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Netznutzung : Digital ist anders

  • -Aktualisiert am

Auf die richtige Balance kommt es an, wenn man sich im Netz bewegt - Nicht, was es mit uns anstellt, ist die Frage, sondern was wir mit ihm machen Bild:

Die entscheidende Frage in einer zunehmend digitalisierten Welt lautet nicht: Was wird sich ändern? Sie lautet: Haben wir uns geändert? Ein Erfahrungsbericht über den sinnvollen Umgang mit Internet und neuen Medien.

          Glaubt man den Bestseller-Listen des Online-Buchhändlers Amazon, dann befinden wir uns als Internetanwender schon mitten im Fegefeuer übelmeinender Online-Marketiers - ein Fegefeuer, in das zurzeit offenbar vor allem altersgeile Senioren springen, auf der Suche nach neuen erotischen Erlebnissen in der virtuellen Welt. Vier verschiedene Kategorien von Büchern über das Internet sind gegenwärtig besonders erfolgreich: Ratgeber für erfolgreiches Web-Marketing, Senioren-Handbücher für den einfachen Online-Einstieg, populäre Sachbücher über Dating und Sex in Social Networks („Millionen Frauen warten auf dich: Liebe, Sex und Internet-Dating“) und vor allen Dingen Warnungen über die vielfältigen Gefahren des Internets.

          Eine kleine Auswahl an Titeln aus der Abteilung Fegefeuer: „Vorsicht, Internet!“, „Lexikon der Internetfallen“, „Falsche Freundschaft - Gefahr aus dem Internet“, „Privat war gestern - Wie Medien und Internet unsere Werte zerstören“, „Haifischbecken Internet“, „1000 Gefahren im Internet“ oder ein wenig poetisch „Wer bin ich, wenn ich online bin . . . und was macht mein Gehirn solange?“.

          Nicht nur Zeiten ändern sich

          Dabei ist mein Sexualleben so ziemlich der einzige Bereich, den das Internet in den letzten fünfzehn Jahren nicht grundlegend verändert hat. Um die Frage, was das Internet mit mir gemacht hat - und spannender: was ich mit dem Internet in diesen Jahren gemacht habe -, beantworten zu können, sind einige autobiographische und historische Anmerkungen unerlässlich.

          Der Prophet der Datenverarbeitung lag mit etlichen Prognosen falsch - Er setzte zu lange auf den PC

          Ich bin kein digital native, bin also nicht mit den modernen digitalen Errungenschaften aufgewachsen. Meine ersten Dates konnte ich weder per Facebook noch per E-Mail, ja noch nicht einmal per Handy vereinbaren. Ich lebte eine Jugend, die meinen Kindern ebenso unverständlich erscheinen mag wie mir eine Jugend vor 1968. Aber ich bin ein early adaptor in Sachen Computer und Internet, beruflich nach einigen kurzen wissenschaftlichen und journalistischen Eskapaden wesentlich von einer damals kleinen Softwarefirma sozialisiert, in die ich im Sommer 1987 als fünfzigster deutscher Mitarbeiter eingestiegen bin: eine Computerbude, die unter dem Namen Microsoft später auch der Generation meiner Eltern ein Begriff werden sollte. Heute steht sie bei meinen Kindern im Ruf eines durchaus altmodischen amerikanischen Computer-Molochs. Nicht nur die Zeiten, auch Marken-Images ändern sich offenbar immer schneller.

          Völlig getrennte Prozesse

          Ich habe lange Zeit das Internet gar nicht verstanden, was kein Wunder ist, wenn man von Microsoft kommt. Denn die Erfolgsgeschichte des Internets wurde zwar erst durch die Einführung von Personalcomputern möglich. Aber das Internet braucht nicht nur keinen PC, sondern es ist ihm eine der PC-Logik völlig konträre Logik einbeschrieben. Deshalb wird das Internet letztlich auch den Tod des PC bewirken. Das ist schwer zu verstehen für jene, die ihr Leben der Vision von Bill Gates verschrieben haben: „One day, there will be a PC on every desk and in every home!“ Das Internet sagt uns das Gegenteil: „Sooner or later, there won't be a PC, not in an office, nor in a home and there won't be even a desk!“

          Meine ersten Computererfahrungen machte ich bei der Auswertung sozialwissenschaftlicher Umfragen an einem Großrechner im Münchner Leibnitz-Rechenzentrum. Und das Herumtragen von Lochkartenstapeln machte nicht nur keinen Spaß, sondern es war ein schreckliches Arbeiten auf einer miesen ergonomischen Benutzeroberfläche und vor allen Dingen auf der Basis einer völligen Taylorisierung meines Arbeitens: Entwickeln, Schreiben, Durchführen, Auswerten und Interpretieren einer Befragung waren völlig getrennte Prozesse, gar nicht zu reden von der Revision einer solchen Studie durch spontane Anregungen von Kollegen und Freunden. Spontanität war im System der Lochkartenstapel nicht vorgesehen.

          Warum Bill Gates Microsoft gründete

          Die Einführung des Personalcomputers in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts habe ich deshalb als persönliche Befreiung empfunden. Der PC reintegrierte Prozesse, die der Großrechner zergliedert hatte. Die Trennung von Forschung und Auswertung - aufgehoben! Die Trennung von Redaktion und Texteingabe in den Zeitungsverlagen - aufgehoben! Manager erlernten neben dem Entscheiden sogar die Kunst des Schreibens wieder. Über die Verdichtung der Arbeitsprozesse wurden Dinge wieder zusammengeführt, die früher schon einmal zusammengehört hatten. Der PC setzte die Taylorisierung der Büroarbeit ein gutes Stück weit aus.

          Auslöser für die Entwicklung des PC war der subjektive Wunsch eines einzelnen verwöhnten amerikanischen Studenten nach mehr Autonomie beim Zugang zu Rechenleistung. Mitte der siebziger Jahre hatte es Bill Gates einfach satt, sich Zugangszeiten für den Großrechner seiner Universität über eine lange Warteliste verschaffen zu müssen. Mehrmals war er schon abgemahnt worden, weil er sich Computerzeiten unfair erschlichen hatte. Als im Homebrew Computer Club der erste Altair Computer vorgestellt wurde, kam ihm die große Vision vom „One day there will be a PC on every desk“, und er gründete Microsoft eigentlich nur, um jedermann die Möglichkeit zu geben, jederzeit so lange, wie einer eben will, mit einem Computer arbeiten zu können.

          Die Kaste der Eingeweihten

          Nicht die Kommunikation mit anderen, nicht der Datenaustausch, nicht das Netz, sondern der einzelne Benutzer vor dem Monitor war das Leitbild von Gates und aller frühen PC-Pioniere. Die Revolution bestand daraus, dass das PC-Zeitalter den Computerbediener zum „Macher“ am persönlichen Computer beförderte. Der monadische Charakter des Users blieb unangetastet. Die Zergliederung der Arbeit wurde zurückgedrängt, aber die gewonnene Autonomie war die Autonomie des Noch-immer-Einzelnen.

          Von Beginn an war dem ökonomischen und gesellschaftlichen Siegeszug des PC das Monopol der Standardisierer vorausgesetzt. Standardisierung und Individualisierung gingen eine eigenartige Dialektik miteinander ein. Nicht nur, dass der PC ein teures Instrument war, das nur durch Standardisierung und Massenproduktion langsam für immer mehr Menschen erschwinglich wurde. Vor allem waren Personalcomputer isolierte Rechenmaschinen, die als Produktivitätswerkzeuge nur so wertvoll waren wie die Programme, die auf ihnen liefen. Die Programmierung der Computer aber geschah von Anfang an zentral durch die Kaste der Eingeweihten, die Programmierer.

          Programmierarbeit ist geistige Arbeit

          Damit wir die gleichen Programmierwerkzeuge nutzen konnten, ergab ein einheitliches Betriebssystem Sinn. Damit wir den Kampf mit dem C-Prompt bestehen konnten, ergab die Durchsetzung einer standardisierten Benutzeroberfläche Sinn. Damit wir untereinander Daten austauschen konnten, ergab die Durchsetzung einheitlicher Standardanwendungsprogramme Sinn. Und so führte der Weg der Individualisierung des Computers geradewegs von Basic über MS-DOS und Microsoft Windows zu Microsoft Office und den immergleichen Powerpoint-Präsentationen und am Computer erstellten Party-Einladungen. Die marktbeherrschende Rolle Microsofts war der Vereinzelung der Personalcomputer und der Nutzung dieser Maschinen als „Rechenmaschinen“ stets adäquat.

          Und die Arbeitsteilung zwischen Programmierern und Anwendern, zwischen Softwareindustrie und Anwenderschaft folgte der Logik der bürgerlichen Produktionsweise. Programmierarbeit war geistige Arbeit, Programme folglich geistiges Eigentum des Softwareanbieters.

          Frühe Formulierung des Internets

          Das Internet freilich funktionierte von Beginn an anders: Es war kein Arbeitsinstrument, sondern ein Kommunikationswerkzeug. Dies galt schon für den Vorläufer des heutigen Internets, das in den sechziger Jahren entwickelte militärische ARPA-Net. Im ARPA-Projekt des amerikanischen Verteidigungsministeriums wurden Computer erstmals nicht mehr als Rechenmaschinen eingesetzt - wie noch Konrad Zuses Z1 im Jahr 1938 und acht Jahre später der ENIAC -, sondern als Knoten eines Kommunikationsnetzes.

          Im März 1989 übersetzte ich einen Aufsatz von Bill Gates und Nathan Myhrvold für die Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“. Unter dem programmatischen Titel „Software für den Personalcomputer“ entwarfen die beiden wichtigsten Visionäre meines damaligen Arbeitgebers ein Zukunftsbild des PC-Zeitalters. Im Abschnitt über „das Hypertext-Konzept“ formulierten beide schon früh die Logik des Internets: „Heutige Programme behandeln Dokumente als Dateien, die sich auf einer Computerdiskette befinden. Solche Dateien unterscheiden sich im Prinzip nicht wesentlich von einem Stück Papier oder gar von einer Papyrusrolle: Eine Textzeile folgt auf die andere. Dagegen stellt ein Programm für Koproduktionen mehrerer Autoren ein Dokument als komplizierte Datenstruktur dar, in der einzelne Textbrocken zu einem komplizierten Netz miteinander verflochten sind. Ein solches Dokument bezeichnet man als Hypertext.“

          Der neue Berufszweig des Fährtensuchers

          Freilich bezogen Gates und Myhrvold das neue Paradigma vom vernetzten Arbeiten noch auf die Struktur von Textdokumenten, die ihren sequentiellen Aufbau zu Gunsten einer dreidimensionalen Struktur überwinden. Die Übertragung dieser Idee auf das Netz selbst, das Internet, unterblieb. Dies überrascht umso mehr, als beide offenbar die eigentliche Quelle der Idee vom Hypertextsystem kannten. Schon im Jahr 1945 hatte der amerikanische Ingenieur Vannevar Bush die Idee des Internets vorgedacht.

          „Stellen Sie sich ein künftiges Arbeitsgerät zum persönlichen Gebrauch vor“, schrieb Bush damals, „das eine Art mechanisiertes privates Archiv oder Bibliothek darstellt . . . Wenn der Benutzer ein bestimmtes Buch zu Rate ziehen will, gibt er den Code über die Tastatur ein, und sofort erscheint die Titelseite des Buchs vor ihm, projiziert auf einen der Sichtschirme . . . Da dem Benutzer mehrere Projektionsflächen zur Verfügung stehen, kann er einen Gegenstand in Position lassen und weitere aufrufen. Er kann Notizen und Kommentare hinzufügen . . . Es braucht jedoch noch einen weiteren Schritt zur assoziativen Indizierung. Deren grundlegender Gedanke ist ein Verfahren, von jeder beliebigen Information - sei es Buch, Artikel, Fotografie, Notiz - sofort und automatisch auf eine andere zu verweisen . . . Es ist ein Vorgang, der zwei Informationen miteinander verbindet. Das ist das Kernstück . . . Der Benutzer drückt eine einzige Taste, und die Gegenstände sind dauerhaft miteinander verbunden . . . Ganz neue Arten von Enzyklopädien werden entstehen, bereits versehen mit einem Netz assoziativer Pfade . . . Der Chemiker, der sich mit der Synthese einer organischen Verbindung müht, hat alle Fachliteratur in seinem Labor vor sich, mit Pfaden, die sich mit Vergleichen zwischen Verbindungen befassen, und Seitenpfaden über ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften . . . Es wird ein Berufszweig von Fährtensuchern entstehen, die sich damit beschäftigen, nützliche Pfade durch die ungeheure Menge von Aufzeichnungen und Dokumenten anzulegen.“

          Symbiose von Produktion und Konsumtion

          Man muss sich immer vor Augen führen, dass diese doch recht genaue Beschreibung des Internets aus dem Jahr 1945 stammt. Wieso haben wir das Mitte der neunziger Jahre nicht gelesen? Und nicht verstanden? Diese Unterlassung ist das Urversagen des PC-Pioniers. Weil Gates „Hypertext“ nicht als vorweggenommene Beschreibung des Netzwerks, sondern nur als künftiges Format von Office-Dokumenten interpretiert hat, hat er zur Jahrtausendwende die Staffel des informationstechnologischen Entrepreneurs an Larry Page und Mark Zuckerberg abgeben müssen.

          Es ist schon viel geschrieben worden über die diversen Paradigmenwechsel, die das Internet sowohl in der Sphäre der Produktion als auch in Freizeit und Handel bewirkt. Kai-Hinrich und Tim Renner haben in ihrem Buch „Digital ist besser“ wunderbar den aufkommenden „Prosumer“ beschrieben, der als Konsument und gleichzeitig Produzent von user-generated content nicht nur die beiden Sphären der bürgerlichen Gesellschaft - hier die Produktion, dort die Konsumtion - symbiotisch in einer Person vereint.

          Entscheident ist die Relevanz des neuen Werks

          Damit einher geht auch die weitgehende Granularisierung der Informationen. Rezipiert wird immer seltener ein ganzes Buch oder wenigstens eine Zeitung, sondern ein einzelner Artikel. Nicht mehr die acht Lieder einer Schallplatte werden gekauft, sondern ein einzelner Song wird im download erworben. Diese Granularisierung ist die Voraussetzung für das kreative Covern von Werken, das längst an die Stelle des Abkupferns getreten ist. Einzelne Stücke werden isoliert von ihrer Historie und den mit dieser verwobenen Intentionen eines Autors interpretiert.

          Und so handelt es sich bei der Entwicklung des Prosumers eben nicht nur um die Verschmelzung beider Elemente in einer Person, sondern auch noch um deren Integration in einen einheitlichen Akt! Im vernetzten Arbeiten lassen sich die Prozesse von Nutzung und Verformung der Dinge gar nicht mehr logisch unterscheiden. Je einfacher zugänglich Informationen sind und je besser diese mit anderen Informationen vernetzt sind, desto weniger ist eine beliebige Informationseinheit stofflich isolierbar. „Guttenbergen“ wird zur vorherrschenden Form geistiger Produktion - wobei man allerdings als Autor dann auch den Anspruch auf individuelle geistige Originalität aufgeben muss. Entscheidend bleibt einzig und allein die - vermutlich zeitlich, räumlich oder situativ begrenzte - Relevanz des neuen Werkes.

          Die open source Alternative

          Entsprechend verhält es sich auch mit dem individuellen „Recht am Werk“. Ich bin davon überzeugt, dass es beim legitimen Kampf um die Urheberrechtsinteressen von Autoren heute nicht mehr um die Rettung des Urheberrechts gehen kann, sondern nur noch um die Sicherstellung geordneter Übergangsfristen in einer Gesellschaft, die auf Copyright letztlich verzichten wird.

          Die open source community hat gezeigt, dass Alternativen zum herkömmlichen Lizenzwesen und zur Urheberrechtsabgabe unter bestimmten Voraussetzungen realisierbar sind. Diese Alternativen reichen von einer Werbefinanzierung von Software über Abgaben im Shareware-Modell bis hin zu kostenlosen Nutzungsrechten bei Verbot einer Kommerzialisierung im herkömmlichen Vermarktungsmodell.

          Verdrängung durch anonyme crowds

          Alle diese Modelle erlauben einen Übergang zur crowd intelligence und zu gemeinschaftlichen Produktionskonzepten, gefährden aber traditionelle Berufsgruppen immer dann, wenn die crowd zu Resultaten führt, die als Äquivalente klassisch produzierter und zu bezahlender Waren gelten können.

          Dabei werden Berufsgruppen wie Journalisten und Fotografen gar nicht so sehr durch einzelne Blogger oder schreibende und fotografierende Amateure verdrängt, sondern von anonymen crowds. In gleichem Maße, in dem Artikel von Diskussionssträngen oder einzelne Texte von Kommentarlisten verdrängt werden, setzt sich die Wissensproduktion als Manifestation von crowd intelligence durch. Wer wissen will, welche Themen und Thesen gerade durch die Köpfe der Meinungsmacher gejagt werden, der analysiert Tweets und Blogs mittels moderner Monitoring-Werkzeuge.

          Eine Timeline der Kaffepausendiskussion

          Twitter ist ein sehr gutes Beispiel für eine Kommunikation, deren Wert nicht mehr von Individuen, von einzelnen Twitterati, definiert wird. Twitter taugt ja nicht nur als Nachrichtenmedium mit hoher Aktualität und gleichzeitig hoher Resistenz gegen Zensurversuche - Letzteres ist vor allen Dingen in autoritär verfassten Gesellschaften von unschätzbarem Wert -, sondern auch zur Analyse der daily agenda. So habe ich mir einige private Twitterlisten erstellt, auf denen jeweils nicht mehr als zwanzig bis fünfzig für mich wichtige Personen stehen. Diese Listen enthalten Personen, denen ich zum Thema der Liste eine gewisse Kompetenz zuschreibe. Mein Ziel ist es nun nicht, alle Tweets dieser Menschen zu lesen und zu kennen. Aber immer, wenn ich ein wenig Zeit habe, sehe ich mir mal kursorisch die Timeline einer solchen Liste an - und schon weiß ich, welche Themen derzeit im Zeitgespräch sind.

          Das ist ein wenig wie ein Gang durch die Kaffeepause eines Kongresses. Man schnappt mal hier, mal dort einige Gedankenfetzen auf und lässt sich überraschen. Im Internet sucht man ja zumeist gezielt nach Informationen, die Störung und die Überraschung fehlen. Das ist ein wenig wie im offiziellen Vortragsteil einer Konferenz, bei dem ich ja weiß, wem ich zuhören möchte. In den Kaffeepausen erlebt man hingegen die viel größeren Überraschungen. Meine Listen bilden die Themen der Konferenz, die Timeline die Kaffeepausendiskussion. Im Gegensatz zu einer wirklichen Konferenz kann ich mir aber in Twitter die Gäste der Konferenz jederzeit aussuchen.

          Radikale Veränderung des Urheberrechts

          Twitter und Kaffeepausen können als Messinstrumente für Meinungen und Analysewerkzeug für die aktuelle Agenda so manchen guten Zeitungskommentar - und also Journalisten - ersetzen. Dabei spielen nicht ein einzelner Artikel oder eine einzelne Äußerung die zentrale Rolle, sondern die Dynamik des Gesprächs im Netz, das aktuelle Zeitgespräch. Wer aber hält das Copyright am Zeitgespräch?

          Noch einmal zur Klarstellung: Da, wo heute Autoren, Programmierer und sonstige geistig Schaffende auf der Vermarktung ihres Copyrights beharren, muss dieses Recht durchgesetzt werden. Ich fordere nicht die Akzeptanz der wilden Raubkopiererei und Fälscherei. Aber wir müssen uns damit abfinden, dass sich die Mechanismen geistiger Produktion derzeit radikal verändern und dass unser heutiges Urheberrecht diesen Veränderungen in keiner Weise gerecht wird. Fortschritt entsteht immer seltener aus individuellen Erkenntnissen. In zwanzig Jahren werden die letzten Nobelpreise an Einzelpersonen verliehen, vermutlich an Larry Page und Mark Zuckerberg für ihr Lebenswerk. Bill Gates wird die Laudatio halten.

          Abscheid vom Urheberrecht

          Angekündigt hat sich dieser Prozess bereits vor hundert Jahren. Walter Benjamin definierte schon 1926 das System des Hypertextes in seinem Modell des Zettelkastens: „Heute schon ist das Buch, wie die aktuelle wissenschaftliche Produktionsweise lehrt, eine veraltete Vermittlung zwischen zwei verschiedenen Kartotheksystemen. Denn alles Wesentliche findet sich im Zettelkasten des Forschers, der's verfasste, und der Gelehrte, der darin studiert, assimiliert es seiner eigenen Kartothek.“ Benjamins Kartothek war der Vorläufer des Z1, seine Arbeitsweise die Vorahnung des Bloggers.

          Künftiger Fortschritt entsteht situativ in viralen Netzwerken. Produktentwicklungen werden immer häufiger nicht nur von Prosumenten angestoßen, sondern auch von ihnen realisiert. Kurz: Wir werden uns Schritt für Schritt vom Urheberrecht als einer Säule unserer ökonomischen und gesellschaftlichen Verfasstheit verabschieden müssen.

          Wikileaks entlarvt die Doppelmoral

          Ebenso ergeht es der Privatheit. Die ganze Aufregung über Wikileaks ist nichts weiter als das letzte Aufbäumen einer weitverbreiteten Doppelmoral. Nichts, was Wikileaks über unsere Politiker veröffentlicht hat, vermag einen halbwegs aufgeklärten Zeitgenossen in Erstaunen zu versetzen. Wir wissen um die Profilneurosen unseres Außenministers, die eher begrenzten visionären weltpolitischen Anwandlungen unserer Kanzlerin, die Weinseligkeit unseres früheren Wirtschaftsministers. Erstaunlich ist nicht, dass auch amerikanische Politikexperten zu derartigen Einschätzungen gelangen, erstaunlich ist nur, dass dies nun öffentlich zu lesen ist. Besorgte Familienväter, die ihre Privatsphäre durch Google Streetview gefährdet sehen, wissen zumeist erstaunlich gut über die Gartengestaltung ihres Nachbarn Bescheid. Und was soll die Warnung vor despektierlichen Fotos von Schülerpartys, wenn ein gelegentlicher Joint selbst für den Beruf des amerikanischen Präsidenten nicht mehr disqualifiziert? Wer bitte hat jemals inhaliert?

          Wikileaks entlarvt lediglich die Doppelmoral, von der wir alle längst wissen, dass sie existiert. Freilich wird die Auslöschung der Doppelmoral die Arbeitsweise der Diplomaten verändern: Diplomatie, die seit dem neunzehnten Jahrhundert in einem Arkanbereich von einer Priesterkaste unter Ausschluss der Öffentlichkeit betrieben wurde, wird nachhaltig ans Licht der Öffentlichkeit gezogen. Ob dies zu einer Remoralisierung von Diplomatie oder einer Verallgemeinerung des Sachzwangdenkens führen wird, wage ich heute nicht zu entscheiden. Wie stets sind beide Entwicklungsperspektiven der neuen Technologie - ich rede noch immer vom Internet - eingeschrieben: eine emanzipative ebenso wie eine reaktionäre.

          Medienpädagogik muss einen größeren Stellenwert haben

          Die vom Internet hergestellte Öffentlichkeit beschreibt eine Vergesellschaftlichung auf allen Ebenen: Die Diplomatie wird ebenso zum Gegenstand des gesellschaftlichen Diskurses wie jede Form der Privatheit. Wissen wird ebenso vergesellschaftlicht wie Kreativität und letztlich Machtausübung. Damit geht aber nicht zwangsläufig eine Demokratisierung einher. Die Vergesellschaftlichung der Erkenntnis lehrt nur, dass der Sozialismus der Erkenntnis ein Sozialismus ohne Gleichheit ist. Mit dem Internet mag die bürgerliche Gesellschaft, so wie wir sie bislang kannten und definierten, enden. Nicht aber endet ihre Not.

          Was bedeutet all dies nun für unsere tägliche Arbeit mit den neuen Werkzeugen des Internets? Verallgemeinerungen helfen uns nicht weiter. Wir sollten dafür Sorge tragen, dass allen Menschen die Grundfertigkeiten im Umgang mit neuen Technologien vertraut werden. Medienpädagogik muss in Zeiten des Internets einen größeren Stellenwert erhalten.

          Wenn ich will, bin ich immer errichbar!

          Dabei bin ich zwar kein digital native, sicherlich aber ein power user: Meine beiden Blogs nutze ich zur Verbreitung und zur Diskussion meiner Ideen in Beruf (www.vibrio.eu/blog) und Leben (www.czyslansky.net); mein Profil pflege ich auf Xing, LinkedIn und Facebook, damit sich andere ein Bild machen können, ob eine Kontaktaufnahme mit mir für sie einen Mehrwert in irgendeiner Form erbringen kann; in Twitter mache ich mir ein schnelles Bild der Agenden im Tagesgespräch meiner unterschiedlichen peer groups, und ich teile mich und meine Gedanken wie auch auf Google+ demjenigen mit, der sie hören will; in Facebook pflege ich alte berufliche und private Kontakte; über Doodle verwalte ich meine Termine, und da meine Reisebuchungen per Internet auch am einfachsten und schnellsten direkt erfolgen, habe ich meine Sekretärin erst zur Assistentin befördert und dann vor einigen Jahren abgeschafft;

          Per Foursquare erhalte ich von lieben Freunden immer mal Hinweise auf ordentliche Restaurants (aber nur wenigen Freunden ist in kulinarischen Dingen wirklich zu trauen); über Memonic organisiere ich meine Online-Recherchen und Archivablagen; über Spreed konferiere ich online mit Kunden und Partnern; über Skype halte ich zum Beispiel engen Kontakt mit meiner Tochter in Israel; für meine Tätigkeit in der Agentur kommen dann schnell noch mal ein Dutzend Werkzeuge für Online-Umfragen, die Redaktion und den Versand von E-Mail-Newslettern und vieles mehr dazu. Ein paar Meta-Tools wie Tweetdeck und Netvibes verbinden all diese Internetwerkzeuge und integrieren sie in multifunktionale Cockpits. Erreichbar bin ich überall, jederzeit für jedermann - wenn ich will!

          Digital ist nicht besser, aber auch nicht schlechter

          Abgesehen von der Musik, der Literatur und den Zeitungen ist für mich mit dem Internet alles besser und einfacher geworden. Zeitungen werde ich eines Tages so vermissen wie heute schon meinen Platten- und Buchhändler. Vielleicht werde ich auch einige neue Bücher, die in zwanzig Jahren nur noch als E-Books erscheinen werden, vermissen. Auf Vinyl besitze ich fast alles, was mir lieb und wertvoll ist. Das hält.

          Solange wir uns nicht der falschen Hoffnung hingeben, dass Kommunikation und Öffentlichkeit per se schon ein Anzeichen für gesellschaftlichen Fortschritt sind, solange wir Vergesellschaftlichung nicht falsch als Vergesellschaftung interpretieren, solange wir vom Internet nicht erwarten, dass das Brot billiger wird - um es mit Brecht zu sagen -, ist alles gut in unserem persönlichen Umgang mit Internet & Co. Mir erleichtert das Internet Leben und Arbeit in tausend Dingen. In gesamtgesellschaftlicher Sicht aber gilt: Digital ist eben nicht besser. Aber auch nicht schlechter. Digital ist einfach anders.

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