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Krise des Kulturradios : Einfach fassungslos

  • -Aktualisiert am

Der Schriftsteller Navid Kermani Bild: dpa

Wenn dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Stolz auf die Bildungsanstrengung fehlt, zerstört das Kulturradio sich selbst: Navid Kermani erhebt auf WDR 3 Einspruch.

          3 Min.

          Eine Fülle von Reaktionen geht durch das Land, aus der eine rasende Enttäuschung der Stammhörerschaft der Kulturprogramme beim öffentlich-rechtlichen Hörfunk spricht. Die Menschen, die seit Jahren WDR 3 oder RBB Kultur gehört haben, fühlen sich von der Neuausrichtung der Musikauswahl und des Sprechens über Literatur, Kunst und Musik in ihrer Intelligenz beleidigt, von einer autoritären Infantilität gemobbt und von einer demonstrativen Geringschätzung für traditionelle Bildungsinhalte auch als Hörer verachtet. Dass es so nicht weitergehen kann mit einem medialen Umsturz, der Bildungsbürger und Hochkultur als konterrevolutionäre Elemente in den eigenen Sendeanstalten kaltzustellen versucht, spricht sich als Imperativ der Stunde herum.

          Der Schriftsteller Navid Kermani, in der schönen Reihe „Musik im Dialog“ vom WDR-Sinfonieorchester und dessen derzeitigem Chefdirigenten Cristian Măcelaru eingeladen, nutzte am Donnerstagabend seinen Auftritt in der Kölner Philharmonie, um sich engagiert für den Erhalt der Rundfunkorchester und der Kulturprogramme einzusetzen. Er vermisse die lebendige Begegnung mit dem Orchester in Zeiten der Pandemie, sagte Kermani in dem Gespräch mit Uwe Schulz, das auf WDR 3 live übertragen wurde. „Das ist kein schönes Leben ohne Sie, ohne ein Orchester, ohne ein Theater, ohne all das Überflüssige. Wozu lebt man denn? Doch nicht für das, was zweckmäßig ist. Sondern für das, was darüber hinausgeht, für die Momente, die eben nicht aufgehen in irgend einem betriebswirtschaftlichen Nutzen“, rief er den Musikern zu.

          Kermani gestand, es mache ihn fassungslos, dass die Zerstörungskräfte aus dem Kulturbetrieb, aus den Sendeanstalten selbst kämen. Wenn Manager und Wirtschaftsminister nach betriebswirtschaftlichem Gewinn und nach Effizienz fragten, habe er dafür Verständnis, aber „wenn dieses Denken sogar in die Kulturinstitutionen einzieht – da schaffen wir uns ja selber ab“.

          Dass eine Hörerstudie dazu dienen soll, mit Hilfe einer veränderten Musikauswahl die Reichweite von WDR 3 zu erhöhen, statt dass die Führungskräfte des Senders sich über die dreihunderttausend Hörer bei der Sendung „Klassik Forum“ im Vormittag freuen, „einem schwierigen Programm, wo Dinge laufen, die man sonst nirgendwo in Deutschland hört“, das will Kermani nicht in den Kopf: „Die Leute schalten aus Hamburg, Berlin oder Sydney zu. Dreihunderttausend Hörer jeden Morgen – und das soll nicht genug sein? Dreihunderttausend Hörer, die diese Zeit mit Begeisterung füllen und ihren Tag danach ausrichten – das soll nicht genug sein?“ Zum Orchester wie zum Moderator gewandt, setzte er fort: „Wenn wir selbst nicht stolz sind auf das, Sie, Ihre Verantwortlichen – das verstehe ich nicht.“

          Den Reichtum der Rundfunkorchester und der Kulturprogramme mache, so Kermani, doch gerade die Übung aus, nicht nur das Erwartbare, das Gefällige zu bieten, sondern etwas Neues, Musik, die nicht auf Anhieb verstehbar sei; denn „das, was wir sofort begreifen, das haben wir sofort vergessen“. Die Unterwerfung der Programmgestaltung unter den Druck von Reichweite und Quote hingegen bewerte die Frage, dass jemand einschalte, höher als die, wie er denn zuhöre. Damit brachte der Schriftsteller das Wellenprinzip der „Durchhörbarkeit“, auf das in den vergangenen Jahren immer mehr Kultursender des öffentlich-rechtlichen Hörfunks „umgestellt“ worden sind, auf den Punkt.

          Schon in seiner Rede hatte Kermani Konzerte mit klassischer Musik als Zufluchtsorte für das Geistige gefasst, als Plätze, an denen das Gesetz des Lautesten in unserer lärmenden Zumutungsgesellschaft gebrochen werde. Musik sei nicht allein „Entspannung“ und „Genuss“, sondern, wie Kermani im Gespräch ausführte, eine Begegnung mit dem Unnennbaren, eine Verzückung in maximaler Geistesgegenwart. Zu den Musikern des Orchesters sagte er: „Wenn Sie einfach nur vor sich hin musizieren, besinnungslos, das will ja keiner hören, dazu sind Sie nicht da, dafür werden Sie nicht bezahlt, um mal diesen Satz zu zitieren, der im WDR gesagt worden ist. Sie werden dafür bezahlt, dass Sie genau arbeiten, viel sinnieren, viel üben, viel lernen, viel lesen, um dann in den höchsten Momenten den Verstand nicht auszuschalten, aber von selbst tätig werden zu lassen. Und die Vernunft rückt dann ins Herz.“ Um die gebührenfinanzierte Verachtung dieser Vernunft des Herzens in die Schranken zu weisen, ist jetzt weiterer, auch politischer Widerstand nötig.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

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