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Netznutzung : Digital ist anders

  • -Aktualisiert am

Das ist ein wenig wie ein Gang durch die Kaffeepause eines Kongresses. Man schnappt mal hier, mal dort einige Gedankenfetzen auf und lässt sich überraschen. Im Internet sucht man ja zumeist gezielt nach Informationen, die Störung und die Überraschung fehlen. Das ist ein wenig wie im offiziellen Vortragsteil einer Konferenz, bei dem ich ja weiß, wem ich zuhören möchte. In den Kaffeepausen erlebt man hingegen die viel größeren Überraschungen. Meine Listen bilden die Themen der Konferenz, die Timeline die Kaffeepausendiskussion. Im Gegensatz zu einer wirklichen Konferenz kann ich mir aber in Twitter die Gäste der Konferenz jederzeit aussuchen.

Radikale Veränderung des Urheberrechts

Twitter und Kaffeepausen können als Messinstrumente für Meinungen und Analysewerkzeug für die aktuelle Agenda so manchen guten Zeitungskommentar - und also Journalisten - ersetzen. Dabei spielen nicht ein einzelner Artikel oder eine einzelne Äußerung die zentrale Rolle, sondern die Dynamik des Gesprächs im Netz, das aktuelle Zeitgespräch. Wer aber hält das Copyright am Zeitgespräch?

Noch einmal zur Klarstellung: Da, wo heute Autoren, Programmierer und sonstige geistig Schaffende auf der Vermarktung ihres Copyrights beharren, muss dieses Recht durchgesetzt werden. Ich fordere nicht die Akzeptanz der wilden Raubkopiererei und Fälscherei. Aber wir müssen uns damit abfinden, dass sich die Mechanismen geistiger Produktion derzeit radikal verändern und dass unser heutiges Urheberrecht diesen Veränderungen in keiner Weise gerecht wird. Fortschritt entsteht immer seltener aus individuellen Erkenntnissen. In zwanzig Jahren werden die letzten Nobelpreise an Einzelpersonen verliehen, vermutlich an Larry Page und Mark Zuckerberg für ihr Lebenswerk. Bill Gates wird die Laudatio halten.

Abscheid vom Urheberrecht

Angekündigt hat sich dieser Prozess bereits vor hundert Jahren. Walter Benjamin definierte schon 1926 das System des Hypertextes in seinem Modell des Zettelkastens: „Heute schon ist das Buch, wie die aktuelle wissenschaftliche Produktionsweise lehrt, eine veraltete Vermittlung zwischen zwei verschiedenen Kartotheksystemen. Denn alles Wesentliche findet sich im Zettelkasten des Forschers, der's verfasste, und der Gelehrte, der darin studiert, assimiliert es seiner eigenen Kartothek.“ Benjamins Kartothek war der Vorläufer des Z1, seine Arbeitsweise die Vorahnung des Bloggers.

Künftiger Fortschritt entsteht situativ in viralen Netzwerken. Produktentwicklungen werden immer häufiger nicht nur von Prosumenten angestoßen, sondern auch von ihnen realisiert. Kurz: Wir werden uns Schritt für Schritt vom Urheberrecht als einer Säule unserer ökonomischen und gesellschaftlichen Verfasstheit verabschieden müssen.

Wikileaks entlarvt die Doppelmoral

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