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Neue Erziehungsratgeber : Genießt doch erst mal den Augenblick

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Erziehungsverhalten im Umbruch: Immer häufiger nehmen Familien fremde Hilfe in Anspruch Bild: dpa

Die Ratgeberliteratur setzt darauf, dass Eltern für ihre Kinder viel zu früh Ziele formulieren. Das muss aufhören. Wahre Erziehung setzt auf genussvolle Gegenwart. Der Rest kommt von allein.

          Der erste Schritt fällt leicht. Wenn Kinder geboren werden, schlüpfen Männer in die Rollen glücklicher Väter. Schwedens Prinz Daniel hat es eindrucksvoll vorgemacht. Es wurde eine „sehr süße Prinzessin“ geboren, sagte er. Die Eltern seien „sehr glücklich“. Schweden konnte zum Alltag zurückkehren. Dass Ängste und Anspannung junger Eltern so schnell nicht verschwinden, weiß jeder. Doch geht es zu Beginn nur darum, dass der Vater bekanntgibt, dass Mutter und Kind wohlauf sind. Ist es so und hat er es verkündet, kehrt er zu beiden zurück und lernt das Kind erst einmal kennen. Er wird sehen, wie es sich verhält, wie es aussieht und immer weitere Besonderheiten entdecken. Die erste Rolle des glücklichen Vaters passt noch jedem gleich. Danach jedoch beginnt für alle Familien eine eigene Geschichte.

          Sich auf dieses Abenteuer selbstbestimmt einzulassen und den individuellen Herausforderungen gerecht zu werden fällt heute offensichtlich schwerer. Immer häufiger nehmen Familien fremde Hilfe in Anspruch. Jedes Jahr bekommt eine halbe Million Kinder eine gesetzlich geregelte erzieherische Hilfe; jedes vierte unterstützte Kind ist unter sechs Jahren. Für gravierende Fälle wird seit ungefähr zehn Jahren die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie von der Erwachsenenhilfe unterschieden. Rund 1600 Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche arbeiten inzwischen in Deutschland. Auch die Medien tragen dazu bei. Während das Fernsehen täglich scheiternde Familien im Nachmittagsprogramm zeigt, möchte ein wachsender Markt für Erziehungsratgeber den Weg weisen.

          Wodurch wird das Erziehungsverhalten von Eltern verändert?

          Diesem enormen Wandel der Erziehungskultur steht nur ein relativ kleiner soziodemographischer Wandel der deutschen Familien gegenüber. Es gibt zwar insgesamt zehn Prozent weniger Kinder und mehr Patchworkfamilien als vor zehn Jahren. Die Rahmenbedingungen, in denen Kinder aufwachsen, veränderten sich jedoch kaum. Die Hälfte der Kinder wächst weiterhin mit einem Geschwisterkind auf; ein Viertel lebt mit mehreren Geschwistern, ein Viertel sind Einzelkinder.

          Was verändert also das Erziehungsverhalten der Eltern? Sind sie überfordert? Erwarten sie zu viel? Werden sie sich in einer schrumpfenden, älter werdenden Gesellschaft nach chinesischem Familienmodell darüber bewusst, dass es auf ihr Kind heute mehr ankommt und dass es vielleicht ihr einziger Versuch ist? Versuch wofür? Wichtiger als eine Antwort auf diese Frage ist der Wunsch, dass er gelingt. Und das darauf gemünzte Erziehungsprinzip, das sich aus der Veränderung des Umgangs mit Kindern ablesen lässt, lautet: Ergebnisorientierung. Kinderzimmereinrichtung, Schullaufbahn, Studiengang, Beruf - die wichtigen Abschnitte im Leben werden heute ganz selbstverständlich stets einen Lebensabschnitt früher geplant. Es gehört zum Selbstverständnis junger Eltern, dass sie für ihre Kinder Ziele haben.

          Der Fortschritt der Erziehung wird ständig überprüft

          Doch lassen sich aus guten Zielen nicht automatisch gute Mittel und Wege ableiten. Eltern suchen für sich und ihre Kinder klare Rollenbilder; die finden sie auch, doch auch aus ihnen lassen sich kaum klare Verhaltensregeln ableiten. Eltern sind ratlos. Aber die erste Hilfe, die Ratgeber zur Erziehung, in denen so viel Wissenswertes steht, sind es auch. Sie kaschieren es nur wirkungsvoll mit Lärm. „10 schockierende Wahrheiten über Erziehung: Was eine Stunde Schlaf mit ADS zu tun hat, warum Sie Ihr Kind besser nicht loben sollten und warum besonders gut gemeinte Erziehung keine ,Engel’ produziert“ - das ist kein Klappentext oder Rezensionszitat, sondern Titel und Untertitel eines Erziehungsratgebers. Ein anderes Buch heißt: „Tyrannen müssen nicht sein: Warum Erziehung allein nicht reicht“.

          Ein drittes Buch, welches bei „Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren“ helfen möchte, klärt über altersgerechtes „Beziehungsverhalten“, „Schlafverhalten“, „Schreiverhalten“ und „Spielverhalten“ auf. Steht nicht das Kind im Mittelpunkt, sind es die Erziehung, ihre „Werte“, ihr „Geheimnis“, ihre „Trickkiste“. „Erziehung ist Beziehung“ sollen Eltern lernen. Dazu gehen sie in die „Elternschule“. Die bestverkauften Erziehungsratgeber folgen stets dem gleichen Kniff: Sie statten Eltern mit klaren Zielvorgaben aus und bieten für alles Vergleichsmöglichkeiten. Wie der Kinderarzt, der regelmäßig Gewicht und Wachstum des Kindes mit Tabellenwerten abgleicht, werden die Kinder von ihren Eltern auf Fortschritte in der Erziehung geprüft.

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