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Neil Armstrongs Epoche : Das Drama einer Enttäuschung

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Wo ist der Sieg über den Krebs, den der amerikanische Kongress für 1976 – eine Art Apollo-Programm für den Menschen – verkündet hat? Wo die billige und risikolose Energie, die für 1980 versprochen wurde? Wie lange warten wir noch auf das „Ende der Arbeit“, utopische Epoche eines gut versorgten Robinson-Lebens, die für das Jahr 2000 versprochen worden war? Wo der Wohlstand, der die Kinder besser leben lässt als ihre Eltern? Was ist aus den fliegenden Autos geworden, den Marskolonien oder auch nur den Robotern, die Wäsche in die Reinigung bringen?

Das alles waren Versprechungen der technologischen Hardware, bis hin zu den Roboter-Ärzten, die längst unsere Krankenhäuser bevölkern müssten. Im Jahre 1900, bemerkt David Graeber zu Recht, haben Jules Verne und H.G. Wells einem ungläubigen Publikum die Welt des Jahres 1960 ausgemalt: mit Flugzeugen, Unterseeboten, Radio, Fernsehen und der Mondlandung.

Die Prognosen wurden niemals Wirklichkeit

Genau das haben wir bekommen. Doch die Prognosen des Jahres 1960 sind niemals Wirklichkeit geworden. Keiner der angekündigten Durchbrüche auf dem Gebiet der Medizin, Robotik, Nanotechnologie, Raumfahrt oder Arbeit hat sich erfüllt, und einige der großen Erwartungen – von der banalen Geschwindigkeit bis zu den Realeinkommen und der Kaufkraft, haben sich sogar irgendwann zurückentwickelt.

Doch was noch gravierender ist: alles, was wir heute erleben, ist im technologischen Kern bereits in den fünfziger und sechziger Jahren erfunden worden. Und vieles war in die Apollo-Kapsel, die Neil Armstrong bediente, und sei es in der embryonalen Form, schon eingebaut. Das einzige Gebiet, auf dem sich die exponentielle Wachstumskurve wirklich vollzogen hat, betrifft die Leistungsfähigkeit von Computerchips.

Moores Gesetz, das die Verdoppelung der Leistung bei gleichzeitiger Halbierung des Preises voraussagte, ist dadurch zum Schlüsselparadigma der ganzen Welt geworden, obwohl, bei Licht betrachtet, es sich nur um eine Technologie unter vielen handelt.

Eine traurige Phase von Visionsarmut und Verzagtheit

Doch selbst hier ist nicht eingetreten, was die Prognosen voraussagten. Computer sind keine autonomen, intelligenten Wesen geworden, mit denen man sprechen und konferieren kann, sondern Container, die wir mit unserer Intelligenz füttern. Solche Ernüchterung ist nötig, weil sie gegen den PR-Wahn des Silicon Valley ebenso immunisiert, wie gegen ein großes Missverständnis. Die Mondlandung als Paradigma einer Reise und einer Eroberung ist Geschichte, und ihr folgt eine traurige Phase von Visionsarmut und Verzagtheit. Die Mondlandung als Paradigma des Cyborg ist Gegenwart und ein Bestandteil jener sozialen Physik, mit der die Gesellschaft immer effizienter als automatischer Markt gescreent und organisiert wird.

Nicht der Mond und die atemberaubende und bescheiden machende Ansicht des Weltalls, sondern der geschlossene Raum der Kapsel, in der sich Neil Armstrong nur ein einziges Mal als Handelnder erlebte – als er kurz vor der Landung gegen den Computer entschied –, ist der geometrische Ort der Epoche. „Der Weltraum, unendliche Weiten“ – wie es bei „Raumschiff Enterprise“ hieß? Er sehe sich gerne die Sterne an, war eine der Standardantworten von Neil Armstrong.

Das digitalreligiöse Magazin „Wired“ hat gerade einen Bericht über jene High-Frequency-Trader veröffentlicht, die ihre Server neben den Hauptservern der New Stock Exchange plazieren, um 0,01 Millisekunden schnellere Informationen für den Börsenhandel zu bekommen. Und dann fällt da ein Satz: In dem Moment, wo ein normaler Kunde einen Aktienkurs sieht, ist es so, als sähe er einen Stern, der schon seit Jahrtausenden erloschen ist.

Eine Diskussion mit Neil Armstrong, die der österreichische Fernsehsender Servus TV zum achtzigsten Geburtstag des Astronauten ausgestrahlt hat, ist im Internet zu sehen.

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