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Neubau : Grimshaws Messehalle in Frankfurt als gigantisches Fossil

  • -Aktualisiert am

Grimshaws Frankfurter Messehalle Bild: Messe Frankfurt

In dieser Woche geht in Frankfurt die modernste Messehalle Europas ans Netz: Nicholas Grimshaw aus London hat sie gebaut.

          3 Min.

          Wie ein riesenhaftes, aufgepumptes Fossil liegt die neue Halle 3 des britischen Stararchitekten Nicholas Grimshaw auf dem Frankfurter Messegelände. Zwar soll sie offiziell erst im Dezember eröffnet werden. Doch schon jetzt halten die ersten Aussteller Einzug. Zur „Tendence“, der größten Konsumgütermesse der Welt, die am 24. August öffnet, erwartet der Bau nun seine ersten Besucher.

          Grimshaw gehört mit dem Japaner Toyo Ito zur ersten Generation von Architekten, die gigantische Zweckbauten aus filigranen Glas- und Stahlkonstruktionen in organischen Formen entwarfen und sich - digital unterstützt - auch an Strukturen der Natur, etwa von Muscheln, orientierten. Damit entwickelten sie einen zeitgenössischen Biomorphismus. Seit Mitte der 90-er Jahre hat sich international ein „Liquid Style“ in der jüngeren Generation durchgesetzt, der von den „Blobmeistern“ virtuos ausgebaut, aber unter anderen von Grimshaw mit angestoßen worden ist.

          Gewölbe aus Stahl und Glas

          Seit 1980 unterhält der 1939 geborene Architekt in London sein eigenes Büro. Nun hat Grimshaw die Halle 3 der Frankfurter Messe mit einem 11-köpfigen Team innerhalb von nur 17 Monaten erbaut. Damit ist die größte, stützenfreie Messehalle Europas entstanden, die direkt hinter dem markanten Messeturm von Helmut Jahn im Zentrum des Messegeländes steht. Ihre zwei geräumige, großzügig von Tageslicht durchfluteten Ausstellungsebenen von insgesamt 40.000 Quadratmetern, lassen Frankfurt zum drittgrößten Messeplatz der Welt werden. 320.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche stehen der Stadt am Main nun zur Verfügung.

          Aufgepumptes Fossil: Nicholas Grimshaws Messehalle in Frankfurt
          Aufgepumptes Fossil: Nicholas Grimshaws Messehalle in Frankfurt : Bild: Messe Frankfurt

          Das aufgewölbte Hallengebäude besteht aus einer Stahl-Glas-Konstruktion, wie man sie teilweise filigraner von anderen Bauten Grimshaws schon kennt. Etwa an der Waterloo-Station des supermodernen Eurostars in London, oder an der Börse in Berlin. In Frankfurt dominiert eine sich fünf Mal dramatisch aufwölbende Dachzone mit einer imposanten Spannweite von 165 Metern den Entwurf des britischen Industriearchitekten. Die Dachelemente wurden in vorgefertigten Teilen angeliefert. In Spitzenzeiten waren 500 bis 600 Bauarbeiter damit beschäftigt, sie zusammenzusetzten. Dadurch konnte die Bauzeit des 270 Millionen Mark teuren Projektes wesentlich verkürzt werden.

          Organisch, lebendig, prall

          Die neue Halle liegt unmittelbar hinter der 1907 fertigstellten Frankfurter Festhalle, die in Eisenskelett-Konstruktion als Kuppelbau für Kulturveranstaltungen angelegt wurde. Diese war Anfang des 20. Jahrhunderts technisch ebenso auf der Höhe der Zeit wie Grimshaws nun fertig gestellter „Drache“. Dieser liegt auf dem ehemaligen Güterbahngelände und lagert auf einer Fläche, die so groß ist wie fünf Fußballfelder. Die Form könnte auch eine umgekehrte Muschel sein, wirkt sie doch organisch, lebendig, prall und wesenhaft. Kaum ein rechter Winkel findet sich an diesem markanten Zweckbau. Dadurch hat vor allem der Staub keine Chance irgendwo liegen zu bleiben. Bei der Größe des Gehäuses ist dies durchaus ein interessanter Aspekt, der das Klima im Raum steigert und die Folgekosten für die Reinigung senkt.

          Auch wenn das Londoner Büro damit glänzt, dass es ein eigenes Computer Imagening Centre unterhält und mit der neusten Animationssoftware arbeitet, um nicht zuletzt den Bauherrn eine Vorstellung davon zu geben, was entstehen wird, entspricht Grimshaws Architektur der Halle 3 keineswegs den phantasiegesteuerten Entwürfen jener digitalen Architektur, die unter dem Namen „Blobmeister“ gerade erste Ergebnisse zeigen. Dafür wirkt Grimshaws Bau zu zweckgebunden und zu symmetrisch.

          Architektur mit eigener Sprache

          Durch die Unverwechselbarkeit seines architektonischen Auftritts aber kommt jene Subjektivität zum Tragen, die in der jüngeren Baukunst wieder eine zentrale Rolle spielt. Seit Mitte der 90-er Jahre wird der anonyme Modernismus des Bauhauses radikal abgelöst. Architektur darf wieder sprechen. Sie darf sogar die Ausmaße von Kathedralen annehmen. Grimshaws Messehalle ist lichtdurchflutet wie eine gotische Basilika. Mit einer Grundfläche von 220 zu 140 Metern ist sie zwar sehr viel größer als der Kölner Dom, aber mit 43 Metern immerhin eben so hoch, wie dessen Hauptschiff im Inneren.

          Individualität zeichnet Nicholas Grimshaws Halle auch im städtebaulichen Zusammenhang aus: sie fügt sich selbstbewusst und mit technischer Perfektion in die Ästhetik des nahegelegenen Bankenzentrums ein und nimmt zugleich sensibel Bezug zu der Hügellandschaft des Taunus, der sich in den matt glänzenden, geschmeidigen Dachwellen der Halle 3 fortzusetzen scheint.

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