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Nawalnyj über Gergiev : Kriegsdirigent

  • -Aktualisiert am

Sonderbeziehung: Präsident Putin und sein Kulturbotschafter Valery Gergiev im Kreml Bild: AP

Mitstreiter von Alexej Nawalnyj haben eine Recherche über den Dirigenten Valery Gergiev veröffentlicht. Sie bezeichnen ihn als Schattenaußenminister Putins, der mit seiner Kunst die Verbrechen des Kremls vergessen machen soll.

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          Die Mitstreiter des inhaftierten russischen Oppositionellen und Korruptionsbekämpfers Alexej Nawalnyj haben eine Video-Recherche herausgebracht, die den Immobilienbesitz und die Fi­nanzmissbräuche des Präsident Putin nahestehenden ossetisch-russischen Dirigenten Va­lery Gergiev dokumentiert. Der Youtube-Film namens „Der Dirigent von Putins Krieg“ stellt Gergiev, der mit seinem Petersburger Mariinsky The­ater in aller Welt gefeiert wird, der bis vor Kurzem die Münchner Philharmoniker leitete und in Baden-Baden, Mailand, Rotterdam dirigierte, als Putins Schattenaußenminister hin. Er solle mit großer russischer Musik Verbrechen des Re­gimes vergessen machen und den Ruf des Präsidenten im Ausland aufpolieren.

          Die Autoren erinnern daran, dass Gergiev im August 2014 in Rotterdam ein Konzert den Opfern des abgeschossenen malaysischen Passagierflugzeuges widmete. Putin und seine Armee hätten die Maschine einen Monat zuvor über dem Donbass abgeschossen und 298 Menschen getötet, woraufhin Putins Kulturbotschafter öffentlich Beileid heuchelte, empört sich die Nawalnyj-Mannschaft. Auch ha­be Gergiev durch sein Konzert in der Oasenstadt Palmyra 2016 Putins brutalen Syrienkrieg nobilitiert.

          Entschädigen durfte Gergiev sich demnach durch ausgedehnten Immobilienerwerb, den er nicht deklarierte, obwohl er als Staatsfunktionär dazu verpflichtet gewesen wäre. So besitze der Musiker eine 165 Quadratmeter große Wohnung auf der 56. Etage des New Yorker Lincoln Centers nahe der Metropolitan Oper. In Ve­nedig sollen ihm der mosaikgeschmückte Palazzo Barbarigo und das Café Quadri auf dem Markusplatz gehören, bei Rom eine luxuriöse Villa, außerdem verstreute Liegenschaften, die er von der 2015 verstorbenen japanischen Harfenistin Yoko Nagae Ceschina geerbt haben soll. Schwer wiegt der mit Quittungen und Grundbuchauszügen be­legte Vorwurf, Gergievs Wohltätigkeitsstiftung, in die russische wie ausländische Firmen, Banken und Oligarchen einzahlen und die junge Talente fördern soll, habe Apartments in Moskau und Petersburg für den Maestro erworben.

          Wohltätigkeitsstiftungen zur Selbstbereicherung zu missbrauchen, hatte Nawalnyj zuvor schon dem früheren Premierminister Dmitri Medwedjew vorgehalten. Nun sind westliche Konzertbühnen für Gergiev versperrt, seine Aufführung von Tschaikowskys Geldgier-Oper „Pique Dame“ in Mailand am 23. Februar, dem Vorabend von Putins Überfall auf die Ukraine, war sein letzter Auftritt in Europa. Russische Theater sollen künftig in Südamerika, Indien und in Nahost gastieren. Gleichsam als Trost für den Verlust Europas hat Präsident Putin seinem Kulturbotschafter Gergiev angeboten, auch das Moskauer Bolschoi in sein Theater-Imperium aufzunehmen.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

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