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Naturkatastrophen : Ist Venedig das nächste New Orleans?

  • -Aktualisiert am

Venedigs Markusplatz unter Wasser (November 1996) Bild: AP

Wenn italienische Politiker streiten, wütet bald der verbale Orkan: Die Debatte um den Deichbau in der Lagune hat sich dramatisch verschärft.

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          Wenn es auf der Welt eine Stadt gibt, die ähnlich vom Wasser bedroht wird wie New Orleans, dann ist das Venedig.

          Die Straßen sind hier bereits zu Normalzeiten geflutet, kein Fundament liegt mehr als einen Meter über Seehöhe, und durch die drei Öffnungen der Lagune strömen von jeher ungehindert die Gezeiten in die Stadt.

          Seit über tausend Jahren müssen die Venezianer mit Hochwassern leben - freilich sind die allermeisten eher harmlos, gluckern langsam aus Gullys und Kanälen, dauern nur Stunden und sind meist mit Gummistiefeln prima zu überdauern. Doch es gab auch verheerende Fluten wie jene von 1966, als Venedig für zwei Tage überflutet war und ohne Strom die zerstörerische Macht der See zu spüren bekam.

          Philisoph gegen Baugewerbe

          Da ist es kein Wunder, daß die Schockwellen der Katastrophe vom mexikanischen Golf bis zur Adria reichen. Noch gibt es hier keine künstlichen Deiche, die wie in New Orleans brechen könnten. Doch nach fast fünfzig Jahren Diskussion und endlosen Studien ist das umstrittene Projekt „Mose“ jetzt im Bau. In den drei „Bocche“, den Seezugängen zur Lagune, hat man seit drei Jahren anderthalb Milliarden Euro verbaut. Wenn die internationalen Gäste der Filmfestspiele vor den Kinos und am Strand die gewaltigen Baustellen auch nicht sehen können, so dringt das nächtliche Grummeln der Kräne und Dampframmen doch bei Seewind weit in die Stadt.

          Die drei Wassertore des „Mose“ sollen ab 2011 die Lagune immer dann vom Meer isolieren, wenn die Flut mehr als 115 Zentimer über Normalnull steigt. Zum Vergleich: Bei gut achtzig Zentimetern werden die tiefsten Stellen des Markusplatzes feucht, bei 120 Zentimetern steht ein Drittel aller Gassen unter Wasser, und die Menschen müssen sich mit den berühmten Holzstegen, den „Passarelle“, behelfen.

          Da wirkt das „Mose“ für viele Venezianer wie die endgültige Rettung vor Springfluten. Die Regierung Berlusconi, stark im Baugeschäft verhaftet, brüstet sich eifrig mit dem „Mose“. Doch ausgerechnet der neugewählte Philosophen-Bürgermeister Massimo Cacciari ist mit seiner linken Stadtregierung ein entschiedener Gegner der Deiche.

          „Niedrigwasser“ lautet die Todesdrohung

          Nach dem Drama von New Orleans dauerte es keine Woche, und der konservative Regionspräsident Galan attackierte Cacciari als „lebenden Hurrikan“; Venedig sei durch seinen Ersten Bürger akut gefährdet, weil die Linke nichts von den Deichen wissen wolle. In der Tat stecken Cacciari und die italienischen Grünen, die den „Mose“ mit zivilem Ungehorsam ablehnen und erst am Dienstag kurzzeitig die Baustelle besetzten, im Dilemma:

          Kann man den Treibhauseffekt, das Abschmelzen der Polkappen und den steigenden Meeresspiegel ernsthaft beklagen und zugleich Deiche ablehnen? Jedes Gespräch mit Venezianern zeugt von der Komplexität des Problems. Seit dem sechzehnten Jahrhundert hat Venedig seine größte Bedrohung, die Verlandung durch Sedimente, mit gigantischen Fluß-Umlegungen und Baggerarbeiten in den Griff bekommen. Denn nicht die Fluten, sondern Niedrigwasser und Schlick bedeuteten die stete Todesdrohung.

          Das kollektive Bewußtsein der Venezianer verbindet daher das regelmäßige Eindringen und Abfließen der Adria mit der Vitalität ihrer Stadt; wird dieser Lebensstrom abgeschnitten, drohen Verlandung und verseuchtes Wasser. Dieser mythische Bezug zum feuchten Element ist heute nicht weniger lebendig als zu Zeiten der Serenissima, da der Doge seine Stadt alljährlich der Reichtum spendenden Adria vermählte.

          Schreckensgespenst einer monatelangen Blockade

          Nach derzeitigem Wasserstand müßten die beweglichen Deiche nur zehn- bis höchstens zwanzigmal pro Jahr für ein paar Stunden geschlossen werden - meist in den Sturmmonaten November oder März, wenn das unheimliche Heulen der Sirenen nachts regelmäßig Hochwasser ankündigt. Im Vergleich mit den niederländischen Deltadeichen in Seeland, die ein lebendiges Flußdelta abriegeln, ist das ein Klacks.

          Sollte der Meeresspiegel aber schneller steigen als die mindestens acht, höchstens sechzig Zentimeter, die für dieses Jahrhundert errechnet wurden, müßte „Mose“ Venedig wochen-, ja monatelang blockieren und hochgradig gefährden.

          So stehen die Venezianer wie ihre Vorfahren vor fünfhundert Jahren vor einer Schicksalsentscheidung: Zu viele Deiche könnten langfristig ebenso den Tod bringen wie ihre kurzfristige Abwesenheit, wenn nämlich wie 1966 die Murazzi - die künstlichen Meeresmauern auf der Insel Pellestrina - brächen und das Weltwunder Venedig nachhaltig unter Wasser geriete.

          Gegen den Deich aber für die U-Bahn

          Cacciari kennt diesen Zwiespalt und schlägt daher Alternativen vor: Schwimmdeiche, die bei Bedarf geflutet werden; aufblasbare Meeresbarrieren, die auch gegen Chemieunfälle und Ölteppiche im nahen Hafen von Marghera helfen sollen. Wenn, wie es derzeit aussieht, die Regierung Berlusconi bei der nächsten Wahl abtreten muß, dürfte die Linke des Veneto alles tun, um den „Mose“ kurz vor Toresschluß noch zu verhindern.

          Merkwürdigerweise unterstützt Cacciari den höchst umstrittenen Bau einer U-Bahn unter dem fragilen Lagunenboden bis mitten ins Arsenale-Viertel - ein Projekt, das nicht nur ökologisch für Venedig Dynamit bedeutet, sondern auch die letzten Residuen der einfachen Venezianer für Bauspekulation, noch mehr Hotels und Zweitwohnungen freigäbe.

          Wie sich diese heikle Großbaustelle mit der rabiaten Ablehnung der Deiche verträgt? In den Weinstuben an Rialto und San Marco zucken Venezianer aller politischen Couleur mit den Schultern. Allzu oft hat man ihrer Stadt den Untergang vorhergesagt, und bevor diese Jahrhundertdebatte zu Ende ist, werden sie noch häufig nasse Füße bekommen.

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