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Werke von Chuck Close : Abhängen?

Der amerikanische Künstler Chuck Close sitzt im Jahr 2014 in seinem Zuhause vor einigen Werken alter Meister. Bild: AP

Wegen Belästigungsvorwürfen hat die National Gallery in Washington eine Ausstellung mit Werken des Künstlers Chuck Close auf unbestimmte Zeit verschoben. Was heißt das in der Konsequenz?

          Die Nationalgalerie in Washington hat eine Ausstellung mit Arbeiten des amerikanischen Künstlers Chuck Close auf unbestimmte Zeit verschoben. Close, der 77 Jahre alt ist, ist einer der berühmtesten zeitgenössischen Fotorealisten und Porträtisten. Bei der Sonderschau sollte es um 24 Bilder und Fotografien aus dem Bestand des Museums gehen. Hängengelassen wurde dort in der Sammlung sein Gemälde „Fanny/Fingerpainting“ aus dem Jahr 1985. Seit 1988 ist Close querschnittsgelähmt. Frauen, die er als mögliche Modelle für seine Fotografien zunächst zu sich ins Atelier kommen ließ, forderte er auf, sich auszuziehen. Einige dieser Frauen werfen ihm seit Dezember vor, sie dann sprachlich sexuell belästigt zu haben.

          Close gibt zu, vulgäre Sprüche gemacht zu haben, und er entschuldigte sich. „I acknowledge having a dirty mouth, but we’re all adults“, sagte er im Interview mit der „New York Times“. Mit dem Hinweis, dass die Beteiligten schließlich Erwachsene seien, wird er nicht davonkommen. Denn der Satz impliziert, dass erwachsene Frauen, quasi von Natur aus, mit schlüpfrigen Kommentaren zu rechnen hätten, wenn sie das Atelier eines Künstlerstars für eine audition betreten. Diese Zeiten sind hoffentlich demnächst vorbei (dass sie es längst sein sollten, ist auch nicht neu).

          Auf einem anderen Blatt steht allerdings nicht nur, ob die Entscheidung der National Gallery in Washington angemessen ist, die Sonderschau mit seinen Werken aus ihrem Bestand vorerst zu stornieren. Sondern ob das in der Konsequenz heißen kann, alle Arbeiten des Künstlers – und zwar in allen Museen weltweit – abzuräumen. Da ist doch Vorsicht geboten. Denn was, sei es auch nur angebliches, sexuell anstößiges Fehlverhalten angeht oder eben ähnlich beleidigende Darstellungen, wäre Close da in prominentester Gesellschaft: Ernst Ludwig Kirchner& Co., Egon Schiele und Balthus (dessen „Thérèse rêvant“ im Metropolitan Museum in New York wohl das Abhängen erspart bleiben wird) gehören dazu.

          Bei den Mördern sind es die üblichen Verdächtigen Caravaggio, Richard Dadd oder Walter Sickert, prophylaktisch (weil noch immer nicht ganz vom Verdacht befreit, Jack the Ripper gewesen zu sein). Dieses alte, stets unterschwellige Problem der Trennung von Person und Werk ist so virulent, weil nun lebende Personen involviert sind. Es war bloß eine Frage der Zeit, bis die Debatte aus der Film- und Fernsehindustrie, der Musikbranche auf die Kunstwelt übergreifen würde. Übrigens heißt die kategorische Antwort auf die Frage im Raum: Nein – nicht die Werke von Chuck Close und nicht die anderer Künstler. Abhängen muss die Ultima Ratio sein.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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