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Neue Forschungsfragen : Müssen wir uns von Homer verabschieden?

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Der trojanische Mythos war allgegenwärtig: Ajax mit dem Leichnam des Achilles auf einer Halsamphora, entstanden etwa 510 v. Chr. Bild: akg-images / Erich Lessing

Wissen wir schon alles zu Ilias und Odyssee? Bei weitem nicht. Die enormen Wirkungen des Mythos in Kunst, Literatur und Architektur sind noch lange nicht abgemessen.

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          Es ist still geworden in und um Troia. Archäologen und andere Wissenschaftler haben dort 2011 ein letztes Mal unter Leitung des Tübinger Troia-Projektes gegraben. Im Jahr danach erhielten die Verantwortlichen nur eine eingeschränkte Genehmigung, die Feldforschung ausschloss. So konnte diese Kampagne lediglich zur Auswertung von Keramikfunden sowie für Ordnungs- und Erhaltungsarbeiten genutzt werden. Sie war zugleich die letzte des 1987 unter der Leitung des vor zehn Jahren verstorbenen Manfred Korfmann begonnenen Projektes.

          Mit dem Abschluss ist es auch stiller geworden um die Fragen nach der Bedeutung und Deutung Troias, nach der Benennung, politischen Einordnung und wirtschaftlichen Bedeutung dieser Stadt im Staaten- und Interessengeflecht der Spätbronzezeit und nicht zuletzt um den oder die Dichter von Ilias und Odyssee. Weder die Attacken des Althistorikers Frank Kolbs und seiner Mitstreiter im Rahmen der Tübinger Troia-Konferenz 2002 und danach noch Eberhard Zanggers Thesen von Atlantis in der Troas oder die Situierung Troias durch Raoul Schrott in Kilikien und dessen Deutung Homers als kastrierten Schreibers in assyrischen Diensten sind heute noch im Bewusstsein der interessierten Öffentlichkeit. Der Grund dafür ist einfach: Das Vehikel, das diese und andere Diskussionen und Ideenkonstrukte befeuerte, ist den Protagonisten abhandengekommen - die archäologische Erforschung und damit auch die Berichte über die Grabungen auf und vor dem Hisarlik genannten Burgberg sowie das über Jahre hinweg anhaltende mediale Interesse an der Trias Troia-Homer-Schliemann.

          Welchen wissenschaftlichen Ertrag haben das Troia-Projekt und sein Umfeld gebracht oder bewirkt? Jedenfalls interessante Erkenntnisse zu der Jahrtausende währenden Geschichte dieses Burgbergs und seiner unmittelbaren Umgebung sowie seiner Bedeutung an der Nahtstelle zwischen bronzezeitlichen Machtblöcken wie etwa den Hethitern und Achaiern. Aber auch die Bestärkung der Einsicht, dass manche Auseinandersetzung darum, ob etwas inner- oder außerhalb der Mauern von Hisarlik so war oder so, obsolet ist, weil die Wahrheit schlussendlich noch nicht erkannt werden kann.

          Der Platz an der Einfahrt zu den Dardanellen, im Wegekreuz von Handelswegen an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien war handelspolitisch bedeutsam und damit strategisch relevant. Unversehens gerät man so ganz schnell wieder mittenhinein in den Fragen- und Streitkomplex um das homerische Troia und den Troianischen Krieg, dem niemand entgehen kann, der dort arbeitet - ob er will oder nicht. Unbestritten bleibt, dass um Troia immer wieder Kriege geführt wurden und die Einwohner mit Überfällen zu rechnen hatten. Ob eine dieser kriegerischen Auseinandersetzungen aber tatsächlich Vorlage des Troianischen Krieges war, der in den homerischen Epen überliefert ist, ob er also tatsächlich und an diesem Ort stattgefunden hat, lässt sich archäologisch kaum nachweisen. Jedenfalls wird heute niemand mehr ernsthaft an eine Eins-zu-eins-Übersetzung von Epos, Ort und Handlung denken, wie sie anfangs etwa Schliemann bei seiner Suche nach der Stadt des Priamos beseelte.

          Troia blieb besiedelt

          Kein Zweifel besteht dagegen darüber, dass die Mythenerzählungen um Troia, den nach ihm benannten Krieg und dessen Helden gemeinsames griechisches Kulturgut ersten Ranges waren. Der Mythos war wirkmächtig in den folgenden Jahrhunderten wie kein anderer. Er wurde nie vergessen, und er blieb mit dem Platz verbunden, der als die Burg des Priamos, als Troia oder die heilige Ilios galt.

          Die Überreste des griechischen Ilions und des griechisch-römischen Iliums legen davon beredtes Zeugnis ab. Die Grabungen haben ergeben, dass Troia selbst nach dem Untergang der letzten großen bronzezeitlichen Siedlung nicht verlassen wurde, es vielmehr eine Kontinuität gab, wenn auch offenbar auf kleinster Sparflamme. Zuvor hatte man behauptet, dass der Hügel und seine Ruinen für Jahrhunderte ein Schattendasein führten und lange Jahrhunderte von den Wassern der Lethe umspült blieben, also dem Vergessen anheimgefallen waren.

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