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Nato-Gipfel in Polen : Ein Land im Waffenrausch als Vorbild für Europa

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Parteiübergreifender Konsens

Die Wissensgrundlage für diese bildungspolitische Aktion liefert das speziell dafür erstellte, 250 Seiten starke Lehrbuch „Die Organisation des Nordatlantikbündnisses“. Verfasst hat es der Politikwissenschaftler Robert Kupiecki, bekannter polnischer Vorkämpfer in Sachen Nato und unter der vorherigen Regierung stellvertretender Verteidigungsminister - er wirkt auch an der Organisation des Warschauer Gipfels mit. In der Presseerklärung zu der Schulkampagne werden denn auch Schulbesuche polnischer Beamter des Außenministeriums und ranghoher Nato-Funktionäre in Aussicht gestellt.

Kritik an dieser Art politischer Instrumentalisierung des Schulwesens sucht man in den polnischen Medien vergebens. Vielmehr hat etwa die liberal-konservative Tageszeitung „Rzeczpospolita“ am vergangenen Freitag den früheren Verteidigungsminister Janusz Onyszkiewicz mit einer Stellungnahme zitiert, worin er seine Sorge darüber äußert, dass das im Nato-Unterricht Erlernte bald vergessen würde. In der polnischen Jugend, betonte Onyszkiewicz, Vorstandvorsitzender der polnischen „Euro-Atlantischen Gesellschaft“, einer Lobby-Organisation der Nato, müsse das „Gefühl einer transatlantischen Gemeinschaft“ gebildet werden. Tatsächlich scheint dies als nächster Schritt auf der Agenda zu stehen, denn auf die Pflicht der nationalen Verteidigung werden die polnischen Schüler ohnehin schon seit einigen Jahren in zunehmendem Maße getrimmt. Und auch hier sticht der parteiübergreifende Konsens im Land ins Auge.

Denn nur er ermöglichte 2011 die Einführung des „Nationalen Gedenktags für die ,Verstoßenen Soldaten‘“, jene Mitglieder des antikommunistischen Untergrunds, die in den Jahren 1944 bis 1963 zunächst gegen die russischen Besatzer und später gegen das prosowjetische Regime Polens kämpften. Der Vorschlag kam von polnischen Veteranenverbänden und wurde 2010 vom früheren Präsidenten Lech Kaczyński, bevor er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, der Legislative übergeben. Anfang Februar 2011 wurde im Parlament nahezu einstimmig das Gesetz über den neuen Gedenktag verabschiedet, der seither jeden 31. März begangen wird – mit unübersehbaren Folgen.

Auf dem Schulhof wird geschossen

Denn auch er leistet der wachsenden Begeisterung der Polen fürs Militärische, für die die Popularität bewaffneter Militär- und Schützenvereine ein unmissverständliches Zeichen ist, erheblich Vorschub. Schon ist es Brauch geworden, dem antikommunistischen Kampf mit Schulaufführungen – von der Grundschule bis zum Gymnasium – zu huldigen. Die Schüler treten nicht nur in historischen Uniformen und mit Waffenattrappen auf. Mittlerweile wird auf manchem Schulhof auch – wenngleich mit Platzpatronen – mit echten Waffen geschossen, Rauchgranaten kommen ebenfalls zum Einsatz.

Das polnische „Institut für Nationales Gedenken“ (IPN) liefert unterdes nicht nur den Schulen immer neues einschlägiges Unterrichtsmaterial. Es fördert auch Sportsgeist im Zeichen des Widerstandskampfes, indem es für einen besonderen, unter der Schirmherrschaft von Präsident Duda stehenden Wettlauf wirbt, den die polnische „Stiftung für Freiheit und Demokratie“ zu Ehren der Helden der Widerstandsgruppe „Wolfsspuren“ jährlich veranstaltet. Die Teilnahme wird mit T-Shirts mit den Konterfeis der einstigen Kampfheroen – zu denen das IPN eine Comicreihe herausgegeben hat – sowie mit entsprechend gestalteten Medaillen belohnt.

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