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Neue Reality-Serie auf RTL : Kindes- oder Zuschauermissbrauch?

  • -Aktualisiert am

Dass die zum Beleg herangezogenen Statistiken keineswegs einen Anstieg, sondern einen Rückgang der Jugendschwangerschaften belegten, wie Friedhelm Güthoff, der nordrhein-westfälische Landesgeschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes, einwand, ließ Sänger gelten, doch die absoluten Zahlen - um die sechstausend Jugendschwangerschaften im Jahr - sprächen dennoch für die Relevanz des Themas in Deutschland. RTL sei für diese Aufgabe zudem bestens qualifiziert, schließlich habe man bereits Formate wie „Die Super Nanny“, „Teenager außer Kontrolle“ und „Die Ausreißer“ im Programm, bis auf letztere alles Produktionen der Firma Tresor TV, die auch für die jetzige, in Holland gedrehte Serie verantwortlich zeichnet.

Überforderung als Anreiz

Alle Beteiligten versicherten, dass die Sendung in erster Linie das Ziel habe, Jugendliche von zu frühen Schwangerschaften abzuschrecken. Die nun den Kritikern vorgeführte zweite Folge, in der den Jugendlichen erstmals Babys anvertraut werden, führte aber keineswegs zur Beruhigung, sondern ganz im Gegenteil dazu, dass es aus der Vize-Präsidentin des Kinderschutzbundes, Marlis Herterich, herausbrach: „Der Protest hätte deutlich härter geklungen“, hätte man diese Sendung vorher gesehen.

In der Tat lebt das Format dramaturgisch einzig von der Überforderung der Jugendlichen, so dass sich eine Katastrophe an die nächste reiht. Die Babys weinen sehr viel, während die Paare (alles genau so, wie man es kennt und erwartet) aneinander geraten: „Du bist einfach Nadine, die nix versteht im Leben“, „Fuck you“. Das Fazit aus dem Off: „Eltern sein schafft unerwartete Probleme“. Testvater Mario hat sichtlich nichts für das überlassene Kind übrig, Baby Theresa bekommt ihr Frühstück erst am Nachmittag.

Verliehene Kinder

Dann wieder müssen die leiblichen Eltern eingreifen, weil ein Baby von einer Ablage herunterzustürzen droht oder weil die Wohnung zu sehr verdreckt ist. Sie könnten ihnen ihr Kind nicht anvertrauen, sagen die Eltern da - haben aber doch genau das getan. Empörte Reaktionen waren die Folge. Robert Wegner, der Leiter des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes beim Gesundheitsamt der Stadt Köln, nannte es „zynisch und menschenverachtend“, Jugendliche willentlich in eine solche Situation zu führen.

Klaus-Peter Völlmecke vom Kölner Jugendamt sprach ebenfalls von einer „Instrumentalisierung von Kindern“, erkannte aber aufgrund der Betreuung immerhin keine Gefährdung des Kindeswohls. Eine Vertreterin der Familienpartei äußerte mit Bezug auf wissenschaftliche Studien die Sorge, es könne den Testbabys durchaus schaden, sie von den Eltern zu trennen und in fremde Obhut zu geben. Seitens des Senders wurde dies zurückgewiesen mit der Bemerkung: „Das ist jetzt auch keine Sendung über Bindungstheorie.“

Ein Fake?

Die Produzenten präzisierten unfreiwillig brutal: „Es geht in unserer Sendung nicht um die Babys.“ Was aber bringt Eltern dazu, an einem solchen „Experiment“ teilzunehmen? Die Produzenten räumten ein, man habe den Leiheltern Geld „im unteren dreistelligen Bereich“ gezahlt, wobei unklar blieb, ob damit der Tagessatz gemeint war.

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