https://www.faz.net/-gqz-14xzx

Nassim Taleb : Wir befinden uns in einer explosiven Situation

  • Aktualisiert am

Nassim Taleb Bild: Edge.org

Menschen konstruieren Theorien auf der Grundlage isolierter Nachrichten und machen sich zu „Narren des Zufalls“. Das Internet verstärkt diese Tendenz, es verwandelt die Welt durch die rasante Verbreitung von Informationen in ein Extremistan. Nassim Taleb hat sich daher auf Internetdiät gesetzt.

          2 Min.

          Früher dachte ich, das Problem mit der Information bestünde darin, dass sie den Homo sapiens zum Narren macht: Sie führt zu wachsendem, aber unverhältnismäßigem Vertrauen gerade in Bereichen, in denen Informationen mit einer gehörigen Menge Rauschen verbunden sind (etwa in der Epidemiologie, der Genetik, den Wirtschaftswissenschaften). Am Ende glauben wir, mehr zu wissen, als wir in Wirklichkeit tun, was im Wirtschaftsleben dazu führt, dass wir idiotische Risiken eingehen.

          Als ich mit Wertpapieren zu handeln begann, setzte ich mich auf eine Nachrichtendiät und sah die Dinge klarer. Ich bemerkte auch, dass Menschen zu viele Theorien auf der Grundlage isolierter Nachrichten konstruierten und sich zu „Narren des Zufalls“ machten. In Wirklichkeit ist aber alles noch viel schlimmer. Heute glaube ich darüber hinaus, dass die Zurverfügungstellung und Verbreitung von Informationen die Welt in ein Extremistan verwandeln - eine Welt mithin, in der nach meiner Einschätzung Zufallsvariablen von Extremen dominiert werden, bei denen schwarze Schwäne eine wichtige Rolle spielen. Indem es Informationen verbreitet, bewirkt das Internet zunehmende wechselseitige Abhängigkeiten ebenso, wie es Modeerscheinungen verstärkt - Bestseller wie Harry Potter oder ein Ansturm auf die Banken werden zu globalen Ereignissen. Eine solche Welt ist „komplexer“, sprunghafter und viel schlechter vorherzusagen.

          Was Zentralbanker übersehen

          Wir befinden uns also in einer explosiven Situation: Mehr Informationen, die wir vor allem dem Internet verdanken, führen zu mehr Vertrauen und mehr eingebildetem Wissen, während sie Entwicklungen zugleich unvorhersagbarer werden lassen.

          Die Wirtschaftskrise, die wir seit 2008 erleben, bietet ein gutes Beispiel: Ungefähr eine Million Menschen auf diesem Planeten verstehen sich selbst als Wirtschaftswissenschaftler. Nur eine Handvoll von ihnen jedoch hatte einen Begriff von der Möglichkeit und dem Ausmaß dessen, was geschehen konnte, und sicherten sich selbst gegen die Folgen ab. Noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit haben wir es mit einer solchen Ignoranz (wie anhand der Vorhersagefehler leicht zu bemessen ist) in Verbindung mit einer solchen intellektuellen Hybris zu tun gehabt. Noch nie zuvor haben Zentralbanker elementare Risikokennzahlen wie Schuldenstände, die schon die Babylonier gut verstanden, einfach übersehen.

          Ich wachse wieder

          Unlängst unterhielt ich mich mit einem Wissenschaftler von seltener Klugheit und Gelehrtheit, Jon Elster, der in seinen sozialwissenschaftlichen Forschungen Einsichten von Autoren der vergangenen 2500 Jahre integriert - von Cicero und Seneca bis zu Montaigne und Proust. Elster machte mich darauf aufmerksam, wie anspruchsvoll Senecas Verständnis des Phänomens der Verlustaversion war. Ich empfand Schuldgefühle angesichts der Zeit, die ich im Internet zugebracht hatte. Als ich nach Hause kam, fand sich in meiner Post ein Band mit postumen Essays von Bischof Pierre-Daniel Huet, „Huetiana“ betitelt, den seine Bewunderer um 1722 zusammengestellt hatten. Es stimmt mich traurig einzusehen, dass ich, der ich fast vier Jahrhunderte nach Huet geboren wurde und hauptsächlich Texte gelesen habe, die nach seinem Tod geschrieben wurden, kaum klüger bin als er. Wir Modernen sind nicht klüger als unsere Vorfahren in der Antike, allenfalls etwas weniger kultiviert.

          Also habe ich mich mittlerweile auf Internetdiät gesetzt, um die Welt ein bisschen besser zu verstehen - und wette einmal mehr auf entsetzliche Fehler der wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger. Ganz versage ich mir das Netz nicht; es handelt sich lediglich um eine strenge Diät mit strikter Rationierung. Zweifellos sind Technologien großartige Errungenschaften, aber sie haben viel zu scheußliche Nebenfolgen, die man zumal kaum je vorhersieht. Und seitdem ich mehr Zeit in der lauschigen Stille meiner Bibliothek verbringe, in der es kaum Informationsverschmutzung gibt, spüre ich, dass dies meinen Genen entspricht. Ich habe das Gefühl, ich wachse wieder.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mietkäufe bei Immobilien : Miete zahlen, Eigentum bilden

          Schon seit Langem versucht die Politik, aus mehr Mietern Eigentümer zu machen. Mehrere Parteien wollen jetzt Mietkäufe stärker fördern. Das Modell klingt gut, doch in der Praxis lauern noch Tücken.
          An der Alten Donau in Wien

          F.A.Z. Frühdenker : Und es wird noch heißer

          Vom Treffen zwischen Biden und Putin gehen Entspannungssignale aus. Bundespräsident Steinmeier ist in Polen. Die dänische Nationalmannschaft wieder im Stadion. Und in Deutschland wird es heiß. Der F.A.Z. Newsletter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.