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Navid Kermani : Unter Flüchtlingen

  • -Aktualisiert am

Reisender Vermittler: Navid Kermani Bild: Picture-Alliance

In seinem neuen Buch „Einbruch der Wirklichkeit“ erzählt Navid Kermani von seiner Reise auf dem Flüchtlingstreck. Bei der Vorstellung im Berliner Ensemble beschwören er und Alfred Grosser die Hoffnung Europa.

          Navid Kermani ist ein Phänomen. In kurzer Zeit hat er die Leerstelle gefüllt, die so wirkmächtige Gestalten wie Günter Grass hinterlassen haben: die des Literaten und Publizisten, der zugleich eine moralische Instanz ist. Der Sohn iranischer Einwanderer ist derjenige, der gefragt wird und Auskunft gibt, nun noch verstärkt in der Flüchtlingskrise. Der unermüdlich produktive Vermittler zwischen Orient und Okzident, Christentum und Islam, Literatur und Sachbuch hat nach dem Bestseller „Ungläubiges Staunen“ schon das nächste kleine Werk veröffentlicht, eine Reportage über seine Ende letzten Jahres unternommene Reise auf der Balkanroute des Flüchtlingsstroms, von Izmir über Lesbos bis zum – noch unbescholtenen – Kölner Hauptbahnhof.

          Vermittler ist Kermani auch hier; Befürworter wie Gegner des Merkel-Wegs finden Argumente bei ihm. Selbst der Buchtitel klingt doppelbödig: Meint „Einbruch der Wirklichkeit“, dass die Europäer in ihren Wohlstandsreservaten sich nicht länger abschotten können vom kapitalistisch-machtpolitisch verschuldeten Elend der Welt (eher linke Lesart)? Oder bedeutet es, dass die Illusionsblase der inszenierten Willkommenskultur inzwischen geplatzt ist (eher rechte Lesart)? Kermani wäre nicht Kermani, wenn er nicht beide Perspektiven bewirtschaften würde, nicht Empathie und Ernüchterung gleichermaßen glaubhaft ausdrücken könnte.

          Hoffnungslos war die Lage in Afghanistan schon früher

          Eindringlich schildert er Flüchtlingsschicksale, die Leiden und Verzweiflungen der Menschen, denen er begegnet, verschließt die Augen aber nicht vor den Bizarrerien des großen Trecks nach Deutschland. In den Abschnitten, die jetzt bei der Buchvorstellung im ausverkauften Berliner Ensemble von Schauspielern gelesen wurden, ging es um die zahlreichen Afghanen unter den Migranten, „erkennbar nicht die Facharbeiter, auf die die deutsche Wirtschaft warte“. In den Gesprächen, die Kermani mit ihnen führte, wurde klar: Hoffnungslos war die Lage in Afghanistan schon früher, Hab und Gut verkauft und auf den Weg gemacht haben sie sich meist erst im Herbst, als sie die fröhlichen Bilder von „deutschen Bahnhöfen“ im Fernsehen sahen. Unterwegs nahmen ihnen Schlepper das Geld ab; ihren letzten Besitz mussten sie oft von den überladenen Booten ins Meer werfen. „O Scheiße, dachte ich, so war das mit der Willkommenskultur nicht gemeint“, schreibt Kermani.

          Sein Gesprächspartner war an diesem Abend ein anderer Grenzgänger und Vermittler, der deutsch-französische Publizist Alfred Grosser, der den deutschen Sonderweg ins Ideale pries: „Da Kanzlerin Merkel eine Nachkriegsdeutsche ist, glaubt sie an Ethik.“ Wie überhaupt die Bundesrepublik nicht wie die meisten anderen Staaten auf der Idee der Nation gegründet sei, sondern auf Ethik. Die deutsche Willkommenskultur sei einzigartig, nicht zu vergleichen mit den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als Millionen vertriebener Landsleute aus dem Osten durchaus nicht freundlich willkommen geheißen worden seien.

          Der Moderator der Veranstaltung, der Literaturwissenschaftler Wolf Lepenies, bemühte sich redlich, das Gespräch auf ein bisschen Skepsis zu stimmen, etwa mit dem Einwand, dass viele Deutschen inzwischen meinten, die Regierung habe die Lage nicht mehr im Griff. Kermani entgegnete, er komme viel herum und habe nicht den Eindruck, dass das Engagement nachlasse. „Die Helfer werden müde“, wandte Lepenies ein. Woraufhin Kermani ein entschiedenes Lob anstimmte: „Die deutschen Bürgermeister sind phantastisch!“ Lepenies verwies auf den Politologen Wolfgang Merkel, der die Entmündigung der Bürger durch die Wir-schaffen-das-Politik beklagt habe. Aber die Bürger stellten ihre Sportplätze für Flüchtlinge zur Verfügung, entgegnete Grosser; das sei demokratisch. Da begann selbst das linksbürgerliche Publikum im Berliner Ensemble zu murren.

          Im Grunde seien sich alle einig, befand Kermani. Selbst Pro Asyl gebe insgeheim zu, dass es so nicht weitergehen könne mit den Flüchtlingsströmen. Aber praktikable Lösungsvorschläge seien nicht in Sicht; man könne schließlich nicht dekretieren. Grenzschließung und Abschottung hält er für kontraproduktiv. Da müssten wir uns auf „Bilder des Elends“ gefasst machen, die wir „nicht aushalten“ – eine vage rhetorische Drohgebärde, die Kermani immer wieder für die Befürworter solider Grenzzäune bereithält. Auch er stört sich an der Ungerechtigkeit der jetzigen Praxis: Zuflucht wird oft nicht den wirklich Bedürftigen gewährt, sondern denen, die die strapaziöse Tour am besten schaffen.

          Im zweiten Teil der Diskussion wurde schließlich ein handlungsfähiges Europa beschworen, ein Pakt für Afrika und die Anerkennung klimawandelbedingter Fluchtursachen gefordert. „Alles Gute wird nur aus der Not geboren“, begründete Grosser seinen Optimismus. So gesehen, dürfen wir bald guter Hoffnung sein und einer stattlichen Entbindung entgegensehen.

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