-Verstand verfügen: altkluge, konservative kleine Durchblicker-Rehe mit Reißzähnen, die die Dinge gern lustvoll-nüchtern auf den schlimmstmöglichen Punkt bringen - also genau dorthin, wo ihre Mütter sich bereits befinden: „Die Revolution der Mütter: faire Schokolade fressen. Oder auskotzen.“

          Die letzte Lötung

          Und die Revolution der Männer? Sich in der Netz-Community mit Gleichgesinnten zusammentun, Netz-Community? „Anderes Wort für Männer, die auf Computer starren, nachdem sie über dem Konsum von Pornos und Games den Anschluss an ihr Gehirn verloren haben.“ Anderes Stück, anderer Ort: Sibylle Berg inszeniert die Uraufführung von „How to sell a Murder House“ am Zürcher Theater am Neumarkt. Untertitel: „Ein getanztes Immobilienportfolio“. Es geht um eine Villa in den Bergen des Jura. In der Schweiz herrscht Bürgerkrieg, das Internet ist zusammengebrochen, Millionen Männer haben sich gegenseitig die Köpfe eingeschlagen. Eine Maklerin führt einen Kunden, der einen Zufluchtsort sucht, durch das alte Gemäuer, in dem es nach Tod und Verwesung riecht. In vier als Rückblenden angelegten Kapiteln kommen vier Männer ums Leben, Vertreter einer zum Untergang verurteilten Spezies: Von Selbstzweifeln zerfressen, gibt ihnen ihre Adaptationsunfähigkeit den Rest.

          Sie haben Angst: vor dem Leben, vor Veränderungen, vor den Frauen, sogar vor den Waldrappen, die ums Haus schleichen. Die Schauspieler Caroline Peters und Marcus Kiepe spielen routiniert die wechselnden Paare: den Manager und seine Vorgesetzte, den Vereinsamten und die im Internet bestellte Osteuropäerin, den Nerd, der im Netz das ewige Leben finden will, und seine Freundin, die ihm kaltschnäuzig dabei behilflich ist, seinen Synapsen die letzte Lötung zu erteilen. Sibylle Berg inszeniert das mit allzu vielen, allzu beliebigen Regieeinfällen, ohne an Witz, Tempo und Intensität der Berliner Aufführung anknüpfen zu können. „How to sell a Murder House“ ist das deutlich schwächere Stück, aber so bieder-boulevardesk wie in der Regie seiner Autorin ist es nun auch wieder nicht. Der Waldrapp, der in Zürich gleich vierfach über die Bühne stelzt, ist übrigens ein nahezu ausgestorbener Schreitvogel, bei dem sich die sekundären Geschlechtsmerkmale von Männchen und Weibchen nur unwesentlich unterscheiden. Was will uns Sibylle Berg damit wohl sagen?

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