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Neapel : Ortstermin in der Konzernzentrale des Verbrechens

  • -Aktualisiert am

Stadt im Ausnahmezustand: Neapel am Donnerstag Bild: REUTERS

Wo die Mafia die Zukunft der europäischen Importwirtschaft entwirft: Eine Fahrt durch Neapel, zu den Stätten der Camorra-Morde, des Drogenhandels und der chinesischen Expansion nach Europa. Von Dirk Schümer.

          Wenn Don Fabrizio Valletti zu seiner Kirche fährt, dann stehen draußen nicht die Gläubigen, sondern die Dealer. In Kleinwagen warten vier, fünf Halbwüchsige auf Kundschaft, denen sie dann aus einem Hauseingang das Kokain herbeiholen, genauestens überwacht von diversen Posten, die, auf Plastikstühlen hockend, die Straßenecken im Auge haben. Don Fabrizios Kirche Santa Maria della Speranza, die Muttergottes der Hoffnung, liegt direkt neben dem berüchtigten „Block P“ im nicht minder berüchtigten neapolitanischen Vorort Scampia.

          In den abgesperrten Höfen zwischen den Betonburgen gibt es die billigsten Drogen Europas zu kaufen; von Scampia und seinen gewalttätigen Jugendbanden sind Italiens Medien seit Tagen voll - seit täglich ein bis drei Morde der Camorra die Stadt unterm Vesuv erschüttern, seit Italiens neapolitanischer Präsident Napolitano die „schlimmsten Tage meiner Stadt seit langem“ beklagte und seit selbst von Ministern die Entsendung des Militärs in die Millionenstadt gefordert wird, deren Zivilgesellschaft unter der alltäglichen Kriminalität zu zerfallen scheint.

          Die berüchtigste Vorstadt Italiens

          Der Jesuit Don Fabrizio, der in Scampia seit fünf Jahren Sozialarbeit, vor allem Leseschulung mit Kindern und Seelsorge im Gefängnis betreibt, hat uns auf eine nächtliche Stadtrundfahrt durch seinen Wirkungskreis eingeladen. Die berüchtigtste und zugleich unbekannteste Vorstadt Italiens hat gut fünfzigtausend offizielle und noch einmal dreißigtausend inoffizielle Bewohner, beginnt gleich hinter dem Autobahnzubringer - und stinkt. Das liegt am Müll, der überall herumliegt und den einige verzweifelte Bewohner wegen der Ratten und der Keime angezündet haben - ein danteskes Bild, die züngelnden Flammen im Dunkel von Ausfallstraßen, über die kein Hund um diese späte Stunde zu spazieren wagt. „Wie in der Apotheke“, so Don Fabrizio, decken sich hier die Bedürftigen des Großraums Neapel verkehrsgünstig und risikolos mit Drogen ein; das Kokain kommt aus Spanien und Südamerika, das Heroin aus Albanien und Afghanistan. Wo fast kein Jugendlicher Arbeit hat und viele kleine Analphabeten noch nie das Meer, das keine zehn Kilometer weiter liegt, je gesehen haben, funktioniert die Globalisierung.

          Trügerischer Friede: In Neapel brodelt es

          Doch mit den Augen Don Fabrizios, der stoisch finsterste Hinterhöfe im Schrittempo durchfährt, sich vom Halogen der schwarzen Dealer-Coupes anleuchten läßt und dabei als Cicerone auf die schönsten Graffiti verweist, wirkt die Lage von Scampia ganz und gar nicht so bürgerkriegsartig, wie sie das italienische Kabinett oder die Fernsehnachrichten beschreiben. Scampia weist die höchste Schuldichte des Landes auf, hochmotivierte Lehrer sorgen vom klassischen Lyzeum bis zum Informatikzentrum für beste Bildungsangebote, ein Verein betreibt eine Schwimmhalle, es gibt einen gepflegten Bürgerpark und Sportplätze, die freilich niemand benutzt. Und auch die Schulen produzieren meist nur Abbrecher, weil ein Kind aus Scampia keinen Ausbildungsplatz bekommt - außer bei der Camorra.

          Wo die Straßenbeleuchtung aufhört

          Hinter hohen Zäunen, bewacht von Kustoden, die uns mit Namen und Paß bei der Einfahrt kontrollieren, leben auch normale Bürger in Scampia - sie kamen wegen der niedrigen Immobilienpreise und hoffen, irgendwann aus dem Getto wieder in eine normale Stadt ziehen zu können, in der sie spazierengehen oder ins Kino können. Doch schon in der Schule, wenn sich die reichen Kinderdealer mit den anderen Schülern aus dem sozialen Wohnungsbau mischen, keimen die Konflikte und die Versuchungen.

          Die eigentliche Katastrophe dieser heruntergekommenen Satellitenstadt besteht - außer in der menschenfeindlichen Architektur der Moderne - im Nebeneinander von Segnungen des Sozialstaates und ungehemmter organisierter Kriminalität, zu deren Kreislauf auch der riesige Jugendknast an der Stadtgrenze gehört. Bestimmte gepflegte Wohnanlagen in Scampia beherbergen Familien mit behinderten Kindern oder psychosoziale Zentren, die hier wegen der Drogen und des häufigen Inzests besonders nötig sind. Wo schließlich auch noch die Straßenbeleuchtung aufhört, liegt direkt unter den Betonstelzen des Zubringers ein Camp von Roma, denen die Eingesessenen den Müll auf die Baracken werfen und deren Frauen tagsüber im Zentrum von Neapel betteln.

          „Die Camorra wird sich nicht bezwingen lassen“

          Don Fabrizio, dem man im letzten Jahr zweimal das Auto geklaut hat und der seither nur mit einer schweren Lenkradsperre parkt, führt inmitten der Camorradealer einen kleinen, gesicherten Gewerbepark als die wahre Anomalie von Scampia vor: zwei mittlere Supermärkte und ein einziger Bankschalter für achtzigtausend Menschen. Zum einen gibt es kaum Geld, zum anderen beherrscht die Camorra mit ihren Wucherern und ihrem Barkreislauf das Geschäft. Die Menschen hier benötigen weder Konto noch Kreditkarten. Ob man diesen Alltag aus dem Griff der Camorra befreien kann? Don Fabrizio, der in Münster Theologie studiert hat und moderne Kunst liebt, ist skeptisch: „Solange die Politik nach denselben Gesetzen des Profits und der Gefälligkeiten operiert, ist es egal, ob rechts oder links. Die Camorra wird sich nicht bezwingen lassen, auch nicht mit dem Militär.“

          Tatsächlich erweist sich in Neapel, wo man seit Italiens Einigung vergeblich gegen die Camorra kämpft, die Kriminalität nur als eine andere Form von Staat: Statt Steuern wird Schutzgeld eingezogen, verwundete oder inhaftierte Mitglieder erhalten Arbeitsausfall, es gibt Sozialkassen für Witwen und Kranke und dem Vernehmen nach in einigen Wohnblocks auch eine Art Kulturpolitik: Spielhallen, Videosäle und Fitnesszentren für die jungen Kuriere, Wächter und Geldeintreiber. Als wir gegen Mitternacht wieder nach Neapel zurückfahren, beseitigt man unter uns in Sanita, einem historischen Viertel unter der Straßenbrücke, gerade die Spuren des jüngsten Mafiamordes: Direkt neben dem neuen Museum für moderne Kunst, wo an diesem Wochenende eine prestigiöse Ausstellung von Mailänder Concept Art eröffnet wird, hat man einen Verwandten des Misso-Clans mit vier Schüssen ins Gesicht hingerichtet und dabei eine rumänische Passantin verletzt.

          Bis zu drei Ermordete am Tag

          Es sind meist die Fremden, die in solche Abrechnungen verwickelt werden. Vor sechs Wochen war es ein Kanadier, der neugierig zum Ort des Geschehens eilte, weil er ein Feuerwerk vermutete, und mit viel Glück im Krankenhaus landete. Derzeit bis zu drei Ermordete am Tag, mehr als siebenhundert Entreißdiebstähle - sogenannte „scippi“ - im Monat, das sind Zahlen, die globale Medien und die nationale Politik auf den Plan rufen. Mit landesüblichem Pathos wird in Leitartikeln die „Zersetzung Neapels“ beschworen, keine Fernsehdiskussion mehr ohne Abgesänge auf eine der schönsten historischen Metropolen des Planeten, auf seine genial anpassungsfähigen, jetzt aber restlos verängstigten Bewohner, auf den Rechtsstaat, obwohl gerade der hier vielleicht nie funktioniert hat. In Wahrheit kann man in Neapel mit ein paar Vorsichtsmaßregeln immer noch besser, günstiger und vor allem stilvoller leben als in Paris oder New York. Bürgerkrieg sieht anders aus.

          An der Riviera di Chiaia mit wundervoller Aussicht über den Golf bis Capri residiert das Goethe-Institut. Maria Carmen Morese, die rührige Direktorin, organisiert hier Kurse für Deutschlehrer, lädt Kinder von zweisprachigen Familien zu Lesetagen ins Haus, empfängt die namhafte Kulturelite der Stadt zu Lesungen unterm klassizistischen Stuck eines Colonna-Palastes. Obwohl auch sie und ihre Mitarbeiterinnen sich vor den jugendlichen Motorradbanden, die wie Wespen in die engen Gassen der Innenstadt ausschwärmen, in acht nehmen müssen, kennen sie besser die Wirklichkeit der Theatermetropole Neapel mit ihren Dutzenden von Bühnen, die vielen ausgezeichneten Buchläden, die namhaften Galerien.

          Gedichte vom Sohn des Mafiabosses

          Das Problem, daß die Aufklärung im Feudalstaat beider Sizilien ein Oberschichtenphänomen blieb und nie den klientelistischen und vormodernen Charakter im fanatisch gläubigen Volk erreichte, betrifft die lebendigen Fakultäten der Universität und die durchaus hochnäsige Bourgeoisie nicht. Das hohe Prestige der Literatur reicht bis in die Camorra, wie die Bemühungen eines Bosses belegen, der in der Stadt einen Kleinverleger davon überzeugen wollte, den Gedichtband seines Sohnes herauszugeben. Der Verleger, dem mit seinem Geschäftsfreund plötzlich die Tische im Restaurant in Windeseile von Zaungästen frei gemacht wurden, konnte den Boss nur mit Mühe von den Vorzügen eines Großverlags im Norden überzeugen, wo das feinsinnige Werk dann auch erschien.

          Daß sie Publikationen genau verfolgen, mußte vor zwei Wochen auch Roberto Saviano, neapolitanischer Autor des Bestsellers „Gomorra“, am eigenen Leib erfahren. Von dem Buch, verfaßt mit alttestamentarischer Wucht und stilistischer Meisterschaft, aber dennoch als Dokumentation des organisierten Verbrechens zu lesen, wurden bisher mehr als hunderttausend Exemplare in ganz Italien verkauft, es brachte dem achtundzwanzigjährigen Autor aber auch ernste Morddrohungen der Beschriebenen ein. Seither lebt Saviano mit einer Polizei-Eskorte und ist aus dem gesellschaftlichen Leben komplett abgetaucht; sein Verlag Mondadori hat nicht einmal mehr Kontakt über E-Mail, sein Anrufbeantworter schweigt.

          Geschäftsumfang von dreißig Milliarden Euro jährlich

          Das eigentlich Beunruhigende seiner Analyse liegt in der Systematik, mit der sich die moderne Camorra multinationalen Konzernen angleicht, Märkte monopolisiert und Konflikte mit dem Staat am liebsten gütlich und über demokratische Wahlen der eigenen Leute löst. Am Beispiel des Clan-Netzwerkes der Casalesi - aus dem überaus berüchtigten Casal di Principe im Norden Neapels - stellt Saviano den Geschäftsumfang von dreißig Milliarden Euro jährlich vor, die halblegalen Investitionen in Norditalien, Osteuropa, Südamerika und das mal blutige, mal romantische Leben der Bosse, die sich im sogenannten Las-Vegas-Gürtel zwischen Neapel und Caserta Villen mit riesigen Glaskuppeln, panzersichere Festungen oder Giganto-Wohnzimmer exakt nach dem Bühnenbild des Mafiafilmes „Scarface“ haben errichten lassen.

          Einige dieser Villen sind beschlagnahmt und werden von landwirtschaftlichen Kooperativen für skurrile „Ferien auf dem Bauernhof“ genutzt, dafür gehen ganze Geschäftszweige wie die Bauwirtschaft mit der geplanten U-Bahn bis Aversa und dem Großflughafen ungehindert in Camorra-Regie weiter. Saviano meint, daß ohne die Kredite der flüssigen Bosse die Textilwirtschaft und der Kleinhandel in Neapels Peripherie auf einen Schlag zusammenbrächen. In der Tat haben sich viele verhaftete Camorristi den Tonfall Berlusconis abgeschaut: Sie seien nichts als unbescholtene Geschäftsleute, denen der neidische geldgierige Staat auf den Fersen ist und die lebenslang von den Fallstricken der Bürokratie behindert werden.

          Raubtierkapital gegen Räuber

          Außer dem Schriftsteller Saviano, der deswegen nun mehr noch als Salman Rushdie um sein Leben fürchten muß, haben auch gewiefte Wirtschaftsprofis den Standortvorteil von Neapel durchschaut: die Chinesen. Offiziell zwanzig, in Wahrheit wohl siebzig Prozent ihres Textilimportes nach Europa gehen durch den Hafen unterm Vesuv; Chinas größter Reeder kontrolliert längst den Löwenanteil am Hafenbetrieb, weil hier die Frachtpapiere, die Lagerung und Lieferung zum Kunden in Deutschland oder Skandinavien von camorristischen Spediteuren und Buchhaltern sehr viel diskreter abgewickelt werden als in Rotterdam oder Hamburg. Lange hatte man die feudalen Strukturen der Mafia für ein Rudiment der Vormoderne gehalten, doch im Licht des fernöstlichen Räuberkapitalismus erweisen sich die rücksichtslose Improvisationskraft und die Reglementierungsfreiheit der organisierten Kriminalität, die weder Gewerkschaften noch Ökonormen, noch Mindestlöhne kennt, als höchst zukunftskompatibel.

          Saviano schreibt von den in Europa gestorbenen Chinesen, die tiefgefroren im Container zur Beerdigung ins Reich der Mitte zurückreisen, von chinesischen Textilbaronen, die sich jahrelang die Techniken der neapolitanischen Schneider abschauten und jetzt amerikanische Luxusroben für Hollywood in Neapel nähen lassen. In diesem Licht bekommt die Zunahme der Camorra-Morde einen eigenen Sinn: Der ökonomische Aufbruch des bevölkerungsreichsten Landes der Welt hat Alteuropas kriminellen Unternehmern eine ungekannte Dynamik verschafft und - fürs importierte Computerspiel über den Investitionskredit bis zur Barbiepuppe - die Verteilungskämpfe angeheizt.

          Innige Zwiesprache mit Totenschädeln

          Die Neapolitaner pilgern dieweil auch dieses Jahr zu Allerheiligen zu ihren Toten. Den Cimitero delle Fontanelle, den beliebtesten Friedhof voller Schädel und Knochen in Katakomben, mußten die Behörden dieses Jahr schließen, weil viele Besucher sich einzelne Schädel als Maskottchen auserkoren hatten, sie schmückten, innige Zwiesprache über Alltagsprobleme mit ihnen hielten und versuchten, beim Blicke in hohle Augen die Lottozahlen des Wochenendes zu erraten. Es kam zu Beschädigungen und Knochenraub, aber die Zärtlichkeit der Neapolitaner fürs Makabre wird unter der Schließung des Knochenlagers nicht leiden. Schon gibt es die ersten Stimmen von Lokalpolitikern, die eine Einbindung der Kriminalität und ihrer Schauplätze ins Touristenprogramm fordern und auf den Gewöhnungseffekt der täglichen Morde setzen.

          Während Roberto Saviano sich verstecken muß, während die Kinder von Scampia, sozusagen als Kleinvieh, den massenhaften Drogenverkauf und den Straßenraub in der Hand haben, während der Jesuit Don Fabrizio den Jüngsten in seiner Bibliothek auch weiterhin die Freuden des Lesens nahezubringen versucht, während die kriminellen Entsorger das Hinterland systematisch zur Giftmüllkippe Europas ausbauen, wird im Hafen von Neapel zwischen chinesischen Multinationals und der Camorra die Zukunft der europäischen Importwirtschaft entworfen. Unser Schanghai liegt am Vesuv.

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