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Netznutzung : Digital ist anders

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Ebenso ergeht es der Privatheit. Die ganze Aufregung über Wikileaks ist nichts weiter als das letzte Aufbäumen einer weitverbreiteten Doppelmoral. Nichts, was Wikileaks über unsere Politiker veröffentlicht hat, vermag einen halbwegs aufgeklärten Zeitgenossen in Erstaunen zu versetzen. Wir wissen um die Profilneurosen unseres Außenministers, die eher begrenzten visionären weltpolitischen Anwandlungen unserer Kanzlerin, die Weinseligkeit unseres früheren Wirtschaftsministers. Erstaunlich ist nicht, dass auch amerikanische Politikexperten zu derartigen Einschätzungen gelangen, erstaunlich ist nur, dass dies nun öffentlich zu lesen ist. Besorgte Familienväter, die ihre Privatsphäre durch Google Streetview gefährdet sehen, wissen zumeist erstaunlich gut über die Gartengestaltung ihres Nachbarn Bescheid. Und was soll die Warnung vor despektierlichen Fotos von Schülerpartys, wenn ein gelegentlicher Joint selbst für den Beruf des amerikanischen Präsidenten nicht mehr disqualifiziert? Wer bitte hat jemals inhaliert?

Wikileaks entlarvt lediglich die Doppelmoral, von der wir alle längst wissen, dass sie existiert. Freilich wird die Auslöschung der Doppelmoral die Arbeitsweise der Diplomaten verändern: Diplomatie, die seit dem neunzehnten Jahrhundert in einem Arkanbereich von einer Priesterkaste unter Ausschluss der Öffentlichkeit betrieben wurde, wird nachhaltig ans Licht der Öffentlichkeit gezogen. Ob dies zu einer Remoralisierung von Diplomatie oder einer Verallgemeinerung des Sachzwangdenkens führen wird, wage ich heute nicht zu entscheiden. Wie stets sind beide Entwicklungsperspektiven der neuen Technologie - ich rede noch immer vom Internet - eingeschrieben: eine emanzipative ebenso wie eine reaktionäre.

Medienpädagogik muss einen größeren Stellenwert haben

Die vom Internet hergestellte Öffentlichkeit beschreibt eine Vergesellschaftlichung auf allen Ebenen: Die Diplomatie wird ebenso zum Gegenstand des gesellschaftlichen Diskurses wie jede Form der Privatheit. Wissen wird ebenso vergesellschaftlicht wie Kreativität und letztlich Machtausübung. Damit geht aber nicht zwangsläufig eine Demokratisierung einher. Die Vergesellschaftlichung der Erkenntnis lehrt nur, dass der Sozialismus der Erkenntnis ein Sozialismus ohne Gleichheit ist. Mit dem Internet mag die bürgerliche Gesellschaft, so wie wir sie bislang kannten und definierten, enden. Nicht aber endet ihre Not.

Was bedeutet all dies nun für unsere tägliche Arbeit mit den neuen Werkzeugen des Internets? Verallgemeinerungen helfen uns nicht weiter. Wir sollten dafür Sorge tragen, dass allen Menschen die Grundfertigkeiten im Umgang mit neuen Technologien vertraut werden. Medienpädagogik muss in Zeiten des Internets einen größeren Stellenwert erhalten.

Wenn ich will, bin ich immer errichbar!

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