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Nationalsport Baseball : Der Junge mit der Nummer 31 auf dem Trikot

  • -Aktualisiert am

Gespielt wird überall: Baseball ist auf Kuba weitaus mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung, es symbolisiert den Stolz und die Stärke des ganzen Landes Bild: Joanna Nottebrock

Baseball ist die amerikanischste aller Sportarten. Doch die Kubaner glauben, sie hätten das Spiel erfunden. Das ist ein Irrtum - und wie üblich auch einer mit gravierenden Folgen.

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          Was haben sie bloß, diese Männer? Warum schreien sie sich so an? Brüllen, fuchteln wild mit den Armen, der eine schmettert sein Kofferradio mit so großer Wucht gegen die Parkbank, dass es in seine Einzelteile zersplittert. Sie reißen die Arme in die Luft und wieder zur Seite, springen nach vorn und wieder zurück, eine wütende Choreographie.

          Havanna, Parque Central, mitten in der Altstadt, die in dösende Mittagsträgheit versunken ist. Und mittendrin diese brodelnde Runde aus Männern jedes Alters. Worum geht es? Um Politik? Wohl kaum, nicht auf einem öffentlichen Platz. Geht es um Frauen, Liebe, Eifersucht? Es geht um Baseball.

          „Baseball liegt uns im Blut!“, ruft der Mann, dessen Kofferradio gerade dran glauben musste. Die Kubaner, davon ist er so überzeugt wie die meisten seiner Landsleute, haben Baseball erfunden - nicht etwa die Amerikaner. Während deutsche Kinder auf dem Bolzplatz kicken, machen die Kubaner ihre Straße zum Spielfeld, auch wenn sie dabei zwischendurch mal einem Pferdekarren ausweichen müssen. Und in der Provinz stößt man auf improvisierte Spielfelder mit selbstgezimmerten Wartebänken.

          Eine ganze Nation träumt

          Egal, ob Obstverkäufer oder Oberarzt - auf Kuba liegt das monatliche Durchschnittsgehalt bei etwa fünfzehn Euro. Öl, Reis, Bohnen, das alles gibt es zwar für ein wenig Kleingeld, aber wer mehr oder etwas anderes will, dem bleibt nur der freie, aber teure Markt. Aus dem Mangel ist auf Kuba eine Kreativwirtschaft erwachsen. Eine Insel als riesiges Ersatzteillager, die an manchen Ecken aus der Zeit gefallen scheint. Am Straßenrand repariert ein junger Mann voller Hingabe ein vielleicht zwanzig Jahre altes Bügeleisen, hinter ihm türmen sich Ventilatorenflügel und Kabelstücke. Und der Schläger des jungen Straßen-Pitchers kommt direkt vom Baum, vom Vater mit einem Messer in Form geschnitzt. Den Handschuh dazu hat die Mutter aus Material- und Stoffresten zusammengeflickt.

          Das reicht zum Üben. Aber nicht viele schaffen es, wenn auch die meisten davon träumen mögen: ein Baseballstar zu werden. Am besten in Amerika. Laut sagen würde das keiner, auch nicht die Jungs, die an einem Samstagmittag in das nordkubanische Matanzas gereist sind, um dem Traum ein Stück näher zu rücken: Talentscouts und Trainer aus der ganzen Region sind angereist, um die besten Jungen für die Jugendnationalmannschaft auszuwählen. Auf der kleinen Tribüne am Rand des Spielfeldes sitzen aufgeregt die Mütter, „ay ay ay“ rufen sie, und „chico, vaya!“. Ihre Blicke und vor allem ihre Hoffnungen ruhen auf den Söhnen.

          Wie viele Jungen in seinem Alter träumt Davíd von einer Karriere als großer Spieler
          Wie viele Jungen in seinem Alter träumt Davíd von einer Karriere als großer Spieler : Bild: Joanna Nottebrock

          Die Brise vom Meer befreit den Platz vom beißenden Benzingeruch, der über der ganzen Industriestadt liegt. Davíd hustet trotzdem, Bronchitis. „Coooooorrre!“, ruft sein Trainer vom Spielfeldrand: „Renn, Junge!“ Davíd weiß, dass jetzt alle Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet ist, dass am Feldrand der Regionalboss des Baseball-Verbands sitzt, eine Liste mit Namen auf den Knien, und sich Notizen macht. Davíd ist erst vierzehn, aber er trainiert ernsthaft und diszipliniert. Fünf Tage die Woche jeweils mehrere Stunden lang und dabei immer sein Ziel vor Augen: einmal so groß rauskommen wie sein großes Vorbild Yoandy Garlobo.

          Das alles erzählt er am Abend auf dem Sofa vor dem Fernseher in der kleinen Dreizimmerwohnung, in der er mit Bruder, Eltern und der kranken Großmutter lebt. Er trägt immer noch die eng geschnittenen und gestreiften Hosen, die Baseballkappe und das Trikot mit der Nummer 31, der Startnummer von Garlobo. Die Mutter seufzt: „Eigentlich wollte ich, dass Davíd sich auf die Schule konzentriert, um vielleicht Medizin zu studieren oder Mathematik.“ Aber der Nachbar, ein Baseballtrainer, beobachtete den Jungen beim Spielen auf der Straße und erklärte ihr, er habe Talent. „Diese Chance wollte ich ihm nicht nehmen.“

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