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Natur : Die Landflucht der Tiere

  • -Aktualisiert am

Immer mehr Tiere zieht es in die Stadt Bild: AP

Jahrzehntelang galt die moderne Stadt als lebensfeindlicher Ort. Doch immer mehr Tiere lassen sich hier nieder: Vögel, Füchse, Wildschweine. Sie verlassen das Land als Ort, den die industrialisierte Landwirtschaft zunehmend unbewohnbar gemacht hat.

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          Wer in den umweltbewegten siebziger Jahren Kinderbücher las, kennt die Geschichte so: Es lebten einmal glückliche Tiere auf dem Land. Scheu und unentdeckt, verbrachten sie ihre Tage in Nachbarschaft eines bunten Bauernhofes. Alle Tiere auf dem Hof hatten einen Namen, „Ulla“ hieß zum Beispiel die Kuh oder „Max“ das Pferd. Im Frühjahr blühten dort die Obstwiesen, im Sommer reifte das Korn, im Herbst war Ernte, und im Winter vergruben sich die wilden Tiere in einem Loch und schliefen. Eines Tages aber kommen die Bagger, sie graben die Wiesen um, die Bäume werden gefällt. Bestürzt blätterte man als Kind zur nächsten Seite. Nach dem Naturmassaker dann das: eine metallisch graue Stadt. Hochhäuser statt Bäume, Asphalt statt Wiese, wo Kühe grasten, parken Autos. Karl der Käfer oder Maulwurf Grabowski aber sind geflohen.

          Und als Kind verstand man beim Lesen: Mit den Tieren war man selbst gemeint. Die Stadt war kein Ort zum Leben, weder für Menschen noch für Tiere. „Das Krebsgeschwür“ nannte der Verhaltensforscher Konrad Lorenz die moderne Stadt, der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich sprach 1965 in seinem Manifest „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ von einem „Produkt des Todestriebs unserer Zivilisation“. „Die Stadt“, schrieb er, „war ein Biotop: ein Platz, an dem sich Leben verschiedenster Gestalt ins Gleichgewicht bringt und in ihm erhält.“ Damit, so Mitscherlich, hatte die lebensfeindliche moderne Stadt für immer Schluss gemacht.

          Unheimliche Unterwanderung

          Doch die Gewissheit von der Unwirtlichkeit der Städte wird seit einiger Zeit auf fast unheimliche Weise unterwandert. Die Zeichen können die Form von Verwüstung annehmen. In Vorgärten randalieren Wildschweine, Waschbären kippen nachts Mülltonnen um, Marder beißen auf Parkplätzen Bremsschläuche durch. Die Stadt ist Ziel einer Einwanderungswelle geworden, die sich zu Lande, zu Wasser und in der Luft bewegt, manchmal nur getragen von einer Windböe. Wildschweine, Waschbären oder Marder sind dabei nur Teil eines riesigen Puzzles, das gerade neu über Deutschland ausgelegt wird. Die Natur erobert sich den Stadtraum zurück, sie will auf dem Land nicht mehr bleiben.

          Topftier: Junger Fuchs vor einem Kindergarten in Würzburg
          Topftier: Junger Fuchs vor einem Kindergarten in Würzburg : Bild: picture-alliance/ dpa

          Es sind zwei Thesen, die der Münchener Evolutionsbiologe und Ökologe Josef H. Reichholf in seinem neuen im Oekom Verlag erschienenen Buch „Stadtnatur. Eine neue Heimat für Tiere und Pflanzen“ zusammenbringt und die auf Ergebnisse zurückgehen, die er und Fachkollegen in jahrelanger Forschung erarbeitet haben. Sie stellen auf den Kopf, was „Stadt“ und was „Land“ bedeutet, eine Umwertung der Werte, die quer durch das ganze Naturreich geht.

          Füchse als Flaneure

          Es gibt seit kurzem Untersuchungen, die belegen, dass selbst die artenreichsten Auwälder vom Baumbestand in Großstädten bei weitem an Vielfalt übertroffen werden. Dass in Berlin deutschlandweit die meisten Nachtigallen brüten. Oder dass es in Teilen von München fast so viele verschiedene Schmetterlinge gibt wie in erstklassigen Naturschutzgebieten. Gegen alle Voraussagen brüten Vögel in donnerndem Flugzeuglärm, bauen Nester auf dröhnenden Glockentürmen oder richten sich im Krach von Eisenbahnbrücken und Lasterkolonnen ein. Seltene Pflanzen blühen in Asphaltritzen, Füchse spazieren wie Flaneure durch die Innenstadt, Turmfalken gleiten durch Hochhausmeilen, als wären es Felsenschluchten.

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