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Kindliche Neandertaler-Spuren : Spielend unsterblich

So oder so ähnlich sah damals vielleicht ein Vater aus: Rekonstruktion eines Neandertalers für das LVR-Landesmuseum in Bonn Bild: dpa

Warum sich abrackern, damit die Nachwelt einen nicht vergisst? Vor hunderttausend Jahren machte es eine Neandertaler-Gruppe besser. Ihre Spuren in Spanien zeugen davon.

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          Dass wir Menschen nichts als Staub im Wind seien, ist keineswegs nur popkulturell verbürgt. Auch die Antworten auf die Frage, wie es nach dem Tod wohl um unsere Existenz bestellt ist, fallen heute in der Summe eher pessimistisch aus. Die Zuversicht der alten Ägypter auf ein fröhliches Weiter-so im Jenseits wird man nicht ohne weiteres teilen, auch das unbedingte Vertrauen in die christlichen Vorstellungen von Himmel und Hölle dürfte im Lauf der Jahrhunderte abgenommen haben, und was die Literatur dagegen setzt, von Homer über Dante bis Pullman und Funke, ist auch kein reines Vergnügen – in Pullmans „His Dark Materials“ sehnen sich die auf einem öden Feld zusammengepferchten, schattenhaften Seelen nach nichts so sehr wie nach der völligen, unumkehrbaren Auflösung, die sie in Staub verwandelt.

          Mancher, der sich mit seiner Endlichkeit trotz solcher Visionen nicht abfinden mag, setzt auf das Gedächtnis der anderen. In der kollektiven Erinnerung bleiben, egal wofür: Da zündet der eine das ewige Rom an, der andere erschießt John Lennon, in der Hoffnung auf Fortdauer, auch wenn das keine erfreuliche ist. Obwohl man sich auch da täuschen kann: Wer sich, wie Faust, im Alter nach einem rastlos bewegten Leben endlich zurücklehnt, im Glauben daran, dass „die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn“ könne, ist womöglich nur zu blind dafür, den beginnenden Verfall des Geschaffenen zu bemerken.

          Die ältesten menschlichen Fußabdrücke in Europa

          Wie man dagegen eine kleine Ewigkeit überdauert, ohne es darauf anzulegen, zeigt ein Fund, den spanische Forscher an der Atlantikküste im Golf von Cadiz gemacht haben. Eine im vergangenen Sommer freigelegte Schicht im einst weichen Boden enthält Trittspuren von Wirbeltieren und weitere 87 Abdrücke, die von Neandertalern stammen, die hier vor etwa hunderttausend Jahren gelebt haben – erweist sich die Datierung als richtig, wären es die ältesten menschlichen Fußspuren, die je in Europa gefunden worden sind. Sie stammen von 25 Erwachsenen und 11 Kindern, schreiben die Forscher in „Scientific Reports“, errechnet wurden die ungefähre Körpergröße, das Lebensalter und das Gewicht der einzelnen Neandertaler, die sich eben so zufällig wie nachhaltig in Erinnerung gebracht haben, als sie damals ihres Weges gingen: zielgerichtet wahrscheinlich die Erwachsenen, dagegen streunend und wohl auch spielend die Kinder, deren partisanenhafte Spuren jedenfalls auf diese Weise von den Forschern interpretiert werden. Ob die Erwachsenen unterdessen zu tun hatten, zu jagen oder zu fischen? Ob sie ihre Kinder, das jüngste davon um die sechs Jahre alt, unterdessen einfach spielen ließen, im Vertrauen darauf, dass schon nichts schlimmes passiert? Es wäre keine schlechte Botschaft an eine besorgte Nachwelt.

          Tilman Spreckelsen
          (spre), Feuilleton

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