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Netznutzung : Digital ist anders

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„Stellen Sie sich ein künftiges Arbeitsgerät zum persönlichen Gebrauch vor“, schrieb Bush damals, „das eine Art mechanisiertes privates Archiv oder Bibliothek darstellt . . . Wenn der Benutzer ein bestimmtes Buch zu Rate ziehen will, gibt er den Code über die Tastatur ein, und sofort erscheint die Titelseite des Buchs vor ihm, projiziert auf einen der Sichtschirme . . . Da dem Benutzer mehrere Projektionsflächen zur Verfügung stehen, kann er einen Gegenstand in Position lassen und weitere aufrufen. Er kann Notizen und Kommentare hinzufügen . . . Es braucht jedoch noch einen weiteren Schritt zur assoziativen Indizierung. Deren grundlegender Gedanke ist ein Verfahren, von jeder beliebigen Information - sei es Buch, Artikel, Fotografie, Notiz - sofort und automatisch auf eine andere zu verweisen . . . Es ist ein Vorgang, der zwei Informationen miteinander verbindet. Das ist das Kernstück . . . Der Benutzer drückt eine einzige Taste, und die Gegenstände sind dauerhaft miteinander verbunden . . . Ganz neue Arten von Enzyklopädien werden entstehen, bereits versehen mit einem Netz assoziativer Pfade . . . Der Chemiker, der sich mit der Synthese einer organischen Verbindung müht, hat alle Fachliteratur in seinem Labor vor sich, mit Pfaden, die sich mit Vergleichen zwischen Verbindungen befassen, und Seitenpfaden über ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften . . . Es wird ein Berufszweig von Fährtensuchern entstehen, die sich damit beschäftigen, nützliche Pfade durch die ungeheure Menge von Aufzeichnungen und Dokumenten anzulegen.“

Symbiose von Produktion und Konsumtion

Man muss sich immer vor Augen führen, dass diese doch recht genaue Beschreibung des Internets aus dem Jahr 1945 stammt. Wieso haben wir das Mitte der neunziger Jahre nicht gelesen? Und nicht verstanden? Diese Unterlassung ist das Urversagen des PC-Pioniers. Weil Gates „Hypertext“ nicht als vorweggenommene Beschreibung des Netzwerks, sondern nur als künftiges Format von Office-Dokumenten interpretiert hat, hat er zur Jahrtausendwende die Staffel des informationstechnologischen Entrepreneurs an Larry Page und Mark Zuckerberg abgeben müssen.

Es ist schon viel geschrieben worden über die diversen Paradigmenwechsel, die das Internet sowohl in der Sphäre der Produktion als auch in Freizeit und Handel bewirkt. Kai-Hinrich und Tim Renner haben in ihrem Buch „Digital ist besser“ wunderbar den aufkommenden „Prosumer“ beschrieben, der als Konsument und gleichzeitig Produzent von user-generated content nicht nur die beiden Sphären der bürgerlichen Gesellschaft - hier die Produktion, dort die Konsumtion - symbiotisch in einer Person vereint.

Entscheident ist die Relevanz des neuen Werks

Damit einher geht auch die weitgehende Granularisierung der Informationen. Rezipiert wird immer seltener ein ganzes Buch oder wenigstens eine Zeitung, sondern ein einzelner Artikel. Nicht mehr die acht Lieder einer Schallplatte werden gekauft, sondern ein einzelner Song wird im download erworben. Diese Granularisierung ist die Voraussetzung für das kreative Covern von Werken, das längst an die Stelle des Abkupferns getreten ist. Einzelne Stücke werden isoliert von ihrer Historie und den mit dieser verwobenen Intentionen eines Autors interpretiert.

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