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Neonazi-Akten : Schreddermann

Das Bundesamt für Verfassungsschutz vernichtete Neonazi-Akten zu einem Zeitpunkt, an dem sie dringend gebraucht werden. Was hatte es mit dieser fristgerechten Schredderung auf sich?

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          Wer so ein Verhalten an den Tag lege, befördere alle möglichen Theorien, befand einer der entsetzten Obmänner im Untersuchungsausschuss angesichts der Schredderei sensibler Neonazi-Akten im Bundesamt für Verfassungsschutz. Wie plausibel sind alle möglichen Theorien? Laut allen möglichen Theorien hatte der nun aufgeflogene Schreddermann, just als er für den Verfassungsschutz-Chef die Aktenlage zu den Thüringer Neonazi-Morden sondieren sollte, erschreckt festgestellt, in seinem Referat die Schredderfristen für personenbezogene Daten überzogen zu haben, um dieses Manko dann durch augenblickliche Schredderei heilen zu wollen.

          Fristenlösung und Schredderlüge

          Als aber der letzte Schnipsel geschreddert war, so sagen alle möglichen Theorien weiter, dämmerte dem Schreddermann, dass er seine Lage nicht verbessert, sondern verschlechtert hatte. Das durch die nachholende Fristenlösung erzeugte neue Fristenproblem war nämlich die Schredderei der Nazi-Akten im falschen Kontext, dann nämlich, als gerade die Thüringer Nazi-Terroristen namhaft gemacht worden waren. Der Schreddermann hatte entlang aller möglichen Theorien auch dieses neue Fristenproblem lösen wollen, indem er die Schredderei der Nazi-Akten von November 2011 auf Januar 2011 vordatierte und mit dieser Schredderlüge gleich zwei Fliegen mit einem Knopf zu schreddern glaubte: Zum einen schien sich der Schreddermann nun nicht mehr für überzogene Schredderfristen verantworten zu müssen; er mochte mit der fiktiven Vorverlegung des Schredderdatums ja womöglich fristgerecht geschreddert haben. Zum anderen stellt sich die Schredderei für alle möglichen Theorien jetzt so dar, als hätte der Schreddermann zu einem politisch unverfänglichen Zeitpunkt geschreddert, eben im Januar 2011, als die Killer noch gar nicht bekannt waren und es insofern auch noch nichts zu vertuschen gegeben hätte über die möglichen Verbindungen von Referatsleitern der Geheimdienste, V-Leuten und Mördern.

          Das Verfängliche für den Verfassungsschutz: Jede Verschwörungstheorie hört sich plausibler an als alle möglichen Theorien, die uns von einem schusseligen Einzeltäter im Amt erzählen wollen.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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