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Neue Papst-Enzyklika : Muss es denn gleich Liebe sein?

Franziskus empfiehlt der Welt „politische Liebe“ Bild: obs

Vom Sitzen im selben Boot: In seiner neuen Enzyklika entwirft der Papst eine frei schwebende gesellschaftspolitische Utopie.

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          Zusammenhalt entsteht nicht nur durch Einklang und Konsens, sondern auch durch Streit und Dissens. Diese paradoxe soziologische Einsicht ist einer der Gründe dafür, dass aus der Gesellschaft keine Gemeinschaft werden muss, um ihr inneres Band zu sichern. Georg Simmel hat das früh in seiner „Soziologie“ vorgetragen, leider zitiert ihn die neue Enzyklika „Fratelli tutti“ nicht mit diesem Werk, sondern mit der Aufsatzsammlung „Brücke und Tür“. So gerät das päpstliche Gesellschaftsmodell der Geschwisterlichkeit in diesem Rundschreiben zu einer Vision, die weder im Himmel noch auf Erden beheimatet ist.

          Im Himmel nicht, weil keine theologische Analyse dieser Geschwisterlichkeit vorherrscht, etwa entlang der traditionellen Idee einer Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Stattdessen soll die Einsicht herhalten, „dass wir alle im selben Boot sitzen“, also in globalen Interdependenzen stecken, „wo das Übel eines Insassen allen zum Schaden gereicht“. Also nicht die vertikale Dimension der Geschwisterlichkeit, Kinder eines Gottes zu sein, wird durchdekliniert, sondern die horizontale Überlegung, auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen zu sein. Umso erstaunter ist man, wenn in immer neuen Wendungen fürs Miteinander im politischen Raum „Liebe“ empfohlen wird („Auch in der Politik gibt es Raum, um mit Zärtlichkeit zu lieben“). Der Papst empfiehlt „politische Liebe“.

          Wie das? Entlasten Recht und Politik die Bürger nicht davon, die Mitbürger lieben zu müssen, damit das Gemeinwesen floriert? Keiner soll sich auf emotionale Überforderung herausreden können, wenn er sich mit der Pflicht konfrontiert sieht, die Menschenwürde anderer zu achten. Das ist eine zivilisatorische Errungenschaft, die bewusst nicht im Zeichen der Liebe, sondern des Rechts Platz gegriffen hat, auch wenn dabei ein religiöser Glutkern gewirkt haben mag.

          Pazifistische Superstruktur

          Was verspricht sich der Papst davon, die liberalen Abwägungsprozesse in Recht und Politik als ungenügend („individualistisch“) darzustellen – ungenügend im Blick auf welche Zielgröße? Etwa auf eine illusionäre konfliktfreie Gesellschaft, in welcher man sich als Brüder und Schwestern begreift, ohne zu vergegenwärtigen, welch hohes Konfliktpotential in Verwandtschaftsbeziehungen steckt? Warum wird die Unvermeidlichkeit sozialer Konflikte nur in einer Passage am Rand der schönen neuen Geschwisterwelt gestreift? Aus dem „Zugehörigkeitsgefühl zur Menschheit“ folgt ja nicht der ewige Friede. Geschwisterliches Selbstverständnis ist keine pazifistische Superstruktur, die eine politische Theorie ersetzen könnte.

          Hier rührt man an eine Grundschwäche des päpstlichen Textes. Sozialenzykliken der Vorgängerpäpste, von Leo XIII. bis Johannes Paul II., ging es – wie schlüssig auch immer – um eine theologische Rückbindung ihrer Kategorien („strukturelle Sünde“ etc.), um den Aufweis der moralischen Gehalte, um derentwegen man als Kirchenoberhaupt zu Politik- und Wirtschaftsfeldern Stellung bezog. Bei Franziskus bleiben die theologischen Hinweise ornamental gegenüber einer gesellschaftspolitischen Utopie, die ein seltsam schwebendes Eigenleben führt.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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