https://www.faz.net/-gqz-pxv3

Nebeneinkünfte : Pflegestufe Eins

Kultur- und Imageträgerin: Hildegard Müller Bild: dpa

Die Geldflüsse zwischen Parlamentarieren und Unternehmen fallen in den Zuständigkeitsbereich der Kulturkritik. Selbst bloßes Herumsitzen könnte ja einen Aspekt der Kultur des Repräsentierens verkörpern.

          Cultural Affairs heißt der Bereich innerhalb der Dresdner Bank, für den die Abgeordnete Hildegard Müller (CDU) tätig ist oder jedenfalls bezahlt wird. Media Development nennt sich seit neuerem, wofür der Konzern Bertelsmann den Europaabgeordneten Elmar Brok (CDU) bezahlt; vor kurzem hieß er noch „Europabeauftragter des Vorstandes“.

          Pflegen, bauen, verehren

          Kultur, Medien, Kommunikation. Nimmt man noch jene „Landschaftspflege“ hinzu, die in Stellenbeschreibungen für Abgeordnete oft genannt wird, dann ist klar: Die Geldflüsse zwischen Parlamentarieren und Unternehmen fallen in den Zuständigkeitsbereich der Kulturkritik. „Colere: pflegen, bebauen, verehren“, so lernten wir einst aus Linnekugels Grammatik das Stammwort für Kultur. Die Kulturwissenschaften weisen ihrerseits darauf hin, daß ihr Gegenstand überall ist. Töpfe sind Kultur, Topfpflanzen auch, ja Pflanzen überhaupt. Das Rohe ist Kultur, weil es nur kulturell vom Gekochten unterschieden werden kann, und das Gekochte ohnehin, weil man es ja in einem Topf kocht.

          „Kultur für alle“ zu fordern, war darum halbherzig. „Alles ist Kultur“ mußte es heißen, von der Bockwurst auf dem Stadtteilfest (Kulturamt, Referat für Gekochtes) bis zum Zeigen von Freikörpern an Stränden und auf Bühnen (Referat für Rohes). Folgerichtig ist auch die Tätigkeit der Abgeordneten Müller für die Bank eine kulturelle Affäre. Und zwar ganz gleich, welche Tätigkeit ihr überhaupt nachgewiesen werden könnte. Selbst bloßes Herumsitzen hätte schließlich einen Kulturwert, indem es beispielsweise einen Aspekt der Kultur des Repräsentierens verkörperte.

          Imagetragen ist Kultur

          So drangen aus der Dresdner Bank jetzt Äußerungen, wonach Frau Müller „ein sehr positiver Imageträger für unser Haus in der Politik ist“. Spätestens seit dem „iconic turn“ der Kulturwissenschaften weiß aber der letzte Banause, daß Imagetragen zur Kultur gehört. Auch die „sehr gute Verbindung zu Frau Merkel“, für die ein Düsseldorfer Bankdirektor Frau Müller dem Vorstand wärmstens, ja man darf sagen gekochtestens empfohlen hat, entbehrt selbstredend nicht kultureller Sinnqualitäten. Wir sagen nur: Pflegen, bebauen, verehren.

          Über den Europamann Brok heißt es seitens Bertelsmanns etwas neutraler, er „beobachte und bewerte“ für den Konzern politische Rahmenbedingungen. Seit Kleists „Marionettentheater“ wissen wir zwar, wie schwer es gerade für Selbstbeobachter ist, gleichzeitig anmutig zu handeln. Nur der Marionette, der es an Reflexion gebricht, gelingt Anmut leicht. Die analoge politische Schwierigkeit liegt auf der Hand. Anderseits sind Beobachten und Bewerten ja Verhaltensweisen, die für Abgeordnete kaum zu vermeiden und insofern ebenso leicht nachzuweisen sind wie das „doing culture“ für Frau Müller. „Man kann nicht nicht kommunizieren“, meinte einst Paul Watzlawick - welch umfassender Tätigkeitsbeleg für Mandatsträger!

          Eine ganz andere Unterscheidung

          Existiert dann überhaupt noch einen Gegenbegriff zu Kultur und Kommunikation? Einen Moment lang könnte man an die Unterscheidung von Unternehmenskultur und Berufsethik denken, um sich zu fragen, ob es für Politiker wie Firmen nicht eine Art Geschmackssinn gibt, der erstere durch letztere begrenzt. In der Diskussion um die Abgeordneten aber zeichnet sich eine ganz andere Unterscheidung ab: die von Arbeit.

          Denn nie wird gesagt: Das und das haben Frau Müller, Herr Brok et tutti quanti Zahlungsempfänger geschrieben, uns erläutert oder für uns herausgefunden. Und nie: Es dauerte siebzehn Stunden im Monat, war mit jenem Leistungsaufwand verbunden, hier sind die Berichte. Sie arbeiten nicht für die Firmen, sie sind „für sie tätig“ und „nehmen Aufgaben wahr“. Die Arbeit tun die anderen. Und warum? „Brok arbeitet für sein Geld“, hat Bertelsmann mitgeteilt - und eben damit vermutlich nicht alle Sorgen von Bürgern beseitigt, die an unabhängigen Vollzeitabgeordneten interessiert sind.

          Weitere Themen

          „Valley Of The Boom“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Valley Of The Boom“

          „Valley Of The Boom“ läuft am Sonntag, 20.1. beim Abokanal National Geographic.

          Armut verdient großes Kino

          Film „Capernaum“ : Armut verdient großes Kino

          Nadine Labaki ist im Libanon „La Superstar“. Jetzt kommt ihr Film „Capernaum – Stadt der Hoffnung“, in dem ein Kind seine Eltern verklagt, ins Kino. Die Laiendarsteller bringen ein Stück Realität in die Fiktion.

          Topmeldungen

          Michael Cohen : „Trump stiftete zum Meineid an“

          Donald Trump droht neues Ungemach im Zusammenhang mit seinen Russland-Kontakten. Zeugen berichten von einer Aussage Cohens, die es in sich hat. Erste Demokraten fordern ein Amtsenthebungsverfahren.
          Wenn das Regierungsbündnis aus Linken., SPD und Grünen einen staatlichen Mietendeckel mit Nachdruck verfolgt, könnte es nur in dieser Legistlaturperiode Wirklichkeit werden.

          Staatlicher Mietendeckel : SPD will Höchstpreis für Mieten in Berlin

          Wirkungsvoller als die bundesweite Mietpreisbremse, welche nur Bestandsbauten betrifft, soll ein staatlicher Mietendeckel sein: Ein Quadratmeter soll damit maximal 6 bis 7 Euro kosten, fordern Berliner Sozialdemokraten. Die CDU hält das für „Sozialismus“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.