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Netznutzung : Digital ist anders

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Meine ersten Computererfahrungen machte ich bei der Auswertung sozialwissenschaftlicher Umfragen an einem Großrechner im Münchner Leibnitz-Rechenzentrum. Und das Herumtragen von Lochkartenstapeln machte nicht nur keinen Spaß, sondern es war ein schreckliches Arbeiten auf einer miesen ergonomischen Benutzeroberfläche und vor allen Dingen auf der Basis einer völligen Taylorisierung meines Arbeitens: Entwickeln, Schreiben, Durchführen, Auswerten und Interpretieren einer Befragung waren völlig getrennte Prozesse, gar nicht zu reden von der Revision einer solchen Studie durch spontane Anregungen von Kollegen und Freunden. Spontanität war im System der Lochkartenstapel nicht vorgesehen.

Warum Bill Gates Microsoft gründete

Die Einführung des Personalcomputers in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts habe ich deshalb als persönliche Befreiung empfunden. Der PC reintegrierte Prozesse, die der Großrechner zergliedert hatte. Die Trennung von Forschung und Auswertung - aufgehoben! Die Trennung von Redaktion und Texteingabe in den Zeitungsverlagen - aufgehoben! Manager erlernten neben dem Entscheiden sogar die Kunst des Schreibens wieder. Über die Verdichtung der Arbeitsprozesse wurden Dinge wieder zusammengeführt, die früher schon einmal zusammengehört hatten. Der PC setzte die Taylorisierung der Büroarbeit ein gutes Stück weit aus.

Auslöser für die Entwicklung des PC war der subjektive Wunsch eines einzelnen verwöhnten amerikanischen Studenten nach mehr Autonomie beim Zugang zu Rechenleistung. Mitte der siebziger Jahre hatte es Bill Gates einfach satt, sich Zugangszeiten für den Großrechner seiner Universität über eine lange Warteliste verschaffen zu müssen. Mehrmals war er schon abgemahnt worden, weil er sich Computerzeiten unfair erschlichen hatte. Als im Homebrew Computer Club der erste Altair Computer vorgestellt wurde, kam ihm die große Vision vom „One day there will be a PC on every desk“, und er gründete Microsoft eigentlich nur, um jedermann die Möglichkeit zu geben, jederzeit so lange, wie einer eben will, mit einem Computer arbeiten zu können.

Die Kaste der Eingeweihten

Nicht die Kommunikation mit anderen, nicht der Datenaustausch, nicht das Netz, sondern der einzelne Benutzer vor dem Monitor war das Leitbild von Gates und aller frühen PC-Pioniere. Die Revolution bestand daraus, dass das PC-Zeitalter den Computerbediener zum „Macher“ am persönlichen Computer beförderte. Der monadische Charakter des Users blieb unangetastet. Die Zergliederung der Arbeit wurde zurückgedrängt, aber die gewonnene Autonomie war die Autonomie des Noch-immer-Einzelnen.

Von Beginn an war dem ökonomischen und gesellschaftlichen Siegeszug des PC das Monopol der Standardisierer vorausgesetzt. Standardisierung und Individualisierung gingen eine eigenartige Dialektik miteinander ein. Nicht nur, dass der PC ein teures Instrument war, das nur durch Standardisierung und Massenproduktion langsam für immer mehr Menschen erschwinglich wurde. Vor allem waren Personalcomputer isolierte Rechenmaschinen, die als Produktivitätswerkzeuge nur so wertvoll waren wie die Programme, die auf ihnen liefen. Die Programmierung der Computer aber geschah von Anfang an zentral durch die Kaste der Eingeweihten, die Programmierer.

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