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Netzaktivismus : Weltfremd

  • -Aktualisiert am

Innerhalb und außerhalb der Netzwelt: Sigmar Gabriel bei einem Live-Chat Bild: picture alliance / dpa

Sigmar Gabriel spricht ein offenes Wort zu einer Netzaktivistin, deren ebenfalls netzbewegte Kollegin daraufhin beleidigt aus der SPD austritt: Woher eigentlich diese Empfindlichkeit in der Internetwelt?

          Muss man gleich aus einer Partei aus- und einen Entrüstungssturm lostreten, weil deren Vorsitzender zu einer Mitstreiterin gesagt hat, sie, die Mitstreiterin, habe nur Ahnung von der Welt, in der sie sich bewege? Milieuzuschreibung ist doch ein ganz normaler Vorgang.

          Wie ist es dann aber zu erklären, dass Yasmina Banaszczuk aus der SPD ausgetreten ist? Es war so: Ihre Mitstreiterin Kathy Meßmer nahm unlängst an einem vom „Stern“ veranstalteten und von Hans-Ulrich Jörges moderierten Gespräch teil. „Mehr Willy Brandt wagen“ wollte man. Und Kathy Meßmer plauderte, als sie nach ihren persönlichen Wunschvorstellungen im Hinblick auf die SPD gefragt wurde, recht munter drauflos: alle über alles abstimmen lassen, große Koalition aber auf keinen Fall, vielmehr „Strukturen aufbrechen“ und „ganz, ganz viel mehr Leute aus verschiedenen Lebensrealitäten reinholen“ – was man halt so sagt, wenn man neu ist und denkt, die Dinge ließen sich leicht ändern.

          Die Welten, von denen sie reden

          Und natürlich das Internet: „Das Internet ist mein Lebensraum, mein Aktionsfeld, meine politische Bühne“, und sie, Kathy Meßmer, würde Sigmar Gabriel gerne einmal „an der Hand nehmen“, um es ihm zu zeigen. Gabriel quittierte das, ganz ruhig übrigens, so: „Ich würd’ Sie gerne mitnehmen in die Welt außerhalb des Internets.“ Daraufhin Kathy Meßmer: „Oh, ich glaube, die kenn’ ich.“ Gabriel: „Ne, ich glaube, das kennen Sie nicht. Ich habe große Zweifel, ob Sie in der Welt, die Sie zu Ihrer erklärt haben, diese Welt, über die ich rede, kennen.“

          Das war alles. Aber Yasmina Banaszczuk, die zwar im Publikum saß, aber ja gar nicht gemeint war, ist jetzt aus der SPD ausgetreten, nicht ohne einen von der „Zeit“ online verbreiteten Abschiedsbrief zu hinterlassen, den man nur wehleidig und selbstgerecht nennen kann.

          Als „Netzaktivistinnen“ gehören die beiden Frauen in der Tat einem speziellen Milieu an, in dem nämlich so getan wird, als ob Aktivitäten im Netz noch von einer ganz anderen Qualität, ja, Dignität wären, die nur ihnen zugänglich ist, mutiger, redlicher, authentischer und transparenter als jede andere.

          Wenn man von der Ein- oder Mehrwelttheorie einmal absehen darf, so ist es doch auch in der Netzwelt meistens bloß so: Leute reden miteinander. Warum aber sind gerade diejenigen, denen das Bunt-Vielstimmige, Anarchische, Unverkrustete so wichtig ist, so empfindlich, wenn man ihnen zu verstehen gibt, dass sie in bestimmten Bereichen noch lernfähig sind? Offenbar haben sie die Gefällt-mir-Logik der (sozialen?) Netzwerke schon so verinnerlicht, dass sie alles persönlich nehmen. Wie weit man damit kommt, ist nicht erst bekannt, seit es shitstorms gibt.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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