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„Die Klempnerin“ bei RTL : Unfreiwillig komisch

  • -Aktualisiert am

Der Zweck und die Mittel: Mina (Yasmina Djaballah) raucht aus therapeutischen Grüden einen Joint. Bild: RTL

Psychodiplom an der Eckart-von-Hirschhausen-Gesamthochschule: In der RTL-Serie „die Klempnerin“ löst eine Polizeipsychologin Blockaden und Kriminalfälle im Akkord.

          Der Titel ist Etikettenschwindel. RTL hat sozusagen die rhetorische Figur der Captatio malevolentiae erfunden (das Gegenstück zur initialen Publikumsschmeichelei), indem man mit der Aussicht auf einen im Wortsinne handwerklich originellen Krimi lockt, zugleich wohlige Angst vor Rohrzangenwitzen schürt und vielleicht sogar ein wenig Hoffnung auf einen neuen „Tatortreiniger“ weckt – um uns dann dreist mit einer „Seelenklempnerin“ abzuspeisen: empathisch, alleinerziehend, dickköpfig, spitzzüngig und in professioneller Hinsicht natürlich „unkonventionell“, wie die Pressemappe jubelt. Kurz: Der Knall-Peng-Unterwäsche-Sender aus Köln hat Jahrzehnte nach dem Mental Turn des Krimigenres das Allerkonventionellste überhaupt entdeckt, eine ermittelnde Polizeipsychologin, die mit vollem Gefühlsversteherinneneinsatz gutmütige Verwirrte entwirrt und depperte Schurken zur Strecke bringt. Nochmal Einfühlung also.

          Doch die flotte RTL-Eigenproduktion in der Verantwortung von Headautor Boris von Sychowski (Autoren: Dirk Eisfeld, Wolf Rüdiger Kuhl; Regie: Michael Wenning, Enno Reese, Anna-Katharina Maier) therapiert sich bei allem Originalitätsdefizit zackig selbst. Hauptdarstellerin Yasmina Djaballah, krimierprobt und von RTL vor Jahren schon in den „Frauenknast“ gesperrt, macht das jedenfalls recht charmant mit den markigen Sprüchen gegenüber knäckebrottumben Machokollegen, dem ständigen Missbrauch von Einsatzgerät und dem Dauerflirt mit ihrem jungen, cleveren, aus Prinzip unbewaffneten Partner Waldeck (Jan Kittmann), der die Panna-Cotta-Version eines Kommissars gibt und dazu unablässig sündhaft unschuldig lächelt. So sonnig hat das Ruhrgebiet lange nicht geleuchtet.

          Alles wird mit viel Tempo und Sexyness durchgezogen

          In der ersten Episode muss das Verstummen einer Banküberfallzeugin geknackt werden. Vielleicht ist sie auch bloß durch die ungelenk zusammengeschusterte Handlung traumatisiert. Darum geht es aber auch gar nicht. Wenn sich die (ersten) zehn Episoden der „Klempnerin“ durch ein Potpourri aus Psychomacken schnoddern – Amnesie; pathologisches Lügen; Verfolgungswahn; Schizophrenie; Schuldkomplexe und so fort –, dann dienen die flugs hingeworfenen Plotskizzen mit künstlichem Krimiaroma vor allem dazu, Pointen, Situationskomik und humorige Romantikmomente zu generieren. Und das alles wird dann mit viel Tempo und Sexyness durchgezogen.

          Einige Dialoge sind sogar recht flockig geraten, besonders die zwischen Mina und ihren Kindern (Lotte Becker, Nico Ramon Kleemann): „Hey, andere Mütter lassen so was rahmen“ – „Und andere Kinder bringen Pokale nach Hause“, heißt es, nachdem Mina eine Adresse auf die Judo-Teilnahmeurkunde des Sohnemanns gekritzelt hat. Andere Gespräche wiederum wirken plump, zumal dann, wenn halbernste Psychologenweisheiten eingerührt werden: „Entweder sie spricht nicht, um eine Wahrheit nicht anerkennen zu müssen, oder, weil sie persönlich betroffen ist. Beides deutet auf eine persönliche Beziehung hin.“ „Respekt“, antwortet der Kollege. Nicht dafür.

          Dass die penetrant gutgelaunte Protagonistin ihr Psychodiplom an der Eckart-von-Hirschhausen-Gesamthochschule gemacht zu haben scheint, muss man wohl hinnehmen. Immerhin mutet man uns bei der in Essen spielenden Serie keine entstellten Leichen zu. Der Leichtigkeit halber sind meist nur Blessuren zu beklagen. Eine konkurrenzfähige Serie – moderner als, sagen wir, „Der Lehrer“ – wird daraus nicht. Die Komik ist eher noch altbackener und stellenweise grenzwertig. Auf die Information „Zwei Frauen putzen“ lautet – wir sind eben bei RTL – die routinierte Nachfrage: „Nackt?“ Wer von etwas genervt ist, knöttert unbeleckt von aller Antidiskriminierungspädagogik: „Glauben Sie, ich bin behindert?“ Und böse Buben, die kein Mitleid verdienen, erkennt man daran, dass sie über ihre Exfrauen sagen: „Ist bei der Geburt verreckt. Nicht mal anständig werfen konnte die Alte.“ Will sagen: Der unfreiwillige Humor übersteigt mitunter den geplanten. Insgesamt aber haben die Männer (mit Ausnahme von Waldeck) wenig zu lachen angesichts der Powerfrau Mina Bäumer, und das ist doch ein gutes Zeichen.

          Die Klempnerin läuft von heute an immer dienstags, um 21.15 Uhr, auf RTL.

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