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Nationalhymnen : The English are the best?

Wenn die britische Hymne ertönt, singen auch die Royals (zumindest manche) gerne mit. Bild: AP

Schotten, Waliser und Nordiren singen ihre eigenen Hymnen bei Sportveranstaltungen. Jetzt wollen die Engländer nachziehen, aber mit welchem Stück?

          4 Min.

          London, Anfang Februar. Touristen aus dem Ausland, die neulich erleben konnten, wie ein weißer Transporter drei Stunden lang Runden drehte um den Platz vor dem Parlament, während das Lied „Jerusalem“ mit unerbittlicher Beharrlichkeit aus dem Lautsprecher dröhnte, müssen den Verdacht geschöpft haben, dass es sich womöglich um eine Zurschaustellung der sprichwörtlichen Skurrilität des Inselvolkes gehandelt habe. Tatsächlich war dieser Zirkus eine Werbeaktion der Interessengruppe „England In My Heart“, die eine eigene englische Nationalhymne für Sportveranstaltungen fordert, bei denen eine englische Mannschaft antritt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Zu den vielen Eigenarten Britanniens zählt ja, dass in manchen Sportarten – Fußball, Cricket und Rugby – die vier Landesteile des Vereinigten Königreiches, England, Schottland, Wales und Nordirland, eigene Nationalmannschaften ins Feld schicken. Das hat seine Ursprünge im neunzehnten Jahrhundert, als die sogenannten Heimatländer nach und nach eigenständige nationale Verbände ins Leben gerufen haben.

          Angeregte Debatte auf Leserbriefseiten

          Bei der Gründung des Weltfußballverbandes zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren die britischen Organisationen bereits so etabliert, dass sie fortbestehen durften. Während Schotten, Waliser und Iren sich in ihren Nationalliedern inbrünstig des historischen Widerstands gegen den englischen Feind besinnen, weichen die Engländer in der Regel – außer beim Cricket – auf die blasse Nationalhymne der Union aus, in der bereinigten Fassung freilich. Denn ursprünglich zielte der Text darauf ab, die englischen Truppen anzufeuern, nachdem die Schotten sie beim Jakobiter-Aufstand von 1745 in die Flucht geschlagen hatten.

          Nun, da die einzelnen Nationen des Königreiches mehr Autonomie, wenn nicht gar völlige Unabhängigkeit anstreben und die gesamtbritische Identität weniger Akzeptanz findet, obwohl sie der regionalen Zugehörigkeit nie im Wege stand, wollen auch die Engländer ihre kulturelle Eigenständigkeit stärker behaupten. Symptomatisch dafür ist seit der Fußballeuropameisterschaft 1996 die vermehrte Präsenz des Georgskreuzes, das mit den anderen Länderflaggen des Königreiches den Union Jack verdrängt.

          Der Labour-Abgeordnete Toby Perkins versucht jetzt die Anomalie der fehlenden englischen Hymne mit einer privaten Gesetzesvorlage zu beheben. Sie wurde in der ersten Lesung, unter der ungewollten Begleitung besagten Transporters, durchgewunken, hat allerdings angesichts der arkanen parlamentarischen Prozedur wenig Aussicht auf Verabschiedung. Dennoch hat der jüngste von mehreren Anläufen eine mitunter nur halbernste, vornehmlich auf den Leserbriefseiten ausgetragenen Debatte angeregt über die Frage, welches Lied am besten geeignete sei.

          Einspruch bei fast jedem Vorschlag

          Zu den bevorzugten Optionen zählt William Blakes 1916 von Hubert Parry vertontes Gedicht „Jerusalem“, welches die himmlische Stadt auf Englands grünem und lieblichen Land beschwört. Mitten im Ersten Weltkrieg sollte es „den Geist der Nation stärken“. Dabei reimt sich Blakes revolutionäre Vision von einer besseren Welt als der kapitalistischen Industriegesellschaft des frühen neunzehnten Jahrhunderts bei näherer Betrachtung kaum auf die Stimmung des patriotischen Singalongs bei der Last Night of the Proms, wo „Jerusalem“ inzwischen jedes Jahr aus voller Kehle gesungen wird.

          Das mitreißende Lied wurde in den zwanziger Jahren vom britischen Hausfrauenbund (Women’s Institute) als eine Art Kampfruf für das Frauenstimmrecht adaptiert und dient bei manchen Sportveranstaltungen englischen Mannschaften bereits als Nationalhymne.

          Wie im Fall von „Jerusalem“ haben gelehrte Stimmen bei fast jedem Vorschlag Einspruch angemeldet. So fanden einige, der überholte imperiale Anspruch auf die Ausdehnung der Grenzen spreche gegen eine andere inoffizielle Nationalhymne, „Land of Hope and Glory“. Ein Kenner wandte jedoch ein, dass die fragwürdige Zeile, „weiter noch und weiter“, gar nicht vorkomme in der Urfassung des für die Krönung Eduards VII. geschriebenen Verses, den Edward Elgar auf Anregung des Königs einer Melodie aus seinen ersten „Pomp and Circumstance March“ anpasste.

          Immer kommt das verlorene Weltreich vor

          Bei dem patriotischen anglikanischen Kirchenlied „Ich gelobe dir, mein Land“ zur Melodie aus dem Jupiter-Satz von Gustav Holsts „Die Planeten“ stört die kriegerische zweite Strophe. Ein Leser aus Kent verwies auf die ebenfalls von Parry vertonte Rede Gaunts aus Shakespeares „Richard II.“ mit dem donnernden Loblied auf das gekrönte Eiland. Der ein oder andere machte sich für das Lied „There’ll always be an England“ stark, das den sentimentalen Patriotismus im Zweiten Weltkrieg verkörpert, aber auch da kommt wieder das inzwischen verlorene Weltreich vor.

          Die Last Night of the Proms, idealer Ort für „patriotische Singalongs.“

          Jacob Rees-Mogg, der stockkonservative Politiker, der aufgrund seiner sich dem Zeitgeist widersetzenden Vorstellungen mitunter als „der Abgeordnete für das achtzehnte Jahrhundert“ verspottet wird, erwähnte in seiner wunderbar ironischen Entgegnung auf den Gesetzesantrag von Toby Perkins das satirische Englandlied „The English, the English, the English are best“ des Revue-Duos Flanders and Swann. Rees-Moog bekannte, dass Elemente des Textes aus den frühen sechziger Jahren heutzutage Anstoß erregen dürften, konnte sich als Euroskeptiker allerdings nicht verkneifen, die Zeile zu zitieren, „und die Griechen und Italiener essen Knoblauch im Bett“.

          Passend zur gespaltenen britischen Seele

          Der konservative Abgeordnete bedauerte den trennenden Effekt des Ausdrucks individueller Nationalismen im Königreich und plädierte für die Beibehaltung von „God Save the Queen“. In Hinblick auf die britische Europa-Debatte brachte ein Witzbold das aus dem englischen Volkstanz hervorgegangene Kinderlied „Hokey cokey“ als Alternative ins Gespräch. Mit dem Refrain „Ein, aus, ein, aus“ passe dies zur gespaltenen britischen Seele, die sich demnächst wieder entscheiden muss zwischen einer Zukunft in Europa oder als „Kleinod, in die Silbersee gefasst“.

          Rees-Mogg gehört nicht zu den Zauderern. Mit seiner Vision für ein Britannien, das in der globalen Welt agiert, nicht bloß auf der engen europäischen Sphäre, ist er eindeutig für Brexit. Das dürfte allerdings das Ende des Vereinigten Königreiches beschleunigen, womit sich die Suche nach einer eigenen englischen Nationalhymne erübrigen würde.

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