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Neue Bürgerlichkeit : Bürger sein ist Übungssache

  • -Aktualisiert am

Neobürgerliche Pracht: renovierte Bürgerhäuser vor der Dresdner Frauenkirche Bild: dpa

Wir brauchen keine neue Bürgerlichkeit, die alte ist noch gut genug. Warum wir uns auf das Glück besinnen sollten, um das uns weite Teile der Welt noch immer beneiden.

          5 Min.

          Jägerzaun, Bratensauce und Wackeldackel auf der Rückbank des gepflegten Mittelklassewagens: der Bürger droht vom hehren historischen Begriff zur mitteleuropäischen Folklore abzusinken. Wenn man etwas mit dem Adjektiv „bürgerlich“ belegt, dann klingt das für viele fast schon satirisch, im besten Fall nach dem virtuosen Humor von Loriot und Walter Kempowski, im schlechtesten nach einer aussterbenden Spezies engstirniger Spießer.

          Doch der Begriff ist noch nicht reif für das Heimatkundemuseum. Die digitale Revolution und die Globalisierung erzwingen geradezu eine Besinnung auf das Bürgertum und die dafür konstitutiven Tugenden. Das hat einmal mit den weltweit rasant anwachsenden Mittelschichten in den sogenannten BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) zu tun, denn mit wachsendem Wohlstand streben immer mehr Menschen nach einem Lebensstil, der durch den Wunsch nach einer guten Bildung für die Kinder, einem sicheren Lebensumfeld und einer gewissen urbanen Lebensqualität, für die das europäische Bürgertum über Jahrhunderte gekämpft hat, gekennzeichnet ist. Was Werbeagenturen auf der ganzen Welt als typisch europäischen Lebensstil abbilden, um Mode, Autos, Kosmetik oder Parfüm zu verkaufen, das sind im Wesentlichen Genreszenen europäischer Bürgerlichkeit.

          Das kommunale Freibad

          Was Besucher aus Russland, Brasilien oder den Golfstaaten im alten Europa verblüfft und auch anzieht, sind nicht die Glaspaläste oder die teuren Autohäuser, die Shoppingmalls oder Villenviertel, sondern zivilisatorische Errungenschaften, die mit Geld allein nicht herzustellen sind, zum Beispiel das kommunale Freibad. In den meisten Ländern baden die Reichen in ihren bewachten Countryclubs, die Armen hingegen im Trüben oder gar nicht. Oder der Besuch von Grünanlagen, Konzertsälen und Fußgängerzonen, Vereine und Bürgerinitiativen - für uns banal und selbstverständlich, aber eben auch voraussetzungsreich; es klappt am Ende nur durch das Einüben von bürgerlichen Rollen und Werten.

          Was bürgerliche Werte eigentlich sind, dafür ist die beste Quelle immer noch Herodots Bericht von Krösus und dem weisen Solon. Der war einst in der Klemme: Krösus lud ihn, ganz Oligarch seiner Zeit, ein, zeigte ihm Paläste und sein ganzes Bling-Bling und fragte danach den weisen Mann, wen er denn wohl für den glücklichsten Menschen auf der Welt halte. Herodot bemerkte, dass natürlich der König erwartete, selbst genannt zu werden. Solon aber sagte: „Tellos von Athen“ - ein absoluter Normalo. Die Begründung: Tellos hatte in einer Stadt, in der Frieden herrschte und niemand Not litt, Kinder und durfte sehen, dass auch sie alle Kinder bekamen und am Leben blieben. Er hatte auch stets ein gutes Auskommen, vor allem aber sein Tod zeichnete ihn für den Weisen als glücklichen Menschen aus: Er gab sein Leben bei der Verteidigung Athens, bewirkte die Flucht der Feinde und wurde darum postum in Ehren gehalten.

          Die aktive Komponente

          Der bürgerliche Lebensentwurf ist also von Anfang an einer, dem es um das Glück geht - der Stadt, der Familie und natürlich auch des Einzelnen. Und dazu gehört, dass dem Bürger etwas abverlangt wird, es ist ein aktives, öffentliches Leben - auch wenn der Heldentod heute wegen Überbeanspruchung in zwei Weltkriegen als konstitutives Element europäischer Bürgerlichkeit ausgedient haben dürfte.

          Diese aktive Komponente der Bürgerlichkeit ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verlangte der amerikanische Präsident George W. Bush von seinen Mitbürgern, als er von ihnen alles hätte haben können, nicht, für ihre Ideale auf die Straße zu gehen, sondern ermahnte sie, „wieder einkaufen zu gehen“. Dabei ist der Bürger gerade nicht nur der Verbraucher. Ein urbürgerliches Prinzip ist ja gerade das der aufgeschobenen Gratifikation: Wenn sich die Eltern im Konsum mäßigen, bleibt vielleicht noch etwas für die Zukunft der Kinder und der Enkel.

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