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Neil Armstrongs Epoche : Das Drama einer Enttäuschung

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Keiner schien sich dessen so bewusst wie Neil Armstrong. Der erste Mann auf dem Mond hat sich gerettet, indem er eine Mauer des Schweigens um sich aufbaute. Schon der zweite Mann auf dem Erdtrabanten, Buzz Aldrin, hatte zu viel geredet, als er wieder unter Menschen war, und dafür mit Depressionen und Alkoholismus bezahlt. Die Nasa hat später Korrekturen an ihrem psychologischen Programm vorgenommen. Kein Mensch hatte geahnt, dass die Rückkehr das wirkliche Problem werden würde.

Aber auch auf der Erde war die trügerische Zeit der Schwerelosigkeit vorbei. Kennedy, der die Vision gehabt hatte, Menschen innerhalb von zehn Jahren auf den Mond zu schicken, war tot. Jetzt begrüßte Richard Nixon die Heimkehrer. Amerikanische Fernseh-Networks beschwerten sich, dass die Bilder aus dem All zu langweilig waren. Bald schalteten sie sich reihenweise aus den Live-Übertragungen aus.

Erfahrungen von Freiheit

Keine vier Jahre nach dem Ereignis veränderte die Ölkrise die gesamte Nachkriegsökonomie. Jetzt kam man zwar zum Mond, aber an autofreien Sonntagen nicht einmal mehr von Hamburg nach Bremen. „Die Erde hat sie wieder“ war die triumphale Nachricht des Jahres 1969 für die Herren Armstrong, Aldrin und Collins. Für die Spezies selbst, zumindest aus der Sicht der Technologen, klang das bald eher nach lebenslanger Haft. Die Babyboomer erlebten die Mondlandung als Metapher.

Neil Armstrong war ihr Kolumbus (plus Charles Lindbergh, bei besserem Charakter), sie verbanden mit ihm zwei spezifische Erfahrungen von Freiheit: dass sie am 21. Juli 1969 bis 3.56 Uhr wach bleiben durften (was wenigen gelang) und die Verwendung des Wortes „schwerelos“ für Momente des Glücks. Sie bekamen von ihren Eltern und Lehrern gesagt, wie groß der Mensch sei und was er zu leisten vermag, es war vielleicht nicht unbedingt nutzbringend, auf dem Mond zu landen, aber gerade deshalb war es groß.

Was würde jetzt noch alles möglich sein, was entdeckt, erobert, bewältigt werden? Wer den Mond betritt, kann auch – um nur ein paar reale Prognosen des Jahres 1969 zu nennen – alle Krankheiten besiegen, die Armut überwinden, Teleportationsgeräte bauen und seinen Hausroboter zum Brötchenholen schicken.

„Warum hat man die Versprechen gebrochen?“

43 Jahre später ist die Metapher „Apollo“ gewissermaßen entkleidet, dismantled, bis zu dem Punkt, wo man auf das Zentralhirn der Operation trifft. Aller Fortschrittsoptimismus entzündet sich nun an der Mensch-Maschine-Schnittstelle, und es vergeht kein Tag, ja fast keine Stunde, in der nicht neue Visionen, wie wir angeblich leben und denken werden, den Markt überfluten. Aber zwei erwachsene Babyboomer, die unterschiedlicher nicht sein können, haben völlig unabhängig voneinander, an verschiedenen Orten, aber zur gleichen Zeit die fast identische Frage gestellt. „Warum“, so fragen sie, „hat man die Versprechen gebrochen, die man uns damals gegeben hat?“

Der eine, Peter Thiel, geboren 1967 in Frankfurt am Main, Milliardär, vermutlich der mächtigste Investor seiner Generation, ist ein Heros der Wall Street und des Silicon Valley. Der andere, David Graeber, geboren 1961 in den Vereinigten Staaten, Anarchist, Anthropologe, ist Mitbegründer der Anti-Wall-Street Bewegung „Occupy“ und Verfasser des Bestsellers „Schulden“.

In einem Augenblick, wo alle sich einig sind, dass es die Technologie ist, die das Antlitz der Erde und uns selbst verwandelt hat, durchlöchern sie das Selbstbewusstsein der technokratischen Intelligenz mit ihren Fragen: Wieso ist die Zukunft zu Ende? Warum gibt es seit vierzig Jahren fast keinen wirklichen technologischen Fortschritt mehr, der die Versprechungen einlöst, die uns gemacht wurden?

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