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Kermani zum Grundgesetz : Ein vollkommener Text

Navid Kermani spricht zum fünfundsechzigsten Jahrestag der deutschen Verfassung im Bundestag. Bild: REUTERS

Erinnerung an das Grundrecht auf politisches Asyl: Navid Kermani feiert im Bundestag das deutsche Grundgesetz, das vor 65 Jahren in Kraft trat - und schlägt auch einige kritische Töne an.

          Mit einer Feierstunde erinnerte der deutsche Bundestag am heutigen Freitag an die Verkündung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949. Es sei die unangefochtene Grundlage, woher wir auch kämen und woran wir auch glaubten, um ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu schaffen, sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert. Darüber zu sprechen, war dem Gastredner, dem Islamwissenschaftler und Publizisten Navid Kermani vorbehalten.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Das Grundgesetz, sagte Kermani, sei ein Text, der vollkommen ist und sich in einer Weise bewahrheitet habe, wie es vor 65 Jahren nicht vorstellbar gewesen sei. Es habe damals nicht so ausgesehen, als würde dieser Appell, der in jenen so schlichten wie eindringlichen Glaubenssätzen gelegen habe, gehört. Seine Würde aber habe Deutschland in Wahrheit, so Kermani, durch einen Akt der Demut, nämlich mit dem Kniefall Willi Brandts in Warschau wiedererlangt.

          Adresse an den iranischen Botschafter

          Denn noch 1952 sahen lediglich zwei Prozent der Bevölkerung, danach befragt, ihr zukünftiges Wohl in einer Bundesrepublik. Die Mehrzahl meinte vielmehr, es sei ihr im Kaiserreich besser gegangen und sehr viele sahen dieses Wohl immer noch im Nationalsozialismus. Dass es sich geändert habe, betonte Kermani, sei jenen Politikern der frühen Jahre zu verdanken, die ihr Handeln nicht an Umfragen, sondern an ihren Überzeugungen ausrichteten.

          Und Schöpfer des Grundgesetzes würden staunen, sagte  Kermani, welche Wurzeln die Freiheit heute in diesem Land geschlagen hat. Denn es gäbe nicht viele Staaten in der Welt, in denen es möglich wäre, dass ein Einwanderer die Festrede auf ein solches Jubiläum halte. Selbst in Deutschland wäre das noch vor kurzem, etwa zum 50. Jahrestag des Grundgesetzes, nicht vorstellbar gewesen.

          In einem kühnen Gedankensprung wandte sich Navid Kermani sodann an den iranischen Botschafter, der unter den Gästen saß, und prophezeite ihm, dass es nicht mehr 65, ja nicht einmal mehr 15 Jahre dauern werde, bis auch im Iran ein Christ, ein Jude oder ein Bahai die selbstverständliche Festrede eines freigewählten Parlamentes halte.

          Zum Schluss kam Kermani auf den Artikel 16 zum politischen Asyl zu sprechen, dem eine „Verstümmelung“ widerfahren sei. Ausgerechnet mit seinem Grundgesetz, in dem die Offenheit festgeschrieben sei, sperre  Deutschland heute jene aus, die auf diese Offenheit angewiesen sind –  die politisch Verfolgten. Scharf kritisierte er, dass das Grundrecht auf Asyl faktisch abgeschafft sei.

          Statt die Verantwortung für Flüchtlinge auf sogenannte Drittstaaten abzuwälzen, sollte Deutschland diesen Menschen eine faire Chance geben, legal einzuwandern, damit sie nicht den Umweg über das Asylrecht nehmen müssten. Schon sprachlich schmerze, kritisierte Kermani, der Missbrauch mit dem Grundgesetz-Artikel 16: „Möge das Grundgesetz spätestens bis zum 70. Jahrestag seiner Verkündung von diesem hässlichen, herzlosen Fleck gereinigt sein.“

          Den vollständigen Text der Rede von Navid Kermani, dokumentiert auf der Seite des Deutschen Bundestags, finden Sie hier.

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