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Neue Obama-Biographie : Vorgeschichten präsidialer Erotik

  • -Aktualisiert am

Ein solcher Junge im Weißen Haus? Barack Obama in jungen Jahren auf der Harvard Law School Bild: dpa

Etappen auf dem Weg ins Weiße Haus: Der Journalist und Pulitzerpreisträger David Maraniss beginnt auf über sechshundert detailreichen Seiten seinen Großversuch, uns Barack Obama zu erklären.

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          Seit Wochen machen Anekdoten die Runde, die, ob gezielt gestreut oder unachtsam entschlüpft, es immer fertigbrachten, ein paar aufgeregte Meldungen nach sich zu ziehen. Einmal soll der junge Mann, der heute Präsident ist, ein paar Freundinnen gehabt haben. Wie deren eine es heute schildert, war jener Barry sexuell durchaus präsent, emotional aber ziemlich unerreichbar. Und schon waren die medialen Mechanismen in Gang gesetzt, die keine psychologische Popvolte ausließen, um von der jugendlichen Schwankungsbreite auf die heute gern sondierte Vermischung präsidialer Erotik und Distanziertheit zu schließen. Ein andermal ging es um die verkiffte Schulzeit der Untersuchungsperson. Was daraus zu lernen und wie sich darüber am besten zu empören war, wollte allerdings nie so recht in den Fokus kommen.

          Ab heute ist nun das gesamte Buch zugänglich, und siehe da, über sechshundert detailreiche Seiten dehnt es sich ganz anders aus, als seine werbewirksam vorausgeplauderten Klatschgeschichten es erwarten ließen. Dabei begibt sich der hochgeschätzte Journalist und Pulitzerpreisträger David Maraniss, der sich sonst in der „Washington Post“ zu Wort meldet, in „Barack Obama: The Story“ auf bereits gut beschilderten Pfade. David Remnick etwa ist ihm vielgelobt mit „The Bridge: The Life and Rise of Barack Obama“ zuvorgekommen, David Mendell mit „Obama: From Promise to Power“, und ausführliche Lebensbeschreibungen liegen inzwischen auch von Obamas Mutter und Vater vor.

          Die Freundin eine Kunstfigur

          Maraniss übertrifft sie alle in der geradezu obsessiven Breite und Tiefe seiner Schilderung. Erst im siebten Kapitel, also nach über hundertsechzig Seiten, die den amerikanischen und kenianischen Vorfahren des Helden gewidmet sind, betritt dieser die Bühne. Heldenhaftes aber hat er da noch nicht zu bieten. Es ist eine „coming of age story“, die Maraniss erzählt, ein lebensechter Entwicklungsroman, der allerdings abbricht, wo es wirklich spannend zu werden beginnt, nämlich auf der Fahrt des siebenundzwanzigjährigen Obama im gebrauchten gelben Datsun von Chicago an die Ostküste, um sich an der Harvard Law School einzuschreiben. Ein zweiter Band wird darum unweigerlich folgen müssen, ja, es deutet sich ein biographisches Opus magnum an, wie es Robert Caro schon seit vier Jahrzehnten mit Lyndon B. Johnson beschäftigt hält. Maraniss weitet aber nicht nur den mittlerweile bekannten Erzählstrom aus, er liefert vielmehr auch ein faktisches Fundament für „Dreams From My Father“, Obamas autobiographischen Bestseller, in dem die dichterische Wahrheit, wie der Präsident es nie verleugnet hat, über die nüchterne Sachlage triumphieren durfte.

          So entpuppt sich die New Yorker Freundin, die in den Memoiren auftaucht, als Kunstfigur, zusammengesetzt aus mindestens zwei Romanzen. Und der auch von Obama beschriebene Marihuanakonsum an der High School auf Hawaii konkretisiert sich höchst lebhaft in den Gepflogenheiten der Choom Gang, deren Ehrgeiz darin bestand, möglichst häufig in ihrem Choomwagon, einem alten VW-Kleinbus, den Joint kreisen zu lassen. Nicht bloß deshalb schimmert bei Maraniss überall die Verwunderung durch, wie ein solcher Junge das Weiße Haus erobern konnte.

          Ein Rest von Rätselhaftigkeit

          Spielte der glückliche Zufall auch immer wieder eine Rolle, war es schließlich doch der Outsider Obama selbst, der sich seinen Weg unter Insidern bahnte. Maraniss begreift das als festen Willen, die Tücken des Lebens zu meistern, seien sie nun biographischen, geographischen oder rassistischen Ursprungs. Die „New York Times“ fühlte sich sogleich an die amerikanische Tradition literarischer Helden erinnert, die sich wie Gatsby eine Identität durch eine Serie selbstbewusster und wohlbedachter Entscheidungen zulegten.

          Mit dieser ersten Lieferung hat sich Obamas neuer Biograph allenthalben Lob eingehandelt. Gleich in zwei Besprechungen zeigte sich die „Times“ beeindruckt von dem „augenöffnenden Buch“ und seinem Versuch, die Umrisse der Lehrjahre des künftigen Präsidenten auszufüllen. „USA Today“ meinte einen Roman zu lesen, dessen Geschichten eigentlich zu romanhaft seien. Sogar das „Wall Street Journal“, in der Regel kein Freund Obamas, nahm beifällig zur Kenntnis, dass dieser einst bei der Business International Corporation in New York kurz, wenn auch eher freudlos beschäftigt war. Womit der von den Republikanern endlos wiederholte Vorwurf, er habe keinerlei Erfahrung in der Geschäftswelt aufzuweisen, hinfällig ist.

          Auch der Präsident, der Maraniss mehrmals für Gespräche zur Verfügung stand, dürfte an dem Buch einigen Gefallen finden, den geplanten Fortsetzungen aber trotzdem nicht entgegenfiebern. Zu groß ist die Gefahr, die Kontrolle über das sorgsam kultivierte Erscheinungsbild mit all seinen komplizierten privaten und politischen Verflechtungen zu verlieren. Auf Hunderte von Interviews gestützt, kommt Maraniss einem Mann sehr nah, der es bisher meisterhaft verstanden hat, sich auch noch im grellsten Scheinwerferlicht einen Rest von Rätselhaftigkeit zu bewahren.

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