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Natalie Zemon Davis zum Achtzigsten : Die Ich-Erzählerin

Die Historikerin Natalie Zemon Davis hat der Historiographie die rituelle Seite der Gewalt gezeigt. Ihre eigene Geschichtsschreibung gleicht in ihrer Vielstimmigkeit und Inspirationskraft einem Roman. Heute feiert sie ihren achtzigsten Geburtstag.

          Ihre erste Publikation brachte ihren Mann ins Gefängnis. 1952 setzte Natalie Zemon Davis eine hektographierte Dokumentation über den Ausschuss des Repräsentantenhauses zur Untersuchung unamerikanischer Aktivitäten in Umlauf. Aus den Protokollen versuchte die Geschichtsstudentin zu beweisen, dass der Ausschuss in Wahrheit nicht kommunistische Maulwürfe bekämpfte, sondern die Ideen des Weltfriedens und der sozialen Gleichheit. Der Titel des Pamphlets: „Operation Mind“. Als Natalie Davis von einer Reise nach Frankreich zurückkehrte, wo sie Archivstudien für ihre Doktorarbeit über das Druckgewerbe von Lyon und die Reformation betrieben hatte, wurden sie und ihr Mann von Beamten des Außenministeriums erwartet, die ihnen die Pässe abnahmen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Chandler Davis wurde vom Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses vorgeladen, weil der Auftrag an die Druckerei, die „Operation Mind“ hergestellt hatte, seine Unterschrift trug. Eine eigenständige Urheberschaft der Ehefrau kam den modernen Inquisitoren nicht in den Sinn – ein Beispiel für die lange Dauer von unbewussten Annahmen über das Geschlechterverhältnis, denen Frau Davis in den Archiven wiederbegegnen sollte, als sie wieder reisen durfte.

          Exil in Toronto

          Chandler Davis verweigerte die Aussage und berief sich aus prinzipiellen Gründen nicht auf den Ausschluss der Selbstbezichtigung im fünften Verfassungszusatz, sondern auf den ersten Zusatz, das Recht auf Meinungsfreiheit. Wegen Verachtung des Kongresses wurde er angeklagt und verurteilt, der Oberste Gerichtshof nahm seinen Revisionsantrag nicht zur Entscheidung an. Die Universität von Michigan hatte den Mathematiker entlassen. 1960, nachdem er in einem Bundesgefängnis in Rhode Island seine Freiheitsstrafe von sechs Monaten verbüßt hatte, ging er mit seiner Familie ins Exil an die Universität Toronto.

          Chandler Davis hat kein Geständnis abgelegt und erst recht nicht um Gnade gebeten; von vornherein hat er dem Staat das Recht bestritten, ihn zu Erklärungen über seine Überzeugungen zu zwingen. In seiner Prozessakte gibt es also die Dokumente nicht, wie sie Natalie Zemon Davis 1987 in ihrem Buch über „Pardon tales and their tellers“ im Frankreich des sechzehnten Jahrhunderts untersuchte. Das frühabsolutistische Rechtswesen erscheint in diesem Ausschnitt als ein System der umfassenden Kooperation, der gemeinschaftlichen Verfertigung entlastender Geschichten. Die Gnadengesuche wurden von königlichen Notaren in der dritten Person aufgesetzt, doch hing ihre Glaubwürdigkeit daran, dass die Ich-Erzählung des Delinquenten durchzuhören war, die nach provisorischer Zusprechung der Gnade gerichtlich überprüft wurde. Ein volkstümliches Erzähltalent half in höchster Not, wenn der Totschläger anführte, er sei im Trubel eines Kirchenfestes von wilder Wut übermannt worden.

          Mütterliche Historikerin

          Dass Gewalt eine rituelle Seite hat, dass die karnevalistische Inversion der Sozialordnung nicht in ihrer Ventilfunktion aufgeht: diese Gemeinplätze von Regalmetern Frühneuzeitforschung gehen auf genialische Aufsätze von Natalie Zemon Davis zurück, die durch die Erfahrung der Studentenunruhen der späten Sechziger angeregt waren – und durch die Erinnerung an ihre liberale Erziehung auf Eliteschulen für Mädchen, wo auch die Verwirrung in kultiviertester Weise geregelt war.

          Die Historikerin kommt aus einer wohlhabenden jüdischen Familie in Detroit. Auf die Diasporasituation führt sie ihre Sympathie mit Randständigen und Grenzübertretern zurück. Ihre außerordentliche Fähigkeit zur Einfühlung geht so weit, dass sie sich die sozialkörperliche Weltanschauung, als die sie den katholischen Marienkult entziffert hat, sozusagen einverleibt, wenn sie bekennt, sie habe ein mütterliches Verhältnis zu den Personen ihrer Bücher, wolle die Menschen der Vergangenheit noch einmal zur Welt bringen. Inspiriert zu solchen Kühnheiten der Imagination hat sie als Probeleser ihr Ehemann, der unter dem Namen Chan Davis Science-Fiction-Geschichten schreibt.

          Geschichte als Roman mit Lücken

          Lawrence Stone, der Widmungsträger des Gnadengesuch-Buches, war nicht erfreut darüber, dass es den Titel „Fiction in the Archives“ trägt – dabei hatte er selbst mit dem Aufsatz „The Revival of Narrative“ die Losung für jene Historikerbewegung gegeben, deren phantasiereichste Vertreterin Natalie Zemon Davis ist. Ihre Magisterarbeit hat sie über Pietro Pomponazzis Theorie der doppelten Wahrheit geschrieben, die in der Zeit der Untersuchung unamerikanischer Aktivitäten höchst aktuell war. In ihren Büchern legt sie eine Pluralität von Wahrheiten frei, ohne dem Kanon der Archivforschung untreu zu werden. Auch ihre Historie ist mit der Definition von Paul Veyne ein wahrer Roman mit Lücken – nur dass Frau Davis weniger Lücken lässt als die Kollegen und der Vielstimmigkeit und Mehrsinnigkeit des modernen Romans nacheifert.

          Ihr Meisterstück ist „The Return of Martin Guerre“, die oft erzählte Hochstaplergeschichte. Dass Bertrande, die mit ihrem falschen Mann drei Jahre lang zusammenlebte, die unglückliche Geschichte ihrer Ehe ins Glückliche wenden wollte, ist die sozialhistorisch plausibel gemachte Hypothese der Autorin, die das Buch ihrem echten Mann gewidmet hat. Der heutige achtzigste Geburtstag von Natalie Zemon Davis ist ein Festtag für Historiker auf der ganzen Welt. „Women on Top“ heißt einer ihrer berühmten Aufsätze. Viele Fachgenossen führen sie auch alltags an der Spitze der Zunftliste.

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