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Der Heilige Diego von Neapel : Gott im Stau

Im Tod wie im Leben: Auf den Straßen Neapels ist Diego Maradona allgegenwärtig. Bild: AFP

Maradona konnte alles. In den Straßen von Neapel gelang ihm im Sommer 1984 das Unmögliche: Er löste einen Stau auf und beruhigte die erhitzten Gemüter.

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          Es war heiß, unerträglich heiß. Die Hitze stand in den Straßen wie eine Mauer, an ein Durchkommen war nicht zu denken. Die Autos stauten sich bereits am Eingang zur großen Stadt. Der Bus, dunkelblau mit roten Sitzen, wollte ins Zentrum, und er kam aus Torre Annunziata, einer kleinen Gemeinde im Umland.

          Goethe hatte hier mal zu Mittag gegessen, und zwar am 11. März 1787. Aber das war nicht das Datum, an das jetzt jeder dachte. Der Stau hatte keinen Anfang, kein Ende, keine erkennbare Ursache. Er war Gottes Wille. Gott würde ihn gewiss auch wieder auflösen.

          Aber das konnte noch dauern. Geduld! Jetzt begann der Busfahrer wie wild zu hupen. Alle hupten. Der Busfahrer schrie. Alle schrien. Der Busfahrer schwitzte wie ein Irrer. Alle schwitzten wie die Irren. Jetzt drehte der Erste durch. Es war der Busfahrer. Er ließ den Bus einen Sprung vorwärts machen, als wollte er den hellblauen, den himmlisch blauen Kleinwagen, der ihm den Weg versperrte, mit einem Bissen verschlucken. Da legt der blaue Floh den Rückwärtsgang ein, trotzig, wie um das Untier hinter sich zu verhöhnen.

          Dem Busfahrer treten die Augen aus den Höhlen. Er springt aus seinem Gefährt. Alle springen aus ihren Autos. Listig greifen Großmütter von den Rückbänken über den verwaisten Fahrersitz nach vorn zum Lenkrad, damit ja nur das ohrenbetäubende Hupen nicht aufhöre, während ihre Söhne und Enkel einander anbrüllen wie die Stiere. Es ist ein einziges Fluchen, Hupen, Drohen, Dröhnen. Doch noch ist der Jüngste Tag nicht gekommen!

          Denn jetzt, da der Busfahrer die Arme flehend nach oben reckt, um den Himmel als Zeugen anzurufen, dass er Vorfahrt hatte, er und niemand anderer – jetzt fällt sein Blick auf die Spruchbänder, die sich hoch über den Köpfen der Geifernden von Straßenseite zu Straßenseite spannen. Verstummend deutet er nach oben.

          Alle blicken jetzt nach oben. Und lesen, was geschrieben steht: „Willkommen, Diego Armando Maradona! Willkommen, Fußballgott!“ Häupter, eben noch zornesrot, senken sich in Demut. Manche lächeln verlegen. Hände werden geschüttelt, Schultern geklopft. Der eine, dunkelblau mit roten Sitzen, umarmt den anderen, den kleinen, himmlisch blauen sogar. Ist nicht auch das Hemd des Busfahrers hellblau, himmlisch blau? Jetzt sind sie wie Brüder. Unmöglich zu sagen, wer mehr schwitzt von den beiden.

          Und da alle wieder eingestiegen waren, fuhren die Ersten los, und die anderen folgten ihnen wie die Lämmer. Gott hatte seinen Heiligen geschickt, um ein Blutbad zu vermeiden und den Stau aufzulösen. Und war es nicht sogar ein wenig kühler geworden? Nur wenige Wochen später, am 16.September 1984, dem ersten Spieltag der Serie A in der Saison 1984/85, spielte Diego Armando Maradona zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit für den SSC Neapel. Hellas Verona gewann 3:1.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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