https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/neue-denkmaeler-fuer-die-einheit-beruhigt-euch-12309255.html

Neue Denkmäler für die Einheit : Beruhigt euch!

Leipzigs Wahl: „70.000“ von Marc Weis und Martin de Mattia - bietet Sitzgelegenheiten zum Mitnehmen Bild: picture alliance / dpa

In Berlin und Leipzig sollen der deutschen Einheit Denkmäler gesetzt werden. Nach dem qualvollen Wettbewerb hat man sich entschieden - für eine glänzende Wippe und sehr viele bewegliche Hocker.

          2 Min.

          Eigentlich gibt es nicht viel Neues zu berichten von den Einheitsfreiheitsdenkmalen, die demnächst über uns kommen sollen. Das eine, für die Mitte Berlins geplant, wird zum angedrohten Termin im Herbst nicht fertig, weil ringsum Großbaustellenchaos herrscht, inklusive sogenannter berlinischer Verzögerungen.

          Regina Mönch
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Die sündhaft teure begehbare, goldglänzende Wippe soll aber dereinst an Deutschlands einzigen erfolgreichen Volksaufstand erinnern: Revolution als schicker Kindergeburtstag mit open end. Von den dafür genehmigten fünfzehn Millionen Euro wurden nach geharnischten Protesten fünf an die Heldenstadt Leipzig abgegeben.

          Ein Schrebergarten für die Revolution?

          Dort begann am 9. Oktober 1989 schließlich das, was wenig später mit dem Zusammenbruch des Kommunismus endete. Ein weltstürzendes Ereignis also. Die Stadt Leipzig prämierte nach einem Wettbewerb drei Entwürfe, die alle „über das Format des klassischen Denkmals“ hinausgehen, wie es offiziell hieß. Auch hier Heiterkeit und „aktive Teilnahme“.

          Eine extravagante Spiegelfläche für Bürger: In Berlin hat man sich für den Entwurf von Milla & Partner und Sasha Waltz entschieden
          Eine extravagante Spiegelfläche für Bürger: In Berlin hat man sich für den Entwurf von Milla & Partner und Sasha Waltz entschieden : Bild: dpa

          So darf man die 70.000 Blechhocker des Siegerentwurfes - so viele Menschen zogen damals, gesäumt von der für einen Bürgerkrieg gerüsteten Polizei, mutig über den Ring - auch mitnehmen, als postrevolutionäre Souvenirs. Platz zwei erinnert vor allem an eine riesige Torte, in die Segmente sind revolutionäre Forderungen geschrieben, jedes Jahr neue - demonstriert mal wieder, egal wofür. Platz drei errang ein „Herbstgarten“ mit Apfelbäumen. Lieblich: Revolution im Schrebergarten.

          Dann wurde in Phase zwei das Volk befragt. Es schwieg sich zumeist aus. Unter jenen, die doch eine Meinung hatten, gewann der Apfelgarten. Weil der so wenig an Denkmal (und Revolution?) erinnere. Das empört die Sieger der ersten Phase, natürlich. Doch dieser Streit wird erst im Herbst entschieden, dann beginnt Phase drei. Das Revolutionärste an dieser Wettbewerbsqual ist der Streit darum. Denn alle Entwürfe, ob für Berlin oder Leipzig, zeichnen sich aus durch sehr deutsche Pathosallergie und sehr deutliche Ereignisferne.

          Und die Leute merken das. Fällt einem bei Revolution noch Stéphane Hessels „Empört euch!“ ein, so passt, abgewandelt, zu Wippen, Blechhockern und Apfelgärten eher eine Losung wie „Beruhigt euch!“. Nur eine Erinnerung am Rande: Leipzig hat zwei schöne akzeptierte Freiheitsdenkmale (in klassischer Manier). Vor der Nikolaikirche, wo der Aufbruch in die Freiheit mit den Montagsdemonstrationen begann, steht die Nikolaisäule, unaufdringlich und eindrucksvoll. Sie wurde überwiegend aus Spenden finanziert. Genau wie die eiförmige Freiheitsglocke von Via Lewandowsky auf dem Augustusplatz. Warum kann es dabei nicht bleiben?

          Dritttplazierter Entwurf in Leipzig: „Herbstgarten“ von Anna Dilengite, Tina Bara und Alba D’Urbano
          Dritttplazierter Entwurf in Leipzig: „Herbstgarten“ von Anna Dilengite, Tina Bara und Alba D’Urbano : Bild: dpa

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Geldautomatensprenger : Boom!

          Jede Nacht wird in Deutschland im Schnitt ein Geldautomat gesprengt. Ein internationales Ermittlungsverfahren zeigt, wie skrupellos und organisiert die Täter vorgehen – inklusive Testlabor und Schulungsvideos.
          Was wollen die da? Konstruktive Politik machen? Wohl kaum. Alice Weidel und Alexander Gauland im Bundestag.

          Interne Chats im Bundestag : Die AfD ist ein Trümmerhaufen

          Der ARD sind 40.000 Chat-Nachrichten der AfD-Bundestagsfraktion zugespielt worden. Was steht drin? Frauen-, Schwulenfeindliches, Rassistisches, Umsturzphantasien. Man sieht, was in der Partei los ist. Das ist ein Offenbarungseid.
          Fridays fo Future demonstriert gegen den Braunkohletagebau

          Demokratie in der Krise : Die Abschaffung der Jugend

          Die letzten Wahlen haben gezeigt, dass die Jüngeren kaum eine Rolle spielen – es gibt einfach zu wenig von ihnen. Was heißt das aber für unsere Zukunft?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch