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Gina Thomas (G.T.)

Netflix kauft Roald Dahl : Wagniskapital

  • -Aktualisiert am

Der 1990 verstorbene Schriftsteller Roald Dahl, das Bild datiert auf das Jahr 1974. Bild: www.bridgemanart.com

Netflix hat das Potenzial von Roald Dahls Geschichten erkannt. Der rassistisch und anderweitig enthemmte britische Bestsellerautor kommt dem Streamingdienst gerade recht.

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          Einer Statistik zufolge ist Roald Dahl als Erzähler so beliebt, dass alle 2,6 Sekunden irgendwo auf der Welt eines seiner in 63 Sprachen übersetzten Bücher verkauft wird. Der internationale Absatz soll sich auf mehr als dreihundert Millionen Exemplare belaufen.

          Kein Wunder also, dass sich der Streamingdienst Netflix die Rechte am gesamten Werk des 1990 gestorbenen britischen Autors gesichert hat. Die Film- und Fernsehwelt hat das Potential von Dahls ebenso fantastischer wie schräger Fabulierkunst längst erkannt. Netflix hatte vor einigen Jahren bereits Animationsrechte an sechzehn Dahl-Geschichten erworben. Diese Projekte hätten dem Unternehmen die Augen geöffnet „für ein wesentlich ambitionierteres Vorhaben“, nämlich die Erschaffung eines „einzigartigen Universums“ quer durch alle Unterhaltungsgattungen hindurch. Das Geschäft wurde auf mehr als fünfhundert Millionen Pfund veranschlagt.

          Es ruft die berühmten Werbespots von Victor Kiam, des Besitzers des Elektrorasiererherstellers Remington, in Erinnerung, der in fünfzehn Sprachen zu witzeln wusste, das Produkt habe ihm so gefallen, dass er die ganze Firma gekauft habe.

          Morbide Kurzgeschichten

          Netflix hat freilich nicht nur Dahls anarchische Kinderbücher erworben, sondern auch die morbiden Kurzgeschichten für Erwachsene. In „Sophiechen und der Riese“ hat der freundliche Riese in seiner Höhle gewaltige Vorräte an guten und bösen Träumen angelegt. Er zerstört die bösen und pustet Kindern die guten bei seinen nächtlichen Streifzügen ins Schlafzimmer.

          Das Märchen wirkt wie eine Metapher für Dahls schriftstellerische Tätigkeit. Es ist, als habe er Kinder ermächtigen wollen, indem er ihnen mit seinen abstrusen Geschichten und Nonsenswörtern klarmachte, dass sie nicht allein stünden mit ihrer Wahrnehmung des Unrechts in der chaotischen Erwachsenenwelt.

          Für seine älteren Leser hob er hingegen die schlimmsten Albträume seiner verdrehten Fantasie auf. Als Autor und als Mensch hat sich diese außerordentlich komplexe Figur mitunter den Vorwurf des Sadismus, des Sexismus und des Rassismus, insbesondere des Antisemitismus, eingetragen. Seine Nachlassverwalter sahen sich vor einigen Jahren sogar veranlasst, sich für ungehaltene Äußerungen über Juden zu entschuldigen. Nun ermahnt der Rat der britischen Juden Netflix, Dahls Ansichten nicht wegzuretuschieren, sondern einen Dokumentarfilm über den Antisemitismus zu drehen, der sein Erbe trübe.

          Allein schon, dass Dahl in einem Haus lebte, das mit seinem Namen „Gipsy House“ gegen heutige Empfindlichkeiten verstößt, dass er die Oompa-Loompas in „Charlie und die Schokoladenfabrik“ ursprünglich als afrikanische Pygmäen mit stereotypischen Zügen ersann oder dass er einmal meinte, selbst ein „Fiesling wie Hitler“ habe die Juden nicht grundlos drangsaliert, macht ihn unmöglich. Beobachter amüsieren sich nun bei dem Gedanken, wie Netflix im Zeitalter der Cancel-Kultur mit den Schattenseiten des Wesens und des Werkes umgehen werde, zumal der Konzern auch Prinz Harry und Meghan Mar­kle mit ihrer politisch korrekten Weltanschauung unter seinem Dach beherbergt.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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