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Neue Philosophie-Magazine : Was denken die sich?

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Zwei Magazine, die hoch hinaus wollen, aber in der Ebene aufsetzen: „Philosophie Magazine“ und „Hohe Luft“ Bild: Gyarmaty, Jens

Deutschland, Nation der klugen Köpfe: Ein Philosophie-Magazin ist uns nicht genug. Es gibt nun zwei. Beide spekulieren auf die breite Masse. Ein Denkfehler.

          Als Berufstätiger sei man dazu verdammt, immer ungebildeter zu werden, sagte Wolfram Eilenberger bei der Vorstellung des „Philosophie Magazins“ in Berlin. Deshalb brauche man ein journalistisches Organ für jene, die sich in ihren Lebensfragen von Frauentiteln unterfordert fühlen. Abgesehen davon, dass Frauenmagazin nicht gleich Frauenmagazin ist: Stimmt die Prämisse? Ist es nicht eher so, dass man als flexibler Mensch heutzutage, in Zeiten des Internet, permanent mit der Optimierung des Know-hows beschäftigt ist, mit Wissen erwerben, abspeichern und verarbeiten?

          „Unser Blatt ist das, was John Dewey eine Inquiry nennen würde, eine Form von Forschung.“ Das sagt Thomas Vasek, der Chefredakteur von „Hohe Luft“, der zweiten Philosophie-Zeitschrift, die nun am Kiosk liegt. „Mit den Lesern wollen wir zusammen herausfinden, in welche Richtung es gehen kann.“ Auch hier möchte man fragen: Wirklich? Muss ich als Medienkonsument auch noch meine Lektüre mitgestalten? Ich bin doch schon so erschöpft vom Entwerfen und Darstellen und Gestalten, Stichwort Facebook, Twitter.

          Beide Magazine wollen „die Philosophie in den Alltag treiben“, wie Eilenberger sagt, also tun, was von jedem ordentlichen Feuilleton einer Zeitung erwartet wird. Phänomene registrieren, einordnen, bewerten. Das Schöne am gedruckten Kulturteil: Denkstücke erscheinen im Kontext anderer Textsorten; diagnostische Stücke machen umso mehr Spaß, wenn sie gerahmt sind von erzählerischen Formaten. Die neuen Philosophie-Magazine aber reihen Großthemen aneinander: Finanzkrise, Ethik im Netz, Nietzsche. Das wirkt ermüdend und streckenweise arg idiosynkratisch. Im „Philosophie Magazin“ gibt es einen Beileger mit einem Text von Aristoteles über Freundschaft. „Dann kann ein Vater mit seinem sechzehnjährigen Sohn darüber diskutieren, ob das bei Facebook tatsächlich Freunde sind“, sagt Eilenberger. Ist das jetzt bildungsbürgerlicher Elan oder schon dessen Karikatur?

          Die Philosophie suchen, wo sie nicht ist

          Tiefer liegt, um mal eine philosophisch arg umstrittene Metapher zu gebrauchen, ein dramaturgisches Problem. Kinder - ja oder nein? (“Philosophie-Magazin“), Lügen - ja oder nein?, Askese - ja oder nein? (“Hohe Luft“) - das sind keine genuin philosophischen Themen, es spielen soziologische, psychologische, kulturkritische Aspekte hinein. Was also soll der Mehrwert dieser Betrachtung sein? Anders gefragt: Ist ein massenkompatibles Philosophieblatt, wie es den Machern vorschwebt, nicht ein Widerspruch in sich? Muss der Leserkreis, wenn man nicht den Ratgeberseiten gehobener Boulevardpostillen nacheifern will, nicht zwangsläufig schrumpfen? Antike Ideale hin, auf der Agora spekulieren her: Wir dürfen davon ausgehen, dass ein Großteil der Athener auch nicht verstanden hat, was Sokrates wollte. Philosophie ist nun mal im akademischen Milieu zu Hause, und daraus ließe sich einiges machen: Was passiert heute im Universitätsbetrieb? Oder in den Schulen? Passiert da was? Gibt es erfolgreiche deutsche Philosophen außer Habermas und Richard David Precht? Oder ist das womöglich gar kein Philosoph, der Precht?

          Es dürfte auch gern ein bisschen politischer sein: Philosophie im Nahen Osten, denkt man da nach über die Ethik von Atombomben oder streitet man sich friedlich über Antinomien bei Husserl? Auch Wirtschaftsgranden könnte man interviewen: Herr Ackermann, wie steht es um philosophische Werte und Normen im Hedgefondsgeschäft? Andererseits ist fraglich, ob die Finanzkrise überhaupt einen philosophischen Zugang erzwingt. In „Hohe Luft“ wird Machiavelli mit Blick auf den Spätkapitalismus erörtert, aber - so öde es klingt - ein Austausch mit Marx wäre sinnvoller gewesen.

          Mächtige und Weise

          Fabrice Gerschel, der Verleger des „Philosophie Magazins“, hatte es selbst gesagt: In Frankreich, wo das Mutterblatt der Publikation erscheint, hat die Philosophie einen anderen Stand. Sie ist dort Pflichtfach an der Schule, muss im Abitur geprüft werden, außerdem habe man „mehr adressierbare Philosophen“. Stimmt: Was dem Mitterrand sein Roland Barthes, ist dem Sarkozy sein Lévy. Hätte man auch gern gelesen, ein Porträt dieser Männerfreundschaft. Oder ironischer: Berlusconi ruft Giorgio Agamben an und gemeinsam feixen sie über den Ausnahmezustand.

          Im Ernst: Themenmagazine sind entweder Nerd-Veranstaltungen (“c’t“, „Deutsches Waffenjournal“) oder journalistische Fahlbäder des Fun. In diesem Sinne warten wir auf das Graecisten-Magazin oder „Beat it!“, die Zeitschrift für Herzchirurgen. 

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