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Neue Armut in Spanien : Suppenküchen für den Mittelstand

Unvollendeter Bau am Rande Madrids Bild: dapd

Spaniens Wirtschaftsaussichten sind verheerend, das Vertrauen der Finanzmärkte schwindet. Nun strebt die Klasse der „neuen Armen“ verzweifelt nach Sichtbarkeit.

          Maribel ist nicht die Ausnahme, sondern eine von vielen. Die einunddreißigjährige Bolivianerin lebt in Ciudad Real, einer Provinzhauptstadt in Kastilien-La Mancha, weil ihr Madrid zu teuer wurde. Zunächst hatte ihr Mann noch Arbeit auf dem Bau, aber dann war das zu Ende. Ciudad Real ist berüchtigt für eine spektakuläre Investitionsruine, einen Großflughafen, der ursprünglich „Aeropuerto Don Quijote“ heißen sollte und 2008 wegen zu geringer Auslastung wieder geschlossen wurde. Windmühlen und spanische Hirngespinste, dafür ist der Ritter von der traurigen Gestalt die passende Allegorie.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Seit drei Jahren lebt die fünfköpfige Familie von einer Halbtagsstelle. Für zwanzig Wochenstunden Putzen bekommt Maribel dreihundert Euro im Monat. Genauso viel kostet die Miete der Dreizimmerwohnung. Der Rest? „Dreimal in der Woche“ sagt Maribel, „gehe ich zu Kirchen und Klöstern, um Essen abzuholen.“ Die Tüten würden immer leichter, fügt sie hinzu. Früher gab es Öl, Reis, Brot und Milch, jetzt oft nur Milch mit billigen Keksen. Wäsche wird unter armen Familien getauscht und getragen, wo sie passt. Immerhin, Maribels älteste Kinder, dreizehn und sechs Jahre, bekommen in der Schule Frühstück und Mittagessen. Dennoch: Die Familie rutscht ins Nichts. Anders als ihre fünf Brüder, die nach Bolivien zurückgekehrt sind, will Maribel bleiben. „Hier gibt es den Park - und die Schule.“

          Zur Emigration gezwungen

          Was früher die Armen betraf, erreicht längst den Mittelstand. Ende 2011 war die spanische Arbeitslosenquote von 23 Prozent die höchste in der Europäischen Union. Sechs Jahre zuvor lag Spanien beim europäischen Durchschnitt von neun Prozent. Was seitdem geschehen ist, gleicht der Chronik eines angekündigten Todes. Die hausgemachte Überhitzung des Immobilienmarkts verband sich mit einer importierten Finanzkrise und nationaler Schlamperei. Fast alle leben auf Pump - die Haushalte, die Kommunen, die Regionen, der Staat. Jetzt wird das Minus fieberhaft hin und her geschoben und landet bei den Schwächsten. Seit 2007 verlieren die Menschen ihre Jobs, ihre Wohnungen, ihren Status. Den Nachkommen bleibt kaum etwas außer miserablen Aussichten. Und die Finanzmärkte bezweifeln weiter, dass die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Europäischen Union auf den Füßen bleibt.

          Kürzlich veröffentlichte die Zeitung „El País“ eine Serie über die Veränderungen im Land. Dreißigjährige mit Universitätsabschluss begnügen sich mit Stellen, für die sie siebenhundert Euro monatlich bekommen. Sechzig Prozent der jungen Leute wollen Beamte werden, weil sie sich nach Sicherheit sehnen. Die Stadtzeitungen annoncieren kostenlose Konzerte und Ausstellungen, verraten, wo man billig Urlaub machen und für ein paar Euro essen kann. „Die neuen Armen“, so nennt man eine spanische Mittelklasse, die es nicht nur schlechter haben wird als ihre Eltern, sondern von Fall zu Fall zur Emigration gezwungen ist wie ihre Großeltern gegen Ende der Franco-Diktatur. Eine Erholung der spanischen Wirtschaft ist auf Jahre hinaus nicht in Sicht, und was zurzeit an Kürzungen im Bildungs- und Sozialbereich über Spanien hereinbricht, wird den Schaden zementieren.

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